Advent im Knast

Das Gefängnis ist ein gutes Symbol für den Advent. Alle Insassen warten. Sie warten auf ihre Entlassung. Manche jahrzehntelang. Wie hält man das aus?

Einer, dessen Entlassung nun überraschenderweise bevorsteht, ist Jens Söring. Verurteilt zweimal lebenslänglich wegen Doppelmord hat er inzwischen mehrere Bücher geschrieben. In „Ein Tag im Leben des 179212“ (Gütersloher Verlagshaus 2008) schildert er seinen unglaublich brutalen Alltag. Amerikanische Gefängnisse sind um einiges härter als deutsche. Die ganze Gesellschaft scheint von dem Gedanken geradezu besessen zu sein, dass Strafe sein muss. Deshalb gibt es kaum noch vorzeitige Entlassungen. Die amerikanischen Wähler verlangen das. Es geht ihnen um Rache, nicht um Resozialisierung.

Söring macht dafür eine evangelikale Religiosität verantwortlich, die sich eher an einem strafenden Gott orientiert. Er sieht Ursprünge bei Anselm von Canterbury und Jean Calvin, nennt aber ausdrücklich Jonathan Edwards (1703-1758) mit seiner phänomenal beliebten Predigt „Sünder in den Händen eines zornigen Gottes“. „In Amerika gehört diese Predigt zur theologischen Grundausstattung und wird in den Kirchen gelegentlich immer noch wiederholt. Bei konservativen Gläubigen, die ja in der überwiegenden Mehrheit sind, findet man das Konzept eines strafenden Gottes ganz offen. Sie sprechen häufig und gerne davon, dass sie „saved“ (gerettet) worden sind – gerettet vor der Hölle, der gerechten Strafe Gottes.“ S.158

Der Katholik Söring möchte eine „theologische Revolution: ein neues Verständnis von Gott.“ S.160

Er selber hat es durch Meditation gefunden. Seine Gewährsleute sind neben Meister Eckhart Dietrich Bonhoeffer und der niederländische Katholik Henri Nouwen („Der verlorene Sohn“). „Das Wunderbare an der Meditation ist, dass man endlich aufhört zu fliehen und sich die Gitter und Ketten des „Ich“-Gefängnisses genauer ansieht.“ S. 172

Zu den Übungen, die er praktiziert und sogar anleitet, gehört Tai Chi. So überwindet er das gefängnistypische Gefühl der völligen Einsamkeit. „Auch fördert Tai Chi eine gewisse Eleganz und Grazie, eine Sanftheit und Schönheit in der Weise, in der man die Bewegungen durchführt. Im Knast gibt es natürlich nur sehr, sehr wenig Elegantes, Schönes oder Ästhetisches, da ist es schon beinahe ein Schock, einer Tai-Chi-Gruppe zuzusehen. Wann sonst hat man als Häftling schon die Gelegenheit, sich selbst als elegant oder schön zu empfinden?“

Die theologischen Überlegungen helfen ihm, menschlich in einer unmenschlichen Umgebung zu bleiben. So schließt er den Tag: „Wie jeden Tag versuche ich mit Worten zu beten, was mir jedoch immer schwerer fällt: Wortlos verstehen Gott und ich uns besser. Aber ein Vaterunser und ein Credo gönne ich ihm doch! Dann bete ich für meine Freunde in der Außenwelt und meine Freunde im Gefängnis. Und zuletzt bete ich jeden Abend den letzten Vers von Psalm 142:

Führe uns aus dem Kerker / damit wir deinen Namen preisen. / Die Gerechten scharen sich um uns / weil Du uns Gutes tust.

Im Original ist  dieser Psalm im Singular, aber  ich bete ihn immer im Plural. Warum? Weil Gott gefälligst nicht nur mich aus dem Kerker herausführen soll, sondern all die anderen Gefangenen in diesem Buch auch. Dann sage ich mein Amen, drehe mich  um und schlafe sofort ein.“ S.198f.

Es sind ernste Gedanken wie sie zur Adventszeit passen. Jedenfalls besser als die unsäglichen Vorweihnachtsfeiern und Konsumorgien, mit denen sich viele betäuben. Wenn Jens Söring nach Deutschland kommt, lade ich ihn in unser Rottenburger Gefängnis ein. Denn er kann glaubwürdiger zu den Gefangenen predigen als ich es vermag.

https://www.welt.de/vermischtes/article203877650/Entlassung-nach-33-Jahren-Haft-Die-offenen-Fragen-im-Fall-Jens-Soering.html

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