Märtyrer

Ich bereite meine Sonntagspredigt für die JVA Rottenburg vor. Es  geht um „Petrus und Kornelius“ nach der Apostelgeschichte (10,21-35). Vermutlich ist Petrus nur wenigen Gefangenen ein Begriff. Ich schreibe:

„Petrus, übersetzt: „der Felsen“, lernen wir zunächst als einfachen Fischer Simon kennen. Er gehört zu den ersten Jüngern Jesu, also Leuten, die als Schüler dem Wanderrabbiner Jesus nachfolgen und von ihm lernen. Er ist also ein Mann aus dem Volk, der keinesfalls als besonders großartig beschrieben wird. Er hat oft Angst, zweifelt an der Bedeutung Jesu und verrät ihn sogar an die Häscher, die Jesus verhaften. Dieser ehemalige Verräter wird zu einem der größten Apostel, der schließlich in Rom für Jesus als Märtyrer stirbt. Die griechisch sprechenden ersten Christen haben den Begriff Märtyrer (wörtlich: Glaubenszeuge) geschaffen. Es ist keiner, der andere in den Tod bombt, sondern jemand, der lieber für seinen christlichen Glauben stirbt als diesen zu verleugnen und seinen Herrn zu verraten.“

Kaum habe ich u.a, dies geschrieben, stört mich eine eMail und bringt meine ganze Predigtidee durcheinander:

„Boko Haram schlägt wieder zu! Diese islamistische Terrorgruppe ist längst nicht besiegt, wie Regierung, Militärs und Polizei glauben machen wollen. Längst sind in unseren Medien die Nachrichten darüber verebbt, weil es leider ja auch viel zu viele andere Konflikt- und Kriegsgebiete gibt. Dennoch sehe ich mich als einer, der sieben Jahre in der Gemeinschaft mit den Christen in Nordost-Nigeria eine gute Zeit erlebt hat, gedrängt, auch hier auf die anhaltende Notlage hinzuweisen: Im Dezember 2019 wurden 4 Gefangene der Hilfsorganisation „Action against Hunger“ ermordet. Am Heiligen Abend 2019 wurden 11 gefangene Christen im Borno State von Boko Haram enthauptet. Bei einem Überfall am 3. Januar 2020 auf die Stadt Michika (nur ca. 60km von der Kirchenleitung der „Kirche der Geschwister“ entfernt) wurde der Distriktpfarrer ( Dekan) Lawan Andimi entführt und am nächsten Tag in einem Video als Gefangener von Boko Haram vorgeführt. In dem Video bittet er um Hilfe und zeigt sich erstaunlich gefasst und glaubensstark. (https://www.youtube.com/watch?v=soGoDzvJ868)

Lawan Andimi ist Pfarrer der „Kirche der Geschwister“, in der wir Mitarbeiter waren. Er ist verheiratet und Vater von acht Kindern. Zugleich war er der Vorsitzende der „Christlichen Kirchen in Nigeria“ in der Michika Region. 

In dem Video sagte er unter anderem: „Ich glaube, dass Gott lebt. .. Ich bin nie entmutigt worden, denn alle Umstände, in denen man sich wiederfindet, liegen in Gottes Händen. …. Durch Gottes Gnade werde ich mit meiner Frau, meinen Kindern und meinen Kollegen zusammen sein. Wenn ich diese Gelegenheit nicht bekomme, ist es vielleicht der Wille Gottes. Ich möchte, dass alle Menschen, ob nah oder fern, Kollegen und andere, Geduld haben. Weint nicht, macht euch keine Sorgen, aber dankt Gott für alles.“

Jetzt haben sie Lawan Andimi am Montag 20. Januar 2020 enthauptet. Boko Haram hatte wohl finanzielle Forderungen erhoben, die leider nicht in voller Höhe erfüllt werden konnten. Die Sorgen und Ängste in der Gegend sind jetzt enorm gestiegen, zumal von Boko Haram immer wieder neue Attacken gestartet werden, so auch in Chibok, wo ja schon 2014 die „Chibok Girls“ entführt worden waren – und von denen immer noch um die 100 in der Gewalt von Boko Haram gefangen sind – und in Yirmishika, wo wir schon damals eine der Kursgruppen unserer theologischen Fernkursausbildung hatten.

Nach dem Tod von Rev. Lawan ist der Aufschrei der Christen in Nigeria groß. Die Regierenden, allen voran der Präsident Mohammadu Buhari, würden in der Öffentlichkeit zwar ständig Versprechen abgeben, aber nichts veranlassen, die eigene Bevölkerung vor diesen Terrorgruppen zu beschützen, geschweige denn sie konsequent zu bekämpfen. Der Vorsitzende der „Christlichen Kirchen in ganz Nigeria“ (CAN Christian Association of Nigeria) erhob nach dem brutalen Mord schwerste Vorwürfe gegen die eigene Regierung. Sie sei wohl nicht in der Lage, die eigene Bevölkerung zu schützen und bat ausländische Regierungen u.a. auch Deutschland Einfluss auf die nigerianische Regierung zu nehmen. Das zeigt, wie groß die Sorgen der Christen in Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas sind.“

Kann ich das den JVA-Insassen zumuten? Ich fühle mich ja selbst als Gefangener.

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