Harald Lesch in Tübingen

Dass wissenschaftliche Vorträge Spaß machen können, beweist Professor Harald Lesch regelmäßig im Fernsehen. Kein Wunder also, dass heute die Massen strömen zu seiner Johannes-Kepler-Vorlesung  „Die Mathematik und das Universum“ in der Universität Tüningen. Locker läuft er  auf und ab, hockt sich mal auf die eine, mal an die andere Seite – frei sprechend, immer das Publikum im Blick. Jedes Argument wird mit einem Schaubild unterlegt.

Von den mathematischen Erklärungen verstehe ich so viel, dass neue physikalische Entdeckungen mit einer Fortentwicklung der Mathematik einhergehen. Keplers Credo: „Wir können die Bewegungen am Himmel berechnen! Wir Menschen sind in der Lage Naturgesetze im Himmel zu finden und zu überprüfen. Am Kosmos und seinen Objekten müssen sich die Theorