Seelsorge hinter Gittern

Wenn man „offen“ steigern könnte, würde ich mit einem Paradox sagen: Im Gefängnis findet man die „offenste Kirche“. Ich kenne jedenfalls keine Gottesdienstgemeinde sonst, in der im wöchentlichen Wechsel mit katholischer bzw. evangelischer Liturgie über fünfzig Männer aus allen möglichen Ländern zusammenkommen. Ein Drittel kommt regelmäßig, die anderen gelegentlich oder haftbedingt nur einmal. Sie bringen ihre sehr verschiedenen religiösen Traditionen und höchst unterschiedliche Bildung mit. Da sitzen Analphabeten neben Akademikern, Christen neben Muslimen, Ausländer neben Inländern. Darum kann schon mal vorkommen, dass während der Predigt jemand dazwischenruft: „Das glaube ich nicht!“

In der Rottenburger JVA findet in der Regel im Anschluss noch ein zweiter Gottesdienst statt für einen kleineren Kreis. Da kann man die Predigt als Gespräch gestalten.

Schnell habe ich gelernt, dass sogenannte Predigthilfen bei der Vorbereitung kaum zu  brauchen sind. Sie zielen meistens auf gutbürgerliche Mittelstandsgemeinden. Am meisten helfen mir Gespräche mit Gefangenen, auch  wenn ich  daraus nicht zitieren darf. Die größte Aufmerksamkeit erlange ich, wenn ich sie frei anspreche und zum Bibeltext lebensnahe Erklärungen gefunden habe. Das Gesangbuch ist den meisten unbekannt. Darum freue ich mich, wenn ich einen Chor oder eine Musikgruppe organisieren kann. Als Schlusslied muss unbedingt sein:  „Möge die Straße uns zusammenführen… Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand.“

Die Evangelische Konferenz für Gefängnisseelsorge macht sich grundsätzliche Gedanken zum Strafvollzug:

„Nach den bei uns geltenden Strafvollzugsgesetzen soll die Zeit der Haft die Möglichkeit zu positiver Veränderung beinhalten. Einem straffällig gewordenen Menschen darf folglich nicht nur strafend und mit Misstrauen begegnet werden, bzw. es darf sich kein über die Strafe hinausreichendes implizites „Rachebedürfnis“ oder auch nur Disziplinierungsbedürfnis in der Vollzugspraxis niederschlagen: die Strafe für den anderen oder dem Gemeinwohl zugefügten Schaden besteht allein im Freiheitsentzug. Die momentane Zielsetzung und Praxis des Strafvollzuges enthält die paradoxe Anforderung: Freiheit soll durch Freiheitsentzug eingeübt werden. Beschädigte Beziehungen sollen durch Ausschluss aus der Gesellschaft geheilt werden. Menschenwürde soll in einem System gewahrt werden, das ökonomischen Interessen und dem Gedanken der Kontrolle unterliegt.“

https://www.gefaengnisseelsorge.de/news/29-09-2017-zur-zukunft-des-gefaengnissystems. S.7

Die Schrift versteht sich als Beitrag zu einer notwendigen Diskussion über das Gefängnis. Dabei stützt sie sich auf die Wahrnehmung des Gefängnissystems aus Sicht der Seelsorge. Mit ihrer kritischen Wahrnehmung ist die Ev. Gefängnisseelsorge nicht die einzige Stimme.

„Wir erleben, dass die Absicht des Strafvollzuges im Widerspruch zu seinen Ergebnissen steht. Die Betonung der Sicherheit und die Auswirkungen der Haft verhindern … die Resozialisierung von Straftäter/innen. Die hauptsächliche Energie sowohl der Gefangenen als auch der im Vollzug Arbeitenden ­fließt in die Abmilderung von zerstörerischen Folgen der Haft.“ (S. 24) Die zentrale Denkrichtung und Forderung der Schrift: Deutliche Verringerung der Haftpopulation einerseits und deutlicher Ausbau von alternativen Ansätzen der Arbeit mit den verbleibenden Inhaftierten andererseits.

Die Forderung nach einer deutlichen Verringerung der Haftpopulation stützt sich vor allem auf drei Beobachtungen: 1. Es kommen immer mehr arme, alte und psychisch kranke Menschen in Haft. 2. Die Zahl der Menschen mit einer Haftstrafe unter neun Monaten beträgt mehr als ein Drittel, die Zahl der Ersatzfreiheitsstrafen knapp 10%. Bundesweit sitzen ca. 7000 Menschen wegen Schwarzfahrens ein. Nur knapp 12% der Inhaftierten ist wegen schwerer Delikte in Haft und verbüßt eine Strafe von mehr als 5 Jahren. 3. Die Zahl der drogensüchtigen Menschen im Vollzug liegt bei ca. 50 %.

Fazit: Der Strafvollzug ist überproportional mit Menschen beschäftigt, die aufgrund ihrer Suchterkrankung (Stichwort: Beschaffungskriminalität) oder aufgrund von Armutsdelikten einsitzen. Die Behandlung der Straftäter/ innen, die aufgrund schwerer Straftaten deutlichen Resozialisierungsbedarf haben, kommt in dieser Fokussierung dramatisch zu kurz. In dem Punkt „Perspektiven zur Zukunft des Gefängnissystems“ (s. 26 – 32) spricht das Papier Optionen zur Reduktion der Haftpopulation an: Eine Reform der Strafgesetzgebung könnte Straftatbestände wie das Schwarzfahren entkriminalisieren, Ladendiebstahl in das Zivilrecht überführen, Ersatzfreiheitsstrafen abschaffen (oder gnadenhalber halbieren). Eine kluge Aufhebung der Drogenprohibition würde nicht nur Haftanstalten leeren, sondern auch kriminelle Ökonomien eingrenzen … Die Forderung nach einem verstärkten Einsatz alternativer Ansätze stützt sich auf eine Vielzahl von guten Erfahrungen der „Restorative Justice“, international wie auch bei uns. „Restorative Justice“ versteht das (Straf-)Verfahren als Lernsituation für den Täter/die Täterin, als Heilungssituation für das Opfer, als Orientierungssituation für das Gemeinwesen. Um solche Ansätze zu weiterzuentwickeln, müsste die Ökonomie des Strafvollzuges anders organisiert werden: Statt in Sicherungssysteme und Personal für das „Wegsperren“ zu investieren, wären Prävention und Therapie zukunftsweisendere Orientierungen für alle. Dazu bedarf es einer Vision, die das Gefängnis von der Zukunft her zu denken versucht.“  (Zusammenfassung nach „aufschluss 7/2019.)

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