Amazing Grace

Irgendwann 1965 hörte  ich als Schüler den Neutestamentler Eduard Schweizer, der Gottesdienste forderte, die so attraktiv wie Kino seien. Das gelingt eher selten. Seitdem habe ich  solche Gottesdienste in Deutschland allenfalls auf Kirchentagen erlebt.

Gestern abend allerdings wurde sogar das Kino zum Gottesdienst. Im nüchtern-schäbigen „Arsenal“-Kino in Tübingen wippten die Leute, sprangen auf und sangen mit. Gezeigt wurde „Amazing Grace“ mit der letztes Jahr verstorbenen Gospel-Sängerin Aretha Franklin. Wir gehen im Film aber zurück in das Amerika von 1972.

Wer ihre späten Fernsehauftritte kennt, muss erst einmal schlucken, wenn sie auf der Leinwand als junge Frau quasi aufersteht. In der schmucklosen Kirche (New Temple Missionary Bapist Church Los Angeles) nimmt an zwei Abenden die schon berühmte 29-jährige Sängerin eine Platte auf, die das erfolgreichste Gospelalbum aller Zeiten werden wird. So weiß man nicht, ob die beiden Abende nun Konzert oder Gottesdienst sein sollen. Ob es wirklich um den getauften Jesus geht, der immer mal wieder mit der kirchlichen Wandmalerei ins Bild kommt, um erstaunliche göttliche Gnade oder um Freude in allem Leid hier auf Erden? Wer weiß das schon. Sieben Kameraleute und der Regisseur Sydney Pollack huschen herum. Letzterer hat bekanntlich den Film vermasselt, sodass die Aufnahmen erst jetzt verarbeitet werden konnten.

Reverend James Cleveland, der „Hausherr“ der Kirche und selber ein begnadeter Musiker (als „King of Gospel“ bekannt), führt humorvoll und freundlich durch das Programm. Er bittet die paar hundert, die in seine Kirche passen, sich lautstark bemerkbar zu machen. Die Band spielt „On Our Way“ und der Chor läuft ein mit silbernen Boleros über schwarzen Hemden. Sie heizen die Stimmung an, singen sich schier in Ekstase mit ihrem tanzenden Dirigenten Alexander Hamilton. Die „First Lady of Music: Miss Aretha Franklin“, erscheint im langen strassbesetzten weißen Abendkleid. Sie setzt sich an den Flügel und zieht einen schon beim ersten Lied „Wholy Holy“ in den Bann. Es geht weiter mit Klassikern wie „Precious Lord“ von Thomas Dorsey und „How I Got Over“ von Clara Ward und endet mit einer epischen Version von „Never Grow Old“: Musik über Erlösung, die süchtig macht. Es sind ergreifende Momente, wenn Pastor Cleveland das Klavier stehen lässt und weint. Man sieht beseelte Zuschauer, die die Arme noch oben werfen, zwischen den Stühlen tanzen oder ekstatisch zuckend unter dem Sitz verschwinden.

Die Diva wirkt bescheiden. Als später ihr Vater, selber Baptistenpfarrer,  eine Lobrede hält, ist sie wieder die kleine Tochter, die schon mit ihm auf Tournee gegangen ist. Rührend, wie er ihr mit einem Tuch den Schweiß abwischt. „Während Cleveland sich ganz und gar nach außen verströmt, scheint Aretha Franklin derweil ganz bei sich. Es wirkt, als nähme sie kaum wahr, was um sie ist, ihr Blick ist die meiste Zeit wie nach innen gerichtet, fokussiert auf eine andere Dimension; das Publikum scheint für sie höchstens in weiter Ferne zu existieren.“ So ein Filmkritiker. Zum Publikum spricht sie wenig.

Manche Panne bleibt im Film: Da legt ein umgekippter Wasserbecher das Mikrophon lahm. Einmal setzt die Sängerin neu an. Alles wirkt deswegen sehr authentisch. Sie ist nicht Gott, wie Filmenthusiasten behaupten, aber  sie weist auf ihn hin.

https://www.youtube.com/watch?v=hI96HTk3EJ0

Es gibt auch in unseren Kirchen Bemühungen, Gospelmusik von Zeit zu Zeit aufzuführen. Aber irgendwie wirkt es immer wie eine Kopie. Es fehlt das afroamerikanische Umfeld. Um so schöner, wenn man wenigstens im Kino das Original erleben kann. Schließlich kann man nicht jeden Sonntag nach Harlem reisen.

 

 

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