Wer versteht die Welt?

Dass ich in einem deutsch-amerikanischen Institut keinen USA-kritischen Vortrag erwarten kann, war mir klar, als ich kürzlich an der  Veranstaltung „Wir verstehen die Welt nicht mehr“ mit dem Berliner Journalisten Christoph von Marschall teilnahm. Im Wesentlichen referierte er die Thesen seines gleichnamigen, nicht mehr ganz neuen  Buches (Herder Verlag 2018). Angesichts der jüngsten Ereignisse hätte er treffender formulieren können. „Der amerikanische Präsident versteht die Welt nicht.“ Zwar sparte er nicht mit kritischen Bemerkungen über Donald Trump, verschwieg aber, dass für das Desaster im Nahen Osten schon frühere US-Präsidenten hauptverantwortlich sind, nicht zuletzt auch der von vielen deutschen Journalisten bejubelte Obama.

Stattdessen kritisierte Dr. von Marschall die deutsche Politik als zu risikoscheu und pazifistisch. Die Forderung nach mehr robuster Macht wird immer gern mit „mehr Verantwortung übernehmen“ verschleiert. Gemeint ist die Bereitschaft  zu  mehr militärischer Einsatzbereitschaft in aller Welt. Dass unsere Verfassung das nicht erlaubt, wird da großzügig übersehen. Um dieser Forderung Gewicht zu verleihen, wird sie als Stimmung der befreundeten Regierungen ausgegeben. Deutschland, das aufgrund der Last der Geschichte nach wie vor eine Sonderrolle beansprucht, habe mehr Verantwortung zu übernehmen, auch militärische. „Doch gerade in der Sicherheitspolitik ziert es sich.“

Alle Verbündete eine, dass sie den Deutschen den nicht unberechtigten Vorwurf machen, dass sie sich überall heraushalten wollen, wo sie Verantwortung übernehmen müssten; sei es wirtschaftlich, sei es in der Migrationsfrage, sei es militärisch. „Wir haben einen neuen deutschen Sonderweg, obwohl wir eigentlich keine Sonderwege mehr gehen wollten. Es gibt eine neue deutsche Frage unter umgekehrten Vorzeichen. Eine Frage an uns Deutsche: Wie wollt ihr eurer Verantwortung in der Welt gerecht werden?“

So mokiert er sich darüber, dass die Bundesregierung die 2%-Forderung der NATO nicht erfülle. Kein Wort verliert  er aber, dass die alte Forderung nach 0,7% für Entwicklungshilfe seit Jahrzehnten massiv verfehlt wird. Sollte man nicht die Fluchtursachen bekämpfen?

Mehr Prinzipientreue im Umgang mit der Türkei fordert der Tagesspiegel-Journalist. Die Erpressungspolitik in Ankara müsse ein Ende finden. Schließlich sei die Türkei als Nato-Mitglied ein Bündnispartner des Westens. „Sie verhält sich aber nicht wie ein Verbündeter, sondern sie macht ganz gezielt Politik gegen ihre Verbündeten, wenn es ihr regionalpolitisch in den Kram passt.“ Da müsse man dem türkischen Präsidenten Erdogan sagen, dass dies nicht gehe. „Entweder bist Du im Bündnis oder Du bist außerhalb des Bündnisses.“ Das ist ein frommer Wunsch! Die Türkei war nie ein Vertreter „westlicher Werte“. Sinnvoller wäre die Forderung, dieses Land, das gerade einen Angriffskrieg unternimmt, aus der NATO auszuschließen. Hier wäre  in der Tat mehr Prinzipientreue der EU (und nicht nur Deutschlands) angemessen.

Eingangs beklagte der Referent, dass dank der sozialen Medien die meisten Leute nur noch die eigene Meinung bestätigt finden wollen. Er wünschte sich, dass man öfter sich Positionen anhöre, mit denen man nicht übereinstimme. O.K., diesen Wunsch habe ich erfüllt.

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