Heilige in Rußland

Die Zeit zwischen Heiligabend und Dreikönig nennt man auch „Raunächte“. Vielleicht, weil sie besonders rau und unwirtlich sind. Vielleicht kommt das „rau“ aber auch von „Rauch“, weil früher in dieser Zeit die Räume und Ställe mit Weihrauch geräuchert wurden, um böse Geister zu vertreiben.

Ich glaube nicht an Geister, aber ich habe in Ländern Afrikas und Asiens gearbeitet, wo man das tut. Ich musste lernen, dass unsere wissenschafliche Weltanschauung beschränkt ist. Das gilt auch für unsere davon abhängige evangelische Theologie in Deutschland. Das macht die Ökumene so schwierig, aber auch herausfordernd.

In diesen Raunächten habe ich das Buch „Heilige des Alltags“ des russisch-orthodoxen Mönchs Tichon Schwewkunow gelesen. Da kommt man aus dem Staunen nicht heraus, wenn man nicht einfach die vielen Wundergeschichten westlich-arrogant als Hirngespinste abtun will. Dazu ist die Orthodoxie zu wichtig und für Millionen die einzig wahre Religion. So heißt es schon im Klappentext: „ Geschichten, die das Leben schreibt, aus dem Alltag russischer Mönche. Jede Begebenheit erzählt von kleinen Offenbarungen, die sich täglich ereignen können. Dieses Buch möchte eine wunderbare Welt vorstellen, in der man nach anderen Gesetzen lebt und Heiligkeit und Glück näher liegen, als man vermutet.“

Nach der Information des EOS-Verlages, in dem die deutsche Ausgabe 2017 des mit ca. 560 Seiten sehr umfangreichen Buches erschienen ist, wurden über zwei Millionen  Exemplare verkauft. Das Buch gilt als „Klassiker der neueren spirituellen Literatur“.

Bischof Tichon Schewkunow schreibt in seinem Vorwort. „Es war nicht nötig, sich etwas auszudenken. Alles, wovon Sie hier lesen werden, ist wirklich passiert. Und viele der Personen, von denen hier berichtet wird, leben noch heute.“ Es ist also ein wahres Buch besonders aus der Zeit der zu Ende gehenden Sowjetunion und dem Wiederaufstreben des russisch-orthodoxen Glaubenslebens in Russland. Im Vorwort heißt es:

„Einmal, als wir noch ganz junge Novizen des Höhlenklosters von Pskowo-Petscherskij waren, liefen wir an einem warmen Septemberabend über Gänge und Galerien, kletterten auf die alten Klostermauern und ließen uns hoch über dem Garten und den Feldern gemütlich nieder. Beim Plaudern erzählte dort jeder, wie er dazu gekommen war, ins Kloster zu gehen. Und je länger wir einander zuhörten, desto mehr staunten wir.

Es war das Jahr 1984. Wir waren zu fünft. Vier von uns waren in nicht-religiösen Familien aufgewachsen und sogar beim fünften, dem Sohn eines Priesters, unterschieden sich die Vorstellungen über Menschen, die ins Kloster gehen, nur wenig von denen anderer Sowjetbürger. Noch ein Jahr zuvor waren wir alle davon überzeugt gewesen, dass in unserer Zeit entweder Fanatiker ins Kloster eintreten oder Menschen, die im Leben absolut nicht zurechtkommen. Ach ja! Und außerdem noch Opfer unglücklicher Liebe.

Doch wenn wir uns so betrachteten, sahen wir etwas völlig anderes. Der Jüngste von uns war gerade mal achtzehn Jahre alt, der Älteste sechsundzwanzig. Wir waren alle gesunde, kräftige, gutaussehende junge Männer. Einer hatte sein Mathematikstudium glänzend abgeschlossen, ein anderer war trotz seiner jungen Jahre ein in Leningrad bekannter Maler. Ein weiterer hatte den größten Teil seines Lebens in New York verbracht, wo sein Vater arbeitete, und war nach Beendigung seines dritten Studienjahres ins Kloster eingetreten. Der Jüngste, der Priestersohn, war ein talentierter Holzschnitzer, der gerade seine Ausbildung an einer Kunstschule abgeschlossen hatte. Auch ich hatte kurz zuvor mein Studium als Drehbuchautor am Staatlichen Institut für Kinematografie (VGIK) beendet. Alles in einem winkte uns damals eine äußerst beneidenswerte weltliche Karriere.

Warum waren wir also ins Kloster gegangen und wünschten uns von ganzem Herzen dort zu bleiben? Die Antwort auf diese Frage kannten wir gut: Weil sich jedem von uns eine wunderschöne, mit nichts Anderem vergleichbare Welt aufgetan hatte. Und diese Welt erwies sich als unendlich viel anziehender als jene, in der wir bis dahin unsere wenigen und auf ihre Weise auch sehr glücklichen Jahre verbracht hatten.

Von dieser wunderbaren Welt, in der man nach völlig anderen Gesetzen lebt als im gewöhnlichen Leben, von dieser unendlich hellen Welt voller Liebe und freudiger Entdeckungen, voller Hoffnung und Glück, voller Erfahrungen, Siege und lehrhafter Niederlagen, von einer Welt, die – und das ist das Wichtigste – von der machtvollen Anwesenheit und Hilfe Gottes erfüllt ist, will ich in diesem Buch erzählen.“

Und erzählen kann er hervorragend: Von Mönchen, die noch im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben und sich dann mit der atheistischen Sowjetmacht anlegen.

