Possibilisten

„Vom Ende der Klimakrise“ schreiben die mittlerweile durch die Medien recht bekannten Luisa Neubauer (geb. 1996) und Alexander Repenning (geb.1989). Der Untertitel „Eine Geschichte unserer Zukunft“ weist sie als Futurologen aus. Man mag einem alten Mann verzeihen, der schon manche Bewegung hat kommen und gehen sehen, dass er „Fridays for Future“ skeptisch sieht. Ähnlich enthusiastisch 1968 zum langen verändernden Marsch durch die Institutionen angetreten, musste meine Generation erleben, dass diese eher die Marschierer verändert als umgekehrt. Andererseits liest sich dieses Buch wie eine Verjüngungskur. Schließlich wird der Leser gleich geduzt. Imponierend sind insbesondere die in den jeweils eingestreuten Seiten persönlichen Erfahrungen. „Wir haben den größten Teil unseres Lebens noch vor uns. Und wir befürchten das Schlimmste. Doch wir haben nicht vor, uns unsere Zukunft nehmen zulassen.“ S.11.

Und darum schreiben sie, deren Generation angeblich nur noch 280 Zeichen Twitter aufnehmen kann, ein respektables Buch von über 300 Seiten. Mögen auch die Inhalte zur Klimakatastrophe den Kennern längst vertraut sein, so ist ihnen doch  gleichsam ein Handbuch gelungen, mit dem die jungen Demonstranten von „Fridays for Future“ vielleicht auf Dauer mehr bewirken als mit allen phantasievollen Aktionen. Sie machen nämlich Lust, für den Klimaschutz zu kämpfen. Dafür haben sie bei Jakob von Ueküll ein schönes Wort gefunden, das ich in meinen Sprachschatz aufnehmen werde, weil es die müde Resignation der Pessimisten ebenso überwindet wie die ahnungslose Blindheit der Optimisten. Sie wollen „Possibilisten“ sein, also „Ermöglicher“. Der Initiator des „Alternativen Nobelpreises“ ist darüber hinaus ein wichtiger Impulsgeber. Viele Preisträger gehören zu den Gewährsleuten einer besseren Politik. „Wir wissen, dass es Lösungen für die großen gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit gibt. Ihre Umsetzung ist nicht einfach und vielleicht noch nicht einmal wahrscheinlich  aber sie ist möglich. Und solange diese Möglichkeit besteht, solange lohnt   es sich, für sie zu kämpfen, von ihr zu erzählen und Menschen zu ermutigen, Teil dieser Lösungen zu werden.“ S.25

Jemand, der schon  länger sich mit diesen Fragen beschäftigt und versucht, verantwortlich zu leben, liest mit gemischten Gefühlen, dass sie die Generation ihrer Eltern anklagen, verantwortungslos geworden zu sein. Dabei geben sie zu, dass sie zu der privilegierten Klasse der Weltbevölkerung gehören. Aber es geht ja darum, gemeinsam gewissermaßen das Ruder herumzuwerfen. Sie haben recht, dass dies nicht nur durch Änderung des eigenen Lebensstils gelingen kann.

Wenn ich an die Debatten in  meiner Kirche denke, dann sind uns die Fakten mehr  oder weniger seit Anfang der siebziger Jahre vertraut. Aber wir haben vor allem Denkschriften, Predigten und Vorträge verfasst. Es kostete Jahre ermüdender Überzeugungsarbeit, um z.B. bloß fair gehandelten Kaffee im  kirchlichen Alltag durchzusetzen. Die „ewige“ Rede, dass es „fünf vor zwölf“ sei, hatte sich abgenutzt. Man hatte sich gewissermaßen an die kommende Apokalypse gewöhnt. Sie motivierte nicht zum öffentlichen Handeln.

Wissenschaftliche Erkenntnisse liegen schon länger vor. Dass aber schon 1896 der schwedische Chemiker Svante Arrhenius vor der Erderwärmung durch den Verbrauch fossiler Brennstoffe warnte, war mir neu. Da kann man schon ungeduldig werden. Bei der Klimakrise wird die Dringlichkeit  von der Geophysik diktiert. „Auch deshalb haben sich zehntausende Wissenschaftler*innen als Scientists For Future zusammengekommen, um unser Drängen zu unterstützen.“ S.62

Die Autoren wissen aber auch, dass Wissenschaftler käuflich oder gewissen Interesse verbunden sind. Sie kennen die Energiekonzerne und davon abhängigen Institute, die „alternative Fakten“  zur Verfügung stellen, um die Öffentlichkeit zu verwirren. „Auch Deutschland  kennt Institutionen, die sich bewusst in die Klimadebatte einmischen, um die  Agenda  ihrer Geldgeber durchzusetzen, zum Beispiel die Initiative  Neue Soziale  Marktwirtschaft. Sie sehen darin eine Kommunikationskrise. Ist es aber nicht eher eine Frage der Macht? Eine „Krise des fossilen Kapitalismus“?

Die Autoren sprechen lieber von einer „Wohlstandskrise“. „Investiert werden sollte in Sektoren, die eine große gesellschaftliche und individuelle Zufriedenheit erzeugen und dabei möglichst emissionsarm sind. Das sind zum Beispiel Bildung, Soziales, Gesundheit und Natur.“ S.182 Wie aber sollen diese Ziele finanziert werden? Ist eine nötige Vermögenssteuer durchsetzbar? Schon kommen wir zur „Gerechtigkeitskrise“. Eine gewisse „Klima-Apartheid“ gibt es schon. Noch sind es nur Nachrichten aus fernen Regionen, aber die Krise rückt näher: „Eben deswegen sind wir jungen Menschen die erste Generation, die den Klimaschutz aus unmittelbarem Eigeninteresse einfordert: Wir sind die ersten, die erleben werden, welche Wirkung Klimaschutz hat, oder im schlimmsten Fall, welche Katastrophen ein unterlassener Klimaschutz mit sich bringen wird.“ S.191

Zum Schluss gibt es reichlich Appelle, „moralische Streckübungen“. Durchaus sympathisch, aber leider nicht neu.

„Informiert euch“, rufen Luisa Neubauer und Alexander Repenning Leserinnen und Lesern gleich welcher Altersgruppe zu, „organisiert euch, fangt an zu träumen, fragt nach dem wirklich lebenswerten Leben und habt keine Angst davor, Privilegien aufzugeben.“ Vor allem aber gelte es, politisch zu denken. Gebetsmühlenartig werde sie nach jeder Podiumsdiskussion gefragt, was denn nun der Einzelne für den Klimaschutz tun könne. „Ja“, entgegnet Luisa Neubauer dann, „ein ökologisches Leben kann großartig sein und Spaß machen. Ich ermutige alle, es auszuprobieren. Aber entscheidend ist, dass gemeinsam Druck aufgebaut wird, die Strukturen zu verändern.“

Es ist zu wünschen, dass dieses kluge Buch auch von älteren Menschen gelesen wird. Der jugendliche Schwung ist sehr sympathisch. Die Autoren wissen, dass Ungeduld in Gewalt umschlagen kann. Bislang hält die Erkenntnis, dass gewaltfreie Bewegungen schlussendlich mehr erreicht haben als gewalttätige.

https://www.klett-cotta.de/buch/Tropen-Sachbuch/Vom_Ende_der_Klimakrise/110718

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