Volkstrauer

In meiner ersten Predigt als Vikar 1975 am „Vorletzten Sonntag des Kirchenjahrs“ sprach ich – wie auch morgen – über den von unserer Kirche vorgegebenen Bibeltext. Hinterher beschwerte sich eine Kriegswitwe, dass ich den „Volkstrauertag“ wohl vergessen hätte: „Da hat man seinen Mann verloren  und dann ist dies keine Erwähnung wert.“ Der Vorwurf  traf mich, denn ich wollte es ja gut machen. Und ich meinte, dass Bibel und Gebete die angemessene Reaktion für alles Leid, auch für Kriege und seine Folgen sind. Das Evangelium wäre doch eine froh machende Botschaft. Sie gilt insbesondere in Kriegszeiten, da sich die Hiobsbotschaften häufen.

Es mag aber sein, dass jene Frau Feiern zum Volkstrauertag gewohnt war, die ich auch noch aus meiner Schulzeit kannte. Weil ich  so schön Gedichte aufsagen konnte, wählte mich unser Deutschlehrer aus, um bei einer staatlichen Feier im großen Festsaal unserer Stadt „Hyperions Schicksalslied“ von Friedrich Hölderlin zu deklamieren. Mit meinen 14 Jahren verstand ich den Text nicht gut und war nur aufgeregt bedacht, nicht stecken zu bleiben. Hölderlin stellt in diesem berühmten Gedicht der schicksallosen Ruhe und seligen Heiterkeit der Götterwelt das Leben des menschlichen Daseins gegenüber. Da heißt es zum Schluss:

„Doch uns ist gegeben, / Auf keiner Stätte zu ruhn, / Es schwinden, es fallen / Die leidenden Menschen / Blindlings von einer / Stunde zur andern, / Wie Wasser von Klippe / Zu Klippe geworfen,  / Jahr lang ins Ungewisse hinab.“

Die  Rede vom „Schicksal“ hat Hölderlin nicht erfunden. Das ist quasi ein gottloser Glauben, wenn man sich hilflos ausgeliefert fühlt. Das Schicksal ist an die Stelle Gottes getreten, weil man nicht mehr glauben kann, dass ER „alles so herrlich regieret“. Es gibt kein DU mehr, dem gegenüber man sich zu verantworten hat, in dem man antwortet auf  die Fragen Gottes: „Wo warst du, wer bist du, was tust du?“ Ich war zu jung, um zu bemerken oder gar zu protestieren, dass die Töne dieser Feier die Absurdität des Krieges kaschieren. Sie tragen mit dazu bei, dass verdrängt wird, dass junge deutsche Männer in einen verbrecherischen Krieg zogen. Es wird verdrängt, dass sie nicht „fallen“ wie Blätter im Herbstlaub, sondern zerbombt, zerfetzt, vergast werden. Und Frauen und Kinder gleich mit. Kriege sind kein unabwendbares Schicksal. Sie nutzen bestimmten Machtinteressen. Das haben wir doch gelernt seit 1945: Kriege werden von Menschen geplant, vorbereitet und durchgeführt. Und seit 1945 hat die Kirche (zumindest die Evangelische!) endlich aufgehört, den alten heidnischen Satz des römischen Dichters Horaz zu wiederholen:  Dulce et decorum est pro patria mori: „Süß und ehrenvoll ist es, fürs Vaterland zu sterben.“ Den Satz haben Generationen von Lehrern ihren Schülern eingetrichtert und damit Kriege geistig vorbereitet. Und das wurde auch noch „humanistische Bildung“ genannt. Schluss damit! Stattdessen gilt das Bekenntnis des Ökumenischen Rats der Kirchen von 1948: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.“ Und unsere Evangelische Kirche ersetzt die heidnisch-antike Lehre vom gerechten Krieg durch die Zielbestimmung des gerechten Friedens.

Um mit dem fragwürdigen Kult am Volkstrauertag zu brechen, haben wir nach niederländischem Vorbild 1975 mit einer Friedenswoche begonnen, aus der dank der DDR-Kirchen dann  eine Friedensdekade geworden ist. Ohne diese Übung wäre die friedliche Revolution in der DDR nicht möglich gewesen.

Fairerweise muss ich anerkennen, dass mittlerweile sich die kommunalen Feiern auf den Friedhöfen und vor Kriegermalen verändert haben. Aber wird wirklich über Kriegsursachen und ihre  Überwindung nachgedacht?

Eine Pfarrerin sagte mir, dass sie niemanden findet, der in ihrer Gemeinde die Aufgabe eines „Friedensbeauftragten“ übernehmen möchte. Ist die allgemeine Verdrängung  der Kriegsursachen nicht viel bequemer?

Immerhin hat das „Parlament“ der Evangelischen Kirche (EKD) kürzlich eine eindrucksvolle Kundgebung zum Frieden verabschiedet. In welchen Gemeinden wird sie gelesen? In welchen Gruppen wird sie diskutiert?

„Eine neue friedensethische Herausforderung stellen automatisierte, teilautonome und unbemannte Waffensysteme dar, die auch zur Gefahrenabwehr und damit zum Schutz nicht nur von Soldatinnen und Soldaten, sondern auch von Zivilisten und Zivilistinnen eingesetzt werden. Gleichzeitig gibt es vielfältige Risiken: ein Absinken der Hemmschwelle zum militärischen Einsatz, eine Entgrenzung des Krieges oder auch die völlig ungelösten Fragen der Kontrolle und Verantwortung für die Folgen einer militärischen Aktion. Mit steigendem Autonomisierungsgrad werden diese Risiken größer und beträfen im Falle autonomer und teilautonomer Systeme auch elementare Fragen der Menschenwürde.“

https://www.ekd.de/kundgebung-ekd-synode-frieden-2019-51648.htm

Ich fürchte, meine Predigt morgen in der Evangelischen Kirche zu Rottenburg wird recht lang.

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