In memoriam Erhard Eppler

Zur Erinnerung an Erhard Eppler, der gestern verstorben ist,  lese ich noch einmal das Buch, das mich  am meisten beeindruckt hat: „Ende oder Wende. Von der Machbarkeit des Notwendigen“, (Kohlhammer Verlag 1975). Es erschien, als ich in den württembergischen Kirchendienst trat. Als frischgebackener Vikar lud ich sogleich  Eppler zu einem Vortrag „Was ich von der Dritten Welt für unser Land gelernt habe“ in unsere Gemeinde. Er war  damals als Spitzenkandidat der SPD  mitten im Landtagswahlkampf. Sein Gegner war der  aalglatte Hans Filbinger, später der umtriebige Lothar Späth. Beide Wahlen gingen krachend verloren.

Nachträglich wundere ich mich, auf welch hohem Niveau Eppler in jenen turbulenten Zeiten argumentierte. Bei meinem Praktikum in Indien 1972 hatte ich schon sein Buch „Wenig Zeit für die Dritte Welt“ (Stuttgart 1971) im Gepäck und überlegte ob ich  nicht seinetwegen in die Entwicklungspolitik gehen sollte. Damals war ich noch Mitglied der SPD. Ich entschied mich anders, blieb aber auch als Pfarrer dem globalen Süden und seinen Problemen verpflichtet. Ich begegnete ihm noch einmal sehr persönlich, als ich die Trauung seine Tochter gestaltete. Vater Eppler kam frisch von einem Berliner Parteitag, wo er mit Helmut Schmidt einmal mehr aneinander geraten war.

In den achtziger Jahren konnte  ich als Dozent in Tansania Epplers Thesen auf den Prüfstand stellen und musste manche seiner Illusionen begraben. Die Evangelische Akademie Bad Boll war damals die entscheidende Ideenschmiede für entwicklungs- und friedenspolitische Fragen. Von 1999 bis 2012 erlebte ich ihn dort als Tagungsreferent immer wieder. Später kam die Ökologie hinzu. Eppler hatte sich mittlerweile für den Kirchentag engagiert, wo er bedeutende Beiträge lieferte. Gleiches gilt für die Evangelische Akademikerschaft und „Offene Kirche“. Viele seiner weiteren Bücher habe ich verschlungen.

Bei meiner heutige Re-Lektüre von “Ende oder Wende“ fällt mir die alarmierende Sprache auf. Nach dem „Club of Rome“ mit seinen „Grenzen des Wachstums“ kam ja schon einmal das Gefühl des „5 vor 12“ auf, das natürlich mit den Jahren seine Wirkung verliert. Gleichwohl wäre uns viel erspart worden, wenn man Epplers Warnungen damals beherzigt hätte.

„Dass ein endlicher Erdball kein unendliches materielles Wachstum zulässt, ist eine Binsenweisheit. Dass diese Binsenweisheit erst zur Kenntnis genommen wurde, als Computer sie errechnet hatten, ist eine Parodie auf die Expertengläubigkeit unserer Zeit.“ S.9. Seine politische Forderung bleibt aktuell: Wir müssen entscheiden, was wachen soll und was nicht. Mehr Lebensqualität (damals ein neuer Begriff!) und weniger Müllberge z.B. Die damals prognostizierte Bevölkerungsexplosion ist längst eingetroffen. Nun drängen in unseren Tagen  die armen Massen zu den Wohlstandsinseln.

Prophetische Einsichten bald auf jeder Seite: „Je geringer der Spielraum nach innen, umso wahrscheinlicher die Betonung nationaler Interessen nach außen. Wer den Verteilungskampf im Innern nur mühsam in geordneten Bahnen halten kann, wird dazu neigen, im internationalen Verteilungskampf zwischen Rohstoffproduzenten und Industriestaaten eine harte Linie zu vertreten… Die Schwäche des Nationalstaats führt nicht zum Aufbau internationaler Entscheidungsstrukturen, sondern zum rücksichtslosen Gegeneinander nationaler Interessen und damit möglicherweise auch zur Krise internationaler Institutionen.“ S.17

Zwar mögen manche Daten veraltet sein, aber  die Grundrichtung der Epplerschen Analyse ist brandaktuell: „Was sich heute  als Reformmüdigkeit, als Nostalgie, als reaktionäre Welle oder gar als Neuauflage eines bornierten Nationalismus äußert, ist letztlich eine Krise der Hoffnung. … Wo die Zukunft überwiegend als Chance erlebt wird, dominiert Hoffnung. Wo die Zukunft überwiegend als Bedrohung empfunden wird, als etwas Undurchsichtiges, Undurchschaubares, Gefährliches, dominiert die Angst… Menschen klammern sich an die Sicherheiten der Vergangenheit, an Vorurteile, die wir längst für überwunden hielten.“ S.27

Im 3. Kapitel entwickelt Eppler die wichtige Unterscheidung von struktur- und wertkonservativ.  Die gilt gerade auch in der Kirche: „Wenn Kirchenaustritte ein Ausmaß erreichen, das schon auf mittlere Sicht die Volkskirche gefährdet, werden Strukturkonservative bei jedem Schritt ängstlich nach links und rechts schielen, um keinesfalls Anlass zu neuen Austritten zu bieten, während Wertkonservative es verständlich finden, dass Menschen, die seit langem nichts mit der Kirche im Sinn haben, ihr auch keine Steuer mehr entrichten. Sie werden fragen, wie die Botschaft, die der Kirche aufgetragen ist, so glaubwürdig ausgerichtet werden kann, dass sie in unserer Gesellschaft etwas bewirkt, auch auf die Gefahr hin, dass die Kirche neue Organisationsformen suchen muss.“ S. 31

Weitere Stichworte sind die Grundwerte, die fiskalischen Probleme und die Strukturpolitik. Seine Prognosen prüft er immer hinsichtlich der politischen Möglichkeiten. Er setzt sich mit Gesundheits- und Bildungspolitik auseinander. Immer wieder ist man erstaunt, wie lange wir schon die immer gleichen Probleme vor uns herschieben. Der „Machbarkeit des Notwendigen“ gelten seine damaligen Schlussüberlegungen. Immer wieder erwartet er Unterstützung von den Kirchen: „Es ist daher kein Zufall, dass gerade die Studentengemeinden bei der Studentenrevolte in der vordersten Front standen, dass die Bemühungen um Kriterien von Lebensqualität auch die Theologie erfasst haben, dass die Kirchen sich besonders des Umweltschutzes annehmen.“ S.123

Diese letzten Sätze lese ich mit Wehmut, denn in Württemberg hat der Oberkirchenrat einiges getan, um die Studentengemeinde ESG abzuwürgen. Dass heutige Studenten sich ohnehin pragmatischer orientieren, kommt noch hinzu. Mag sein, dass die jüngste Generation der „Fridays for Future“ diese Gedanken Erhard Epplers auch in der Kirche wieder anstößt.

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