Der heilige Henry

Morgen wird im Vatikan Kardinal Henry Newman offiziell heiliggesprochen. Ich erinnere mich, dass er mein Theologieexamen verdorben hat, ausgerechnet in meinem Lieblingsfach Kirchengeschichte. Und das kam 1971 so: Der prüfende Professor befragte mich nach meinen Spezialgebieten „Luther und das Papsttum“ und „Augustinus“. Das lief ganz gut, da ich Latein schon  auf der Schule gelernt hatte. Plötzlich fragte er: „Was fällt ihnen zu „Numen“ ein?“ Mmh, dachte  ich: „Eigentlich nichts.“ Im Lateinischen bedeutet „numen“ „Göttliches Walten, Gottheit, u.a.“ Während ich noch grübelte, wo  dieser Begriff bei Augustinus (354-430) vorkommt, hörte ich schon: „Mit dem 19. Jahrhundert haben Sie sich wohl nicht so beschäftigt?“ Er meinte Kardinal Newman (1801-1890) aus England. Solchen Gedankensprüngen, noch dazu in eine andere Sprache, muss man erstmal folgen. Mein Protest nutzte nichts.

Nun, John Henry Newman, ursprünglich anglikanischer, später römisch-katholischer Theologe kann nichts dafür. Mit einigen seiner Schriften habe ich mich dann doch beschäftigt. Aber sehe ich ihn als Heiligen? Allenfalls im Sinne des Apostels Paulus, nach dem jeder getaufte Christ Anteil am Heiligen hat.

Claudia Kaminski (Vatikan) schreibt:

„Die wahre Wirklichkeit war für Newman die Wirklichkeit des Himmels. Für seinen Grabstein wählte er daher den Spruch: „Ex umbris et imaginibus in veritatem“ (Aus Schatten und Bildern zur Wahrheit). Die Suche nach der Wahrheit bestimmte sein Leben, und nach einer langen inneren Reflexion gelangte er zu der Überzeugung, dass die Antworten auf die tiefsten Fragen nur in der katholischen Kirche zu finden seien. Der 1801 in London geborene Newman wächst in der Atmosphäre eines christlich geprägten Elternhauses auf. Lektüre religionskritischer Schriften führt im Alter von 15 Jahren zu einer ersten geistig-religiösen Krise, die ihn schließlich zu einem frommen Anglikanismus bekehrt. Diese sogenannte „erste Bekehrung“ führt dazu, dass er 1817 als Student der Theologie ins Trinity College von Oxford eintritt. Bereits mit 21 Jahren wird er Assistent am Oriel College und 1825 zum anglikanischen Priester geweiht. Der junge Theologe sieht seine Aufgabe darin, die anglikanische Staatskirche als mittleren Weg zwischen Katholizismus und Protestantismus aus dem Urchristentum neu zu definieren und zu etablieren. Eine von ihm in 39 Artikeln 1841 vorgelegte Neuinterpretation seiner Kirche wird als „zu katholisch“ abgelehnt, sodass er sich zunächst zurückzieht. Den letzten Anstoß zu seinem Übertritt zur katholischen Kirche bewirkt dann die gemeinsame Errichtung eines Bistums in Jerusalem von Anglikanern und preußisch-evangelischer Kirche.“

1832 reiste er nach Rom und war – anders als Martin Luther – beeindruckt von einer sakramentalen Sicht von Kirche. Durch das Studium der antiken Kirchenväter kam er zu dem Ergebnis, dass die römische Kirche legitimer Erbe der Urkirche sei. 1845 wurde er in die römische Kirche aufgenommen und entwickelte sich zu einem konservativen Priester und Professor, der u.a. die damals jüngst festgelegte Lehre der Unfehlbarkeit des Papstes verteidigte.

Newman starb als ältestes Mitglied (89) des Kardinalkollegiums am 11. August 1890 in Edgbaston. Bei der Öffnung des Grabes 2008 wurden im Sarg lediglich Reste von Kleidern gefunden. Damit war das für die Heiligsprechung nötige  Wunder gefunden. Es wurde 2011 von Benedict XVI. anerkannt.

Was hätte ich also in meiner Prüfung auf „numen?“ antworten sollen? Vielleicht dies: Im Zeitalter der Ökumene halten wir Konversionen für unnötig, da jeder Christ daran arbeiten sollte, dass seine Gemeinschaft sich um die Nachfolge Jesu bemüht. Keine Kirche ist aus sich heilig, sondern auf die Heiligkeit Gottes verwiesen. Insofern ist die Formulierung „Gemeinschaft der Heiligen“ im sog. apostolischen Glaubensbekenntnis missverständlich. Eine gewisse Ordnung muss es in einer Gemeinschaft geben, aber die nötigen Regeln sind Menschenwerk und veränderbar. Heutzutage werden sie am besten demokratisch beschlossen. Die intellektuelle Leistung des Theologen Newman können wir anerkennen und von ihm lernen. Wunder sind dafür nicht nötig. Aber unsere Verantwortung gilt der Gegenwart,  die wir zu verantworten haben. Wahrheit ist nicht statisch oder unveränderlich, sondern immer wieder neu zu bestimmen. Ein guter Maßstab ist dabei nicht die Frage, was „heilig“ , sondern ob unser Denken und Handeln heilsam ist.

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