Ossis und Wessis auf dem Meer

Wenn ich verreise, bereite ich mich gründlich auf Land und Leute vor. So auch diesmal bei unserer Seereise von  Norwegen über Island, Grönland nach New York: Bücher über Polarforschung, Reiseführer, Romane etc. Womit ich auf dieser Kreuzfahrt nicht gerechnet  habe, dass wir vor allem unsere Landsleute kennen lernen. Die AIDA ist nämlich besonders bei Ostdeutschen beliebt. Wer kein Englisch kann, sich Individualreisen nicht zutraut und es bequem möchte, ist da gut aufgehoben. Ich staune, dass viele wiederholt an Bord sind, einer schon fünfzehn mal. Bei vier Mahlzeiten und etlichen „Seetagen“ haben wir genügend Zeit, um ins Gespräch zu kommen. Als gelernter Seelsorger habe ich kein Problem, mich mit Urteilen zurückzuhalten und einmal aktiv zuzuhören. Viele sind Rentner, aber  auch ganze Familien mit Kindern sind dabei. Vermutlich muss man in ihnen vor allem die Gewinner der „Wende“ sehen.

Fast alle ärgern sich über die Überheblichkeit der Westdeutschen. Wertschätzung haben sie von ihnen selten erfahren. Die wenigsten „Wessis“ haben umfassende Vorstellungen vom Leben in der DDR. Die antikommunistische Propaganda wirkt bei vielen noch nach.

Da ist der Bauleiter aus Dresden, der mit seiner Frau immer eine teure Kabine mit Balkon bucht. Er erzählt vor allem von seinen beruflichen Erfolgen. Bei der letzten Wahl in Sachsen hat er FDP gewählt, „leider vergeblich“. 1989 hat er Abitur gemacht, also Kind- und Jugendzeit in der DDR erlebt. Da  will er nicht zurück.  Über „Pegida“ ärgert er sich nur.

Ein Tischlermeister aus Frankfurt/Oder hat sich selbständig gemacht. Nach schweren Jahre der Umstellung hat er es nun geschafft und kann seinen Betrieb seinem Sohn überlassen. Er schimpft auf „die Polen, die Autos und Landwirtschaftsmaschinen klauen“. Er wünscht sich mehr Polizei und Staatsautorität.

Eine Frau aus Usedom will lieber in Jena leben. Die Insel ist ihr zu klein. Sie arbeitet im Einzelhandel und geht wiederholt auf Kreuzfahrten, um Unterhaltung zu  haben und nette Leute kennen zu lernen. Nach einem Ausflug in den Acadia-Nationalpark bei Bar Habor schimpft sie: „Bäume haben wir auch zuhause.“ Auch sonst schimpft  sie gern: „Unsere Politiker sind doch alle korrupt.“ Demokratie wird wohl  nicht als Teilhabe erlebt, sondern als Konsumartikel, den man bei Nichtgefallen zurückgeben möchte.

Skepsis gegenüber den Medien ist oft zu hören, auch wenn keiner das Wort „Lügenpresse“ in den Mund nimmt. Dass man in einem riesigen Angebot auswählen kann und muss, ist wohl eine Überforderung.

Unerwartet erwies sich meine Lektüre des Buches „Lütten Klein“ von Steffen Mau als gute Vorbereitung für diese Gespräche. Er schreibt:

Immerhin mehr als ein Drittel der Ostdeutschen sehen sich laut neuesten Umfragen als Bürger zweiter Klasse. Der Satz »Niemand kümmert sich um uns« steht stellvertretend für das Gefühl, gesellschaftlich zurückgesetzt, ökonomisch und politisch marginalisiert zu sein. Der Frust, so scheint es von dieser Warte aus gesehen, hat in Ostdeutschland vielleicht nicht seine Heimat, aber doch wichtige Trägerschichten gefunden. Dieses Doppelbild der Entwicklung verweist auf das Nebeneinander von Einheitserfolgen und Scheitern, von Gewinnen und Verlusten, von Hoffnung und Enttäuschung, von Eingewöhnung und Entfremdung. Die Bilanz der Einheit ist nicht nur durchwachsen, sie ist auch durch und durch widersprüchlich. Selbst Individuen wirken oft innerlich gespalten, wenn man sie auffordert, ihre persönliche Situation zu schildern – manch einer entpuppt sich gar als frustrierter Zufriedener oder als glücklicher Enttäuschter.

Mein Rostocker Onkel mochte  schon 1990 das Gerede von „Ossis“ und Wessis“ nicht. Er freute sich über die Wiedervereinigung und kannte nur Deutsche. Offenbar hält sich die Spaltung Deutschlands länger als gedacht. Darum ist es bedauerlich, dass  die früheren kirchlichen Begegnungen zu „Partnergemeinden“ fast  überall aufgegeben wurden. Das beschreibt auch die Journalistin Sabine Rennefanz in der aktuellen „Emma“ mit ihrem Artikel „Hört uns doch endlich zu!“ Sie gibt die Stimmung der ostdeutschen „Nach-Wende-Generation“ recht gut wieder.

Kürzlich saß ich auf einem Podium bei der Heinrich-Böll-Stiftung, es ging um „abgehängte Orte“. Neben mir saß der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck. Ich erzählte von meiner alten Heimat Eisenhüttenstadt, eine Industriestadt, die seit 1990 mehr als die Hälfte ihrer Einwohner verloren hat. Ich erzählte von Dörfern ohne Läden, ohne Arzt, ohne Busverbindung. Ich zitierte die Statistiken, die Einkommens- und Vermögensunterschiede, die fehlende Repräsentation von Ostdeutschen in Führungspositionen. Habeck antwortete, im Westen gebe es auch Probleme. Außerdem nerve ihn diese Ost-Nostalgie. „Wir müssen jetzt zusammen nach vorne schauen“, sagte er.

https://www.emma.de/artikel/hoert-zu-337153

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