Trans – und Posthumanismus

Die Evangelische Akademikerschaft lockt mich in die Tübinger  Universität, wo sie ein Symposium abhält zu den Menschenbildern des Trans- und Posthumanismus. Die Tübinger Uni hat mit einem „Cyber Valley“ für Künstliche Intelligenz (KI) ein Zentrum aufgebaut, das nicht zuletzt durch die Beteiligung der Firma „Amazon“ von vielen kritisch betrachtet  wird. Als Vertreterin dieser Forschung kommt bei der Podiumsdiskussion die Physikerin Dr. Gabriele Schweikert zu Wort. Ihr Schwerpunkt: „Entwicklung und Anwendung neuer Techniken des maschinellen Lernens für die Genosequenz-Analyse.“ Sie erweist sich als eine ziemlich selbstkritische Wissenschaftlerin, die alle Befürchtungen vor neuen „Frankensteins“ vergessen lässt.

Die anderen Vortragenden sind vor allem Ethiker, weshalb meine Erwartungen enttäuscht werden,  aus dem Munde von Protagonisten zu hören, was Trans- oder Posthumanismus“ denn sein soll. Ich lese: Transhumanismus ist eine Denkrichtung, die die Grenzen menschlicher Möglichkeiten, sei es intellektuell, physisch oder psychisch, durch den Einsatz technologischer Verfahren erweitern will. Der Schwerpunkt der Transhumanismusbewegung ist die Anwendung neuer und künftiger Technologien. Dazu zählen unter anderem: Nanotechnologie, Biotechnologie mit Gentechnik, „Gehirn-Computer-Schnittstellen u.a. Ähnlich  ist der Posthumanismus, der eine Zukunft des Menschen beschreibt, dessen Fähigkeiten die eines heutigen Menschen weit übersteigen. Es wird diskutiert, ob der Transhumanismus eine Spezialform  des Posthumanismus sei. In dieser Diskussion wird plötzlich Friedrich Nietzsche mit seinem „Übermenschen“ zum Ahnherrn dieser Debatte, die anscheinend vor allem von Geisteswissenschaftlern geführt wird. Das passt mir gut, da ich doch in den letzten Wochen als Vorbereitung für einen Gespärchskreis mal wieder ausführlich Nietzsche gelesen habe.

So verstehe ich,  warum man den Tübinger Philosophen Otfried Höffe um den Hauptvortrag gebeten hat. Professor Höffe sitzt in diversen Ethik-Kommissionen und führt uns von Aristoteles über Goethes Zauberlehrling bis Fukuyama eine breite philosophische Debatte vor. Natürlich bejaht er den Satz „Die Wissenschaft muss dem Menschen dienen“ und befürwortet bei aller Forschungsfreiheit eine strikte Kontrolle bei der Anwendung dieser Forschungen. Dass man beides nicht immer deutlich trennen kann, zeigt der jüngste Fall des Tübinger Hirnforschers Nikos Logothetis, dem man in Schanghai einen eigenen Forschungscampus einrichtet. Mit Logothetis verlassen auch etliche Mitarbeiter das Institut für biologische Kybernetik. Grund für den Exodus seien die Angriffe von Tierschützern und die mangelnde Unterstützung durch die Max Planck-Gesellschaft. Logothetis war wegen seiner Affenversuche heftig attackiert worden.

Immer wieder wurde als Korrektiv das „jüdisch-christliche Menschenbild“ beschworen, das ja auch von Politikern gern zitiert wird. Unklar bleibt meistens, was genau damit gemeint ist. Schon im Neuen Testament allein finde ich sehr verschiedene Menschenbilder. Ob die Theologie viel helfen kann, mag man bezweifeln. Immerhin meinte der Dekan  der Evangelischen Fakultät, der Kirchenhistoriker Volker Leppin, dass seine Zunft „eine große Erfahrung mit Irrtümern“ hat.

Die Hochschulpfarrerin Inge Kirsner wies noch auf die ideologiekritische Funktion des Comic-Helden „Superman“ hin, den die beiden amerikanischen Teenager Jerry Siegel und Joe Shuster in den frühen Dreißigerjahren als einen mit außerordentlichen Kräften versehenen Helden erfunden haben. Doch das Wort superman existierte damals in der englischen Sprache schon viel länger – als Übersetzung für Übermensch, das Nietzsche 1893 in „Also sprach Zarathustra“ für sein Ideal eines künftigen Menschen, der christliche Moralvorstellungen transzendiert, geprägt hatte. Kirsner meinte, dass die Figur nicht zuletzt gegen die Nazi-Adaption des „Übermenschen“ eingesetzt wurde.

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