14. Weltethos-Rede

Das „ Projekt Weltethos“ von Hans Küng habe ich von Anfang an unterstützt. Seine Verdienste für den interreligiösen Dialog sind immens. Darum konnte auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Weltethos-Rede den krankheitshalber abwesenden Professor Küng in den höchsten Tönen als großen Gelehrten preisen. Auch die Universität Tübingen konnte sich noch einmal in diesem Glanz geehrt fühlen, wenn Steinmeier die Tübinger Professoren Ernst Bloch und Joseph Ratzinger in einem Atemzug, und die berühmten Stiftler Hölderlin, Schelling und Hegel bemühte. Lange ist es allerdings schon her. Trotzdem fühlten sich die meist  älteren Zuhörer im Uni-Festsaal sichtlich geschmeichelt. Aktuell bezog er sich in seinen Ausführungen zur Kommunikation der Religion  dann mehr auf das demnächst erscheinende Buch von Jürgen Habermas „Auch eine Geschichte der Philosophie.“ (Band 1: Die okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen, Band 2: Vernünftige Freiheit. Spuren des Diskurses über Glauben und Wissen. 1752 Seiten, erscheint am 11.11.2019) Vielleicht sollte man gleich Habermas zur nächsten Weltethos-Rede einladen?

Man kann diese 14. Weltethos-Rede bequem im Internet nachhören, verzichtet dann aber auf die Freude des „Sehen und Gesehen werden“, die zu einer  solchen Veranstaltung nun einmal gehört.

https://www.weltethos.org/weltethos-rede/

Leute aus verschiedenen Berufen und wissenschaftlichen Disziplinen miteinander ins Gespräch zu bringen, ist gewiss ein wichtiger Effekt solcher Reden. Die „Stiftung Weltethos“ setzt dabei immer auf den „Promi-Faktor“, der für gehörige Aufmerksamkeit sorgt. Dies gilt besonders bei einem amtierenden Bundespräsidenten, obwohl der ja viele Reden hält und nicht jedes Mal etwas gänzlich Neues sagen kann.

Die Idee des Weltethos sei keinesfalls obsolet geworden, sagt Steinmeier, sie sei von historischer Dringlichkeit und enthalte einen kategorischen Imperativ, der die Menschen verpflichte zu Verständigung und Frieden, zum Aufeinanderhören, zum geduldigen Gespräch. Da hätte er den ehemaligen Tübinger Dozenten Philipp Melanchthon  (1512–1514) zitieren können, der schon vor Habermas feststellte: „Der Mensch ist zum Gespräch geboren.“

Küngs Engagement für Frieden und Verständigung unter den Religionen sei für ihn im August in Lindau bei der Weltversammlung von „Religions for Peace“ sichtbar geworden. „Hoffen wir alle zusammen, dass diese Saat weiter aufgeht.“

Tatsächlich hat man jetzt in der Bundesregierung die Bedeutung des Faktors Religion erkannt, vor  allem auch in den Krisen der Gegenwart. Allerdings sind die Schlussfolgerungen manchmal naiv. Das  wird das Küngsche Dictum „Kein Weltfrieden ohne Frieden der Religionen“ wie ein Mantra vorgetragen. Religionsdialoge auf höchster Ebene nutzen wenig, wenn manche Religionen eben nicht friedenswillig sind oder ein komplett anderes Verständnis von Frieden haben. Deswegen war es schade, dass Steinmeier den aktuellen Angriffskrieg der Türkei völlig ausgeklammert hat. Da kann man doch sehen, dass Muslime gegen Muslime kämpfen und die Religion einmal mehr Konflikt verschärfend wirkt. Dass wir dieses Phänomen auch aus der Christentumsgeschichte kennen, macht die Sache nicht besser.

Eine öffentliche Saaldiskussion ist in diesem Veranstaltungsformat leider nicht vorgesehen. Stattdessen gab es eine Art Podiumsdiskussion mit Eberhard Stilz und Anna Thomfeah von der „Stiftung Weltethos“. Hier zeigte der sonst so wohltemperierte Referent Emotionen, als er sich gegen die uninformierte „Quasselei“ in den Sozialen Medien wandte. Den jungen Leuten der Ökologie-Bewegung empfahl er Geduld, die die Demokratie nun einmal brauche. Man solle ihre Möglichkeiten nicht kleinreden. „Demokratie ist die Staatsform der Mutigen.“ Gedanken an eine „Ökodiktatur“ lehnte er darum ab und rief dazu auf, an einer verbesserlichen Welt zu arbeiten.

In meinen eigenen jahrelangen interreligiösen Dialogen musste ich die Erfahrung machen, dass insbesondere Vertreter von Islamverbänden solche Begegnungen für ihre Werbung nutzen, aber kein Interesse etwa an kritischen Anfragen haben. Ich fürchte, dass daran auch die Einrichtungen von Islam-Instituten wenig ändern. Dass der islamische Religionsunterricht beispielsweise die Friedensbereitschaft junger Muslime fördert, halte ich für ein Gerücht. Besser wäre es, wenn unsere Schulen kritische Rationalität im Sinne Habermas‘ in allen Fächern unterrichten.

Mir persönlich gab schon die erste Weltethos-Rede von Tony Blair einen Dämpfer. All die schönen Ausführungen zur Ethik hielten ihn ja nicht davon ab, zusammen mit den USA einen völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Irak aufgrund von Lügen zu führen.

Vielleicht wäre es besser, wenn die „Stiftung Weltethos“ künftig weniger auf prominente Politiker setzt, sondern  mehr unbekannte Friedensaktivisten ins Rampenlicht bringt.

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