Frieden stiften

Im Knast ist wohl kaum ein Satz so befremdlich wie der Wochenspruch aus Jesu Bergpredigt: „Selig sind die Friedfertigen…“ Die alltägliche Erfahrung ist durch Unfrieden geprägt, Misstrauen ist die gewöhnliche Erfahrung. Wer nicht zurückschlägt, geht schnell unter. Auch meine – wie ich denke – präzisere Übersetzung ändert daran nichts: „Glücklich sind, die Frieden machen…“ Es geht nicht  nur um eine innere Haltung, sondern um ein aktives Tun. Die Verheißung zielt nicht nur auf ein seliges Jenseits, sondern auf ein befriedigendes Leben in unserer Zeit. Das gilt auch dann, wenn Friedensstifter oft zwischen die Fronten geraten. Glücklich wollen sie ja alle werden. Aber eben gern auch auf Kosten anderer.

Abstrakte Appelle nutzen wenig, sind gleich wieder vergessen. Kleine Geschichten aber bleiben haften. So erzähle ich vom Martinus von Tours, der in der Katholischen Kirche als Heiliger verehrt wird. In unserer Stadt gibt es einen Umzug mit vielen Kindern, wo seine Legende nachgespielt wird. Ein Reiter auf dem Marktplatz teilt seinen Mantel mit dem bedürftigen Bettler. Ich denke, auch ohne Heiligenverehrung gehört diese Episode zu unserer gemeinsamen Kirchengeschichte.

Leider wird  die Fortsetzung der Geschichte oft nicht erzählt. Martin war  ein heidnischer Soldat und hat erst später den christlichen Glauben angenommen. Das sollte ein Hinweis sein, dass Nächstenliebe kein christliches Monopol ist.

Übrigens ist Martinus da ein ziemliches Risiko eingegangen: Die Ausrüstung der römischen Soldaten gehörte schließlich dem Kaiser; und war ein staatliches Symbol der Macht. Den Mantel zu zerreißen, das war ein Staats-Vergehen.

Nach dieser Tat der Nächstenliebe erst  hat er den christlichen Glauben kennengelernt und hat sich taufen lassen. Sehr konsequent war es, dass er sich dann auch von seinem Beruf getrennt hat: Nach fünfundzwanzig Jahren im römischen Heer  wirft er dem Kaiser den Bettel hin –  kurz vor einer Schlacht bei Worms (356 n. Chr.).  Dem Kaiser Julian sagt er: „Bis heute habe ich dir gedient;  gestatte nun, dass ich jetzt Gott diene.  Ich bin ein Soldat Christi, es ist mir nicht erlaubt, zu kämpfen“.  Klar, dass ihm das als Feigheit vor dem Feind ausgelegt wurde. Aber damit hatte Martinus wohl gerechnet. Er bietet nämlich an, ohne Waffen in die Schlacht zu gehen, gern auch in der ersten Reihe.

Gott sei Dank blieb ihm der Beweis erspart, wie sehr er auf Gottes Schutz vertrauen kann: Vor Tagesanbruch schickten die Germanisch-Gallischen Gegner Unterhändler; es gab einen Waffenstillstand und keine Schlacht. Martins einziger Schaden war:  er musste auf das geschenkte Landgut verzichten, das der Kaiser jedem Veteranen zum Abschied schenkte –  zum Dank für treue Dienste bei der Truppe und zur Altersversorgung.

Aber da war er sowieso schon auf einem anderen Weg. Der Soldat Martinus wird Mönch;  aber sein Ruf verbreitet sich schnell im Land. Als die Stadt Tours einen neuen Bischof braucht, entführen sie ihn aus dem Kloster  und geleiten ihn mit Sprechchören bis in die Kathedrale.“  (Altfried G. Rempe)

Wenn ich solche Geschichten im Gefängnis erzähle, spüre ich eine ungeheure Skepsis. Gleichwohl hoffe ich, dass die Saat einmal aufgeht. Ich vertraue darauf, dass Menschen sich ändern können.

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