Die Klugen und die Dummen

Sechs Posaunenbläser vom Kiebinger Musikverein unterstützen mich im Gefängnisgottesdienst und helfen dem schwachen Gesang auf. Großer Beifall belohnt ihre Mühe. Ob meine Predigt auch Beifall findet, weiß ich nicht. Einer schreibt immerhin mit. Ein anderer  findet. „Ich  habe was zum Denken.“

Diesmal hat  mir der vorgelegte Bibeltext besondere Mühe gemacht. Es geht um das Gleichnis von den zehn klugen und dummen jungen Frauen nach Matthäus 25,1-13.

Ich hätte gern so viel Zeit wie der Arzt und Komiker Eckart von Hirschhausen, der 2015 auf dem Stuttgarter Kirchentag vor zehntausend Leuten eine stundenlange Bibelarbeit hielt. Schon mit dem ersten Satz hatte er die Lacher auf seiner Seite: „Dass ich ausgerechnet in der Porsche-Arena über eine Geschichte spreche, bei der das Öl ausgeht, ist schon ein besonderer Witz.“ Ich habe höchstens zehn Minuten. Länger kann ich hier die Spannung nicht halten. Deswegen verteile ich meine „Predigt“ schon häppchenweise über die ganze Liturgie zum „Ewigkeitssonntag“.

Beginnen wir mit dem Positiven: Mir gefällt, dass es eine Ewigkeit gibt. Dass darüber nicht analytisch gesprochen wird,  sondern symbolisch in einem Gleichnis. Dass hier einmal junge Frauen im Mittelpunkt stehen; dass es um eine Hochzeit geht. Dass Warten eine Chance hat. Dass Klugheit belohnt wird. Dass ein waches Leben empfohlen wird.

Mir missfällt, dass sich die  Klugen asozial verhalten und nichts abgeben. Dass der Bräutigam auf sich warten lässt und  dann die Tür zuknallt. Dass er auch noch sagt: „Ich kenne euch nicht.“

Mir missfällt obendrein die Wirkungsgeschichte dieses Gleichnisses. Jahrhundertelang hat man sie an den Portalen mittelalterlicher Kirchen in Stein gemeißelt, damit auch der Analphabet begreift: „Es gibt ein Drinnen und ein Draußen“. Daran hat auch die Reformation wenig geändert. Sie hat nur die Chancen erhöht, dass „wir“ zu denen „Drinnen“ gehören.

Ja, da würde  ich gern in einer Bibelarbeit diese  Themen abarbeiten. Dann hätte ich die Chance, die spezielle Theologie des Matthäus zu erörtern und klarzustellen, dass es sich nicht um eine Rede Jesu handelt, die dieser so gehalten  hat. Doch in zehn Minuten?

Ich konzentriere mich auf das „Öl“, das ich als Lebensenergie übersetze. Und die kann ich tatsächlich nicht teilen. Ich kann mich bemühen, meine Kinder gut zu erziehen und hoffentlich ein Vorbild sein.  Aber Lebensenergie müssen sie in sich selber entwickeln. Ich kann als Pfarrer vom gelingenden, aber oft auch scheiterndem Leben erzählen, aber das Evangelium bleibt ein Angebot, das man auch ablehnen kann. Ich kann klar machen, dass diese Geschichte missbraucht wird, wenn wir Mauern zwischen „Drinnen“ und „Draußen“ hochziehen. Das Verhalten der jungen Frauen ist kein Beispiel für christliche Nächstenliebe.

Darum sage ich den Leuten, vor denen so viele Türen zugeschlossen sind, durch die ich wieder in meine bürgerliche Komfortzone zurückkehren kann, dass sie die Zwangszeit im Gefängnis nutzen können, um ihr Leben neu zu sortieren und positive Energie aufzuladen. Klugheit und Dummheit mischen sich ja normalerweise in einem. Das Leben ist zu schade, um die geschenkte Zeit mit allem möglichen Blödsinn zu „vertreiben“.

Ich wünsche mir eine Kirche, die diese Leute aufnimmt, wenn sie wieder „draußen“ sind. Sie fürchten sich davor, ein für allemal abgestempelt zu  sein.

Dass „Drinnen“ und „Draußen“ überwunden werden müssen, zeigt mir auch die heutige Zeitungslektüre. Eine weitere Reformation ist nötig.

Religionen sind nicht als Phänomene zu begreifen, denen es in irgendeiner Weise um „Frieden“ geht, schreibt der Historiker Wolfgang Reinhard in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ Das gilt auch für die eigentlich so friedfertigen Christen: „Weil sich alle Völker immer für besser als die anderen halten, hatte sich daraus historisch ein besonders penetrantes, weil doppeltes Überlegenheitsbewusstsein der Christen ergeben. Auf der einen Seite verachteten sie wie die antiken Griechen und Römer immer noch den Rest der Welt als Barbaren. Auf der anderen Seite verachteten sie wie die Juden und die Muslime als Bekenner monotheistischer Religionen den Rest der Welt als Ungläubige. Auf diese Weise verknüpften die Christen beides zu besonders brisanter Arroganz.“

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