Dalís Biblia Sacra in Rottenburg

Als Vikar musste ich 1976 einen Hausbesuch machen,, um mich für eine außergewöhnliche Spende zu bedanken. Es war die Mutter des bekannten Kunsthistorikers Götz Adriani, der damals die Tübinger Kunsthalle leitete. Er kam zufällig später dazu und war offenkundig nicht sehr begeistert von der Aktion seiner Mutter. Wir kamen ins Gespräch über moderne Kunst. Er meinte, eine christliche Kunst könne es nicht mehr geben, allenfalls Kunstgewerbe. Ich wunderte mich etwas, weil ich doch jahrelang in meiner Studentenbude einen Kunstdruck von Dalís Kreuzigung hängen hatte. 1951 löste  das Bild „Der Christus des heiligen Johannes vom Kreuz“ hitzige Debatten aus. Den einen war es zu fromm, andere fühlten sich verletzt. Der athletische Christus wird aus der Vogelperspektive gezeigt, sozusagen in der Luft schwebend mit Blick auf  die erlösungsbedürftige Erde.

Damals kannte ich noch nicht Dalís „Biblia Sacra“, die er 1963-1965 als eine großangelegte Bibelillustration geschaffen hatte. Die 1797 Prachtbibeln sind unerschwinglich und nirgends ausgestellt. Aber die 105 Erstdrucke der ursprünglichen Aquarelle sind jetzt im Diözesanmuseum Rottenburg zu sehen. Sie sind sogar den Bibelausgaben überlegen, da sie dort oft unangemessen beschnitten wurden. Neben Chagalls Bildern zur Bibel handelt es sich wohl um die wichtigste Bibelillustration des 20. Jahrhunderts. Es wäre wünschenswert, wenn irgendeine Bibelgesellschaft eine bezahlbare und vollständige  Ausgabe herausgeben könnte. Ich denke, Götz Adriani war damals ideologisch voreingenommen.

Allerdings habe ich die Feinheiten der Bilder erst mit dem (leider inzwischen vergriffenen) Katalog verstanden. Der Bamberger Kunsthistoriker und Theologe Dr. Matthias Scherbaum hat  alle Drucke ausführlich behandelt. Da erst versteht man die außergewöhnliche Bildung Dalís, der sich  offenbar nicht zum ersten Mal ausführlich mit der christlichen Tradition auseinandergesetzt hat. Obendrein zitiert er immer wieder Elemente der christlichen und allgemeinen Kunstgeschichte. Nur im Vergleich mit den entsprechenden Bibeltexten kann man die Mehrdeutigkeit seiner Bilder verstehen. Darum ist “Illustration“ eigentlich falsch. Es sind eigenständige Interpretationen und Weiterführungen.

Man muss schon die christliche Dogmengeschichte kennen, um zu begreife, wie er Monotheismus oder die Trinität malerisch umsetzt.

Salvador Dalí (1904–1989) gilt heute als wichtigster Künstler des Surrealismus. Er brach aber bereits 1948 mit der Gruppe der Surrealisten, bekannte sich zum Katholizismus und gestaltete zunehmend Werke mit religiösem Inhalt.

Müßig finde ich die Frage, ob Dalí sich nach seiner surrealistischen Phase wirklich zum Katholizismus bekehrt habe. Wer will das beantworten, da er doch das Spiel mit verschiedenen Identitäten liebte.

Im Einladungsprospekt heißt es: „Die Illustrationen zeugen von einer intensiven Auseinandersetzung Dalís mit den biblischen Texten. Sie bilden eine völlig eigenständige Bibelauslegung. Neben surrealistisch inspirierten Bildnissen wichtiger biblischer Personen, illustrierte Dalí vor allem die Erzählungen des Alten und Neuen Testaments. Manchmal arbeitete Dalí sich an kleinsten Details im Text ab, dann wieder ging er völlig frei mit der Bibel um und komponierte aus mehreren Textvorlagen ein Bild.

Dalí hatte bei der Darstellung einzelner Erzählungen, ähnlich wie mittelalterliche Künstler, immer die gesamte Heilsgeschichte im Blick: Er interpretierte das Alte Testament als Vorausdeutung auf das Neue Testament, die Geburt Jesu im Hinblick auf sein Leiden, das Kreuzesgeschehen im Wissen um die Auferstehung. Durch spezifische Farben oder Perspektiven verband Dalí Perikopen, etwa die alttestamentlichen Schöpfungserzählungen mit den Auferstehungs- und Neuschöpfungsberichten aus dem Neuen Testament. Den Tod Jesu stellte der Künstler als Transformation einer blutroten Wunde dar. Dalí zeigte anhand der biblischen Szenen aber auch menschliche Grunderfahrungen – Wut, Trauer, Schmerz genauso wie Hoffnung, Liebe und Geborgenheit. Ihm gelang es, christliche Verheißungen in ihrer ganzen Tiefe darzustellen: Auf den Mensch als leib-seelisches Wesen oder die Auferstehung nach dem Tod kann man bei Salvador Dalí einen ganz neuen Blick gewinnen.“

Die Ausstellung wurde bis zum 16. Februar 2020 verlängert.

https://dioezesanmuseum-rottenburg.de/06-10-2019-12-01-2020-biblia-sacra/

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