Ökumene als Liebesgeschichte

Der Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) Pastor Dr. Olav Fykse Tveit kam am 10. Dezember nach Württemberg zur Vorbereitung der nächsten ÖRK-Vollversammlung. Die Veranstaltung findet vom 8. bis zum 16. September 2021 in Karlsruhe  statt und hat das Thema „Die Liebe Christi bewegt, versöhnt und eint die Welt.“ Im Original ein anderer Akzent: „Christ’s love moves the world to reconciliation and unity“.

Die ÖRK-Vollversammlungen finden alle acht Jahre statt und haben eine wichtige Funktion im Leben der ÖRK-Mitgliedskirchen und der gesamten Ökumene. Als einzigartige Veranstaltung bietet sie dem ÖRK die Gelegenheit, seinen Weg als lebendiger Ausdruck der Gemeinschaft von Kirchen, die zusammen ihre gemeinsame Berufung leben wollen, weiterzugehen. Die Vollversammlung ist auch das oberste gesetzgebende Organ des ÖRK: Sie überprüft Programme, legt die allgemeinen Richtlinien für die Arbeit des ÖRK fest, wählt Präsident/innen und ernennt einen Zentralausschuss, der bis zur nächsten Vollversammlung als wichtigstes Leitungsgremium dient.

Bei dem Arbeitsbesuch in Stuttgart wirkte der norwegische Theologe in  zwei sehr verschiedenen Veranstaltungen mit, die schon die enorme Weite seiner Tätigkeit verdeutlichen.

Zunächst ging es am Nachmittag in der „Württembergischen Arbeitsgemeinschaft für Weltmission“ (WAW) um die Frage „Wo steht die Missionstheologie?“ In der WAW treffen sich die Vertreter aller möglichen Kirchen und Vereine, die sich in irgendeiner Weise mit Mission beschäftigen.

Tveit konnte sich auf die ÖRK-Missionskonferenz in Arusha/Tansania von 2018 berufen, wo insbesondere das christliche Zeugnis  der an den Rand Gedrängten („mission from the margins“) in den Mittelpunkt gestellt wurde. Doch wer ist „Mitte“, was ist  „Rand“?  Insbesondere in Deutschlands Volkskirchen halten sich viele noch immer für den Nabel der Welt, während doch die interessantesten Aufbrüche woanders stattfinden. Eine Funktion des ÖRK könnte sein, diese Geschichten weiter zu erzählen und Begegnungen zu ermöglichen. Mission ist dann nicht wie früher die Bekehrung anderer, sondern die Transformation der eigenen Tradition zur im Alltag gelebten Liebe Christi..

Zwar ist eine ÖRK-Vollversammlung kein allgemeiner Kirchentag, aber die badischen Gastgeber wollen möglichst viele kirchliche Kreise einbeziehen. Kirchenrätin Anne Heitmann erwähnte die Hoffnung des „sehr säkularen“ Oberbürgermeisters von Karlsruhe, der sich viel von der kirchlichen Kraft  zur Versöhnung erwartet.

Die Abendveranstaltung zum Tag der Menschenrechte stand unter dem Thema „Rassismus heute“. Neben Dr. Tveit sprachen aus eigener leidvoller Erfahrung Robert Reinhardt vom Landesverband deutscher Sinti und Roma und die Ethnologin Sabine Mohamed vom Max-Planck Institut Göttingen.

Es wurde daran erinnert, dass das „Antirassismus-Programm“ der ÖRK gegen die Apartheid in Südafrika beinahe den Austritt der württembergischen Landeskirche zur Folge hatten. Pietistische Kreise warfen jahrelang dem ÖRK die Unterstützung terroristischer Gruppen vor. Durch die Gründung von „Pro Ökumene“ konnte dieser synodale Antrag verhindert werden. Der damalige Direktor des Programms Baldwin Sjollema musste übrigens diesen Konflikt mit seinem eigenen Vater durchstehen, der ihn zum sofortigen Rücktritt aufforderte.

Tveit berichtete von heutige Bemühungen, die Folgen des Kolonialismus zu überwinden. Hassreden gegen Minoriten, sexuelle Gewalt gegen Frauen und Fremdenfeindlichkeit seien auch in den Kirchen anzutreffen. Die Auswirkungen der „weißen Überlegenheit“ müsse man als eine Art „Erbsünde der Kirche“ betrachten. Ohne den Namen zu nennen erwähnte er die Erschütterung seines Landes Norwegen durch das schlimmste  Attentat eines weißen Rassisten.

Aus dem Bericht des Generalsekretärs des ÖRK 2018 „Die ökumenische Bewegung der Liebe“:

Menschenwürde und Menschenrechte, die das Leben und die Würde jedes Menschen schützen, müssen nach dem Gebot Jesu Christi im Zentrum unserer Fürsprache als christliche Kirchen stehen. Sie sollten auch das Grundanliegen und die Botschaft all jener sein, die sich für die Heiligkeit des Lebens und für den Respekt vor Gott als Schöpfer aller Menschen einsetzen, egal wo sich diese Menschen befinden und in welche Schublade sie von manchen Leuten gesteckt werden. Rassismus in jeglicher Form ist das menschliche Versagen, die Vielfalt der Menschheit als gottgegeben anzuerkennen, und er ist eine Sünde vor Gott. Alle Arten, andere Menschen zu kategorisieren, um sie auszuschließen oder zu diskriminieren, sind per se ein Angriff auf den Glauben an den Gott des Lebens und der Liebe, den wir bewahren. Der Kampf gegen Rassismus ist für den ÖRK zu einer Priorität geworden und muss es bleiben, egal welche Form dieser annimmt. Selbst unsere eigenen hochgesteckten Ziele der Einheit, der Gerechtigkeit und des Friedens können manchmal uminterpretiert oder missbraucht werden, um Menschen zu dominieren oder zu diskriminieren. Durch einen ernsthaften Dialog untereinander, der auch einmal kritische Töne enthalten darf, können wir feststellen, ob sie tatsächlich der Liebe dienen, die wir zu fördern aufgerufen sind.

Den Einladungsprospekt ziert übrigens  ein Foto von einer Umbenennung der Berliner „Mohrenstraße“ in „Anton-W-Amo- Straße“. Der war der erste bekannte Philosoph und Rechtswissenschaftler afrikanischer Herkunft in Deutschland.

https://philomag.de/amo-der-afrikanische-philosoph-der-aufklaerung/

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