Das älteste Gewerbe?

Der Veranstaltungsort ist ungewöhnlich: Ein besetztes Haus in der Tübinger Gartenstraße. In einem ehemaligen Porzellanladen haben junge Leute ein Café eingerichtet. Dort hält Ben Walker einen Vortrag „Die Frau als Ware – moderner Menschenhandel, Sexsklaverei und Zwangsprostitution in Deutschland“. Das Thema ist mir seit meiner diakonischen Arbeit in Thailand nicht ganz unbekannt.

Den Einspielfilm habe ich schon früher in der ARD gesehen. https://www.youtube.com/watch?v=Y5a2uU4HM_E

Erschreckend sind besonders die regionalen Details. Stuttgart hat verhältnismäßig zur Einwohnerzahl die meisten Prostituierten in Deutschland. Da der „Straßenstrich“ verboten ist, werden für den Sexkauf Wohnungen angemietet, vorzugsweise in der Nähe des Fußballstadions in Bad Canstatt. Die jungen Frauen werden wie Sklavinnen gehalten und wöchentlich wie Frischfleisch ausgetauscht. Oft werden sie nicht nur durch falsche Versprechungen gelockt, sondern auch mit Gewalt festgehalten. Die Behörden halten sich oft nicht für zuständig. Der Zoll hat mit der Korruption im Baugewerbe schon genügend zu tun und ist überlastet.

Ben Walker bringt erschütternde Beispiele, kritisiert aber auch Justiz und Behörden, die oftmals „alle Augen zudrücken“.

Wenn man sich fragt, wie es kommen konnte, dass sich Deutschland zum Ziel des Sextourismus entwickelt hat, gefangen von den Machenschaften der Mafia und gedeckt von der Politik, kommt man zu den Ursprüngen des „Prostitutionsgesetzes“. Es sollte ab 2002 Prostitution als Dienstleistung regeln, um die rechtliche und soziale Situation der Frauen zu verbessern. Seitdem ist das „Schaffen eines angemessenen Arbeitsumfeldes“ – früher Zuhälterei genannt  –  nicht mehr strafbar. Vorher galt Prostitution als „sittenwidrig“. Diese Bezeichnung fand – ohne gesellschaftliche  Debatte – ein Berliner Gericht als veraltet. Seitdem hat die Prostitution als Gewerbe massenhaft zugenommen.

Da aber die Menschenwürde als oberster Verfassungswert nicht zur Disposition steht, ist Prostitution m.E. dennoch „sittenwidrig“, anders gesagt: Sie widerspricht der Menschenwürde.

Esther Ministries Stuttgart e.V. ist ein im Rotlichtmilieu tätiger Verein, der es sich zum Ziel gemacht hat, Personen in Not konkrete Hilfe und Unterstützung zur Veränderung ihrer aktuellen Situation anzubieten.

Das Team besteht aus ehrenamtlichen Mitarbeiter/-innen und ist vielfältig und überkonfessionell. Gleichwohl ist schon der Name christlich, wirkt freikirchlich. Verbunden durch eine Leidenschaft für Menschen haben sie es sich zum Ziel gemacht, Betroffenen des Rotlichtmilieus den Ausstieg und einen Neustart zu ermöglichen. In enger Zusammenarbeit mit örtlichen Einrichtungen bieten sie ganz praktisch Unterstützung und Begleitung in allen Belangen des Alltags an.

Esther Ministries Stuttgart e.V. ist ein seit 2014 beim Amtsgericht Stuttgart eingetragener und als gemeinnützig und mildtätig anerkannter Verein. Sie wollen sich künftig der evangelischen Diakonie anschließen, die derzeit noch einen anderen Kurs verfolgt.

http://www.esther-ministries.de

Wenn man sich fragt, warum es so wenig Kritik an den gegenwärtigen Zuständen gibt, muss man wohl feststellen, dass viele „progressive“ Menschen Prostitution noch immer als sexuelle Befreiung beider Geschlechter begreifen. Mag  sein, dass der Begriff „sittenwidrig“ altbacken klingt. Er beschreibt aber doch die Wertekultur einer Gesellschaft, die  nicht alles dem Profit unterordnen will. Der ungeheure Anstieg des Frauenhandels mit seinen sagenhaften Profiten wird ausgeblendet. Dazu kommt eine gewohnheitsbedingte Verharmlosung, die die gewaltige, globalisierte Dimension des Frauenhandels noch nicht begriffen hat. Bei Männern mag eine gewisse Kumpanei hinzukommen, die sich im Gerede vom „ältesten Gewerbe der Welt“ ausdrückt. Dabei geht es um die älteste Versklavung der Welt.

Ich habe mich gefreut, dass viele junge Leute zu der Veranstaltung gekommen sind und sich rege an der Diskussion beteiligt haben. Sie wollen weder leerstehende Häuser noch Frauenunterdrückung einfach hinnehmen.

Die versammelten Menschen hier sind sich einig, dass allein das „nordische Modell“ einen Ausweg bietet. In Schweden ist Prostitution verboten,  wird Sexkauf als Gewalttat definiert und die „Kunden“ werden bestraft. Seitdem ist die Prostitution erkennbar zurückgegangen. Kritiker meinen, dieses alte Übel lasse sich nun einmal nicht ausrotten Aber gilt das nicht auch für Mord und Totschlag?

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