Zweiter Advent im Knast

Beifall gibt es in meinen Gefängnisgottesdiensten eher selten. Doch diesmal klatschen sie sogar bei der Begleitung der Lieder. Ich habe „die Hurgler“ zu Gast, eine Rottenburger Fasnetskapelle. Bei ihrem beschwingten Nachspiel kennt die Begeisterung der sonst so müden Insassen keine Grenze. „Zugabe“ fordern sie lautstark. Endlich  gehen sie fröhlich in ihre Zellen zurück.

Mich bestärkt diese Erfahrung in meiner Unzufriedenheit mit der üblichen Liturgie. In unserm  Gefängnis finden die Gottesdienste wechselnd unter katholischer und evangelischer Leitung statt. Die 60-80 teilnehmenden Männer dürften jeweils dieselben sein. Die Probleme mit dem offiziellen Gesangbuch auch. Selbst die populärsten Choräle singe ich meistens fast allein.

Wir starten mit Nr.  1  „Macht hoch die Tür“. Ich wundere mich, dass keiner dazwischenruft: „Dann schließ doch auf.“ Der schwere Schlüsselbund drückt unter meinem Talar. Die geniale Verdichtung des 24. Psalms von Georg Weissel, immerhin aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges, verfängt nicht. „Komm, o mein Heiland Jesu Christ, / meins Herzens Tür dir offen ist, /  Ach zieh mit deiner Gnade ein; / dein Freundlichkeit auch uns erschein. / Dein Heilger Geist uns führ und leit / den Weg zur ewgen Seligkeit. / Dem Namen dein, o Herr, / sei ewig Preis und Ehr.“   EG 1,5

Bis zur letzten Strophe haben viele das Lied noch nicht gefunden. Immerhin: Einer fragt später, ob er das Gesangbuch mit in die Zelle nehmen kann. Leider nein! Ich hoffe, er kann es aus der Gefängnisbibliothek bekommen. Die sollte ich mir demnächst mal ansehen Zehn Bücher pro Woche dürfen sie ja ausleihen.

Zum Gebet lasse ich sie aufstehen. So kehrt Ruhe ein, sogar bei der obligatorischen „Stille“. Ich dehne sie aus bis die Konzentration nachlässt.

Meine Predigt habe ich aufgeschrieben, spreche aber ohne Manuskript. So kann ich am besten unterbinden, wenn wieder einige losschwatzen wollen. Aus der nicht ganz leichten Perikope (Lukasevangelium Kap.21,25-33) nehme  ich den Wochenspruch „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht“.

„Erhebt eure Häupter!“ – das ist eine sehr vornehme Aufforderung. Wir normalen Leute haben Köpfe, nur bei Königen oder andern hochgestellten Persönlichkeiten sprechen wir vom „Haupt“. Offenkundig werden Christen geadelt, wenn wir so angesprochen werden.

Häufiger hören wir wohl das aufmunternde „Kopf hoch“. Da ist einer niedergeschlagen, krank, enttäuscht oder depressiv. Dann sagen Freunde und Bekannte: „Kopf hoch!“ Wenn wir allerdings merken, dass da einer sich billig  davon machen will, sich gar nicht auf unser Leid einlässt, reagieren wir sauer. Dennoch ist es befreiend, wenn wir selber unsern Kopf wieder frei kriegen.

In manchen Ländern werden Gefangene ganz bewusst klein gemacht. In China z.B. sieht man Gefangene, die schon vor dem Urteil den Kopf zu senken haben. Ein Angeklagter darf  da nicht aufrecht vor dem Richter stehen, der Verurteilte erst recht nicht. Ich hoffe, dass das hier keiner erlebt. Denn unsere Justiz will keine Rache, sondern Resozialisierung. Jeder soll einmal aufrecht dieses Haus verlassen können. Es mag sein, dass für die meisten die Entlassung eine Art Erlösung ist. Doch schnell wird man  merken: „Draußen“ gibt es neue „Gefängnisse“. Man kann gefangen sein von der Überforderung, sein Leben wieder zu organisieren. Gefangen von der Unfähigkeit, liebevolle Beziehungen aufzubauen. Zur Zeit sind viele in der Vorweihnachtszeit gefangen vom Konsumrausch. Doch wie jeder Rausch verfliegt der auch  schnell. Insbesondere wenn man Schulden macht. Deswegen ist Freiheit noch keine Erlösung, sondern eine Aufgabe.

Was ist denn Erlösung? Warum nennen  wir Christus Jesus den „Erlöser“? Traditionell gesagt: Weil er uns befreit von Sünde, Tod und Teufel.

Der Evangelist Lukas drückt das in Bildern seiner Zeit aus, die wir „apokalyptisch“ nennen. Apokalypse heißt einfach Offenbarung, wörtlich „aufdecken“. Hinter den schlimmen Katastrophen, die die Menschen zu allen Zeiten ängstigen, sieht er die gute Macht Gottes.

Ich übersetze: Gott hat das letzte Wort über uns. Leider haben die Menschen immer nur die Katastrophen ausgemalt. Eine ganze Filmindustrie lebt heute davon. Deswegen ist für viele Apokalypse ein anderes Wort für Katastrophe. Es ist aber in Wirklichkeit die gute Offenbarung Gottes in der Katastrophe. Weil unser Erlöser nahe ist, können wir trotz aller Katastrophen mit erhobenem Haupt durchs Leben gehen.

Jesus erklärt dies mit dem Hinweis auf den Feigenbaum. In seiner Gegend war der besonders markant. Im Winter wie tot. Auch unsere Bäume wirken wie tot. Aber es keimt schon das neue Grün. Wir sehen Winter, aber können wissen: der Frühling  ist nahe. So ist es auch mit uns. Wir mögen Kälte spüren, Hass und Frustration, aber das neue Leben ist schon da. Mancher fühlt ich hier wie ein totes, krummes Holz. Aber auch darin keimt neues Leben.  Wir sehen und fühlen es noch nicht, aber wir können aus diesem Vertrauen heraus leben.

Advent ist Zeit des Wartens und der Erwartung. Also nicht nur Zeit zum  Totschlagen. Oder zum  „Zeitvertreib“. Die Zeit soll man nicht vertreiben, sondern nutzen. „Auskaufen“ sagt der Apostel Paulus.  Sondern Zeit der Vorbereitung. Wie man sein künftiges Leben vorbereitet. Wie einem Gott zur lebendigen Kraft wird.

Ich habe mich in letzter Zeit mit Jens Söhring beschäftigt. Der war in den USA  als junger Mensch wegen Doppelmord zu zweimal lebenslänglich verurteilt. Es war ein zweifelhafter Prozess. In Deutschland wäre das Jugendgericht zuständig gewesen, vermutlich wäre  mangels Beweisen ein Freispruch erfolgt. Aber in den USA bedeutet lebenslänglich wirklich Knast bis zum Tod. Wie hält man das durch? Womöglich unschuldig jahrzehntelang zu sitzen? Er hat meditiert und seinen christlichen Glauben wiedergefunden. Er hat sogar Bücher darüber geschrieben. Und nun gibt es tatsächlich ein „happy end“. Man will ihn nun nach 30 Jahren nach Deutschland abschieben. Ich bin gespannt, wenn er demnächst nach Deutschland ausgeflogen  wird. Ich würde ihn gern zu euch einladen. Er kann hier bestimmt besser predigen als ich.

Jesus sagt: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht.“ Darum können wir auch in üblen Umständen mit erhobenem Kopf durch das Leben gehen.

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