Von dem autoverrückten Boris Ogorodnikow: „Boris, der beste Sportler unter den Schülern der Oberklassen, ein sympathischer und lustiger Kerl, in den alle Mädchen seiner Klasse schrecklich verliebt waren, ging nach Schulabschluss zur Armee und diente die ganzen drei Jahre heldenhaft als Grenzsoldat auf der Damanskij-Insel, wo gerade der blutige Konflikt mit China in vollem Gange war. Er kehrte lebend und wohlbehalten in sein Tschistopol zurück – mit Auszeichnungen durch die Armeeführung und den Schulterstücken eines Unteroffiziers. Als Nächstes erwartete ihn die Hochschule. Boris hatte sich entschlossen, in die Automobilindustrie zu gehen, um neue, schöne Autos zu konstruieren, mit denen er dann selbst Gas geben, begeistert losbrausen und alles auf der Welt vergessen konnte. Doch eines Tages fiel dem Grenzsoldaten in Reserve in seinem Heimatstädtchen auf wer weiß welchen Wegen ein Buch in die Hände, das ihm und seinen Altersgenossen unter keinen Umständen hätte unter die Augen kommen sollen. Dafür sorgte das strenge Reglement des Staatsapparats unermüdlich. Aber offensichtlich war dort irgendetwas schiefgelaufen. Und nun betrachtet unser Held, der sich ans Ufer der Kama zurückgezogen hat, neugierig und misstrauisch dieses Buch. Dann schlägt er es auf und beginnt die ersten Zeilen zu lesen: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde…“ Wie schnell können Welten zusammenbrechen! Noch einen Augenblick zuvor hatten wir einen vorbildlichen jungen Sowjetmenschen mit einer tadellosen Vergangenheit und einer nicht weniger tadellosen strahlenden Zukunft vor uns. Aber auf einmal gibt es keine Vergangenheit und keine Zukunft mehr. Die Gegenwart hat begonnen. „Siehe, Ich mache alles neu!“ verspricht nicht nur, sondern warnt Jener auch ernsthaft, von Dem das Buch erzählt, das Boris Ogorodnikow, der künftige Vater Rafail, am Ufer der Kama erstmals, Zeile für Zeile, liest.“

Manche Wunder sind unglaublich komisch: Da wird eine große Summe aus der Klosterkasse geklaut und der Dieb vom Autor dank intensiver Gebete ausgerechnet in München gefunden.

Bei vielen amüsant erzählten Geschichten kommt  man nicht umhin, das orthodoxe Klosterleben zu bewundern. Doch es gibt auch ein anderes Gesicht der Orthodoxie. Ihre Kirchendisziplin nähert sich dem Fundamentalismus. Entsprechend seien Gehorsam und Vertrauen im Umgang jedes orthodox Gläubigen mit seinem spirituellen Mentor das Wichtigste, lehrt Tichon. Wobei er zugibt, dass echte Lehrer selten seien, anmaßende, die die Freiheit ihrer Protegés missachten, hingegen häufig anzutreffen. Umso mehr preist er seinen geistlichen Vater oder „Starez“, den Mönchspriester Ioann. Der in den fünfziger Jahren im GULag einsaß, habe seinen geistlichen Kindern nie Vorschriften gemacht, sondern sie höchstens angefleht, etwas zu unterlassen, bezeugt Tichon, den dieser Starez an das Jesus-Gebet heranführte und ihn später nach Moskau schickte. Er berichtet aber auch, wie es Schützlingen von Ioann, die seinen fürsorglichen Rat missachteten, übel erging.

„Ökumene“ ist für viele orthodoxe Kirchenvertreter ein Schimpfwort. Andere Konfessionen werden nicht anerkannt. Der Westen gilt als dekadent. Die Machtrangeleien der Bischöfe sind brutal. Bischof Tichon selbst ist bei allem Humor theologisch und politisch äußerst konservativ. Das hat  seiner Kirchenkarriere genutzt. 2018 ernannte ihn der Heilige Synod zum Metropoliten von Pskow und Porchow Er gilt mittlerweile als Beichtvater Putins und berät ihn vermutlich. So verteidigt er die Annexion der Krim.

„Tichon steht in der äußersten nationalistischen und obskuren Ecke der Kirche. Der Mensch führt Krieg gegen die moderne Kultur und Zivilisation“, sagte der Ausstellungskurator Andrei Jerofejew. Er wurde 2010 für seine Ausstellung „Verbotene Kunst 2006“ zu einer Geldstrafe wegen Anstiftung zur religiösen Feindschaft verurteilt – unter anderem aufgrund eines Gutachtens Tichons. „Damals schien mir das in all seinem Schwachsinn noch als marginale Extravaganz, jetzt ist es mehrheitsfähig.“

So ähnlich erging es mir in vielen Begegnungen mit der russischen Orthodoxie. Fasziniert von der Liturgie, der Schönheit der Ikonen, der Liebenswürdigkeit der einfachen Gläubigen, erstarrt man immer vor dem Dogmatismus und der Hartherzigkeit der kirchlichen Herrscher.

Das Buch mit seinen zahlreichen Fotos ist wie eine Reise nach Russland. Aber man sollte es kritisch lesen.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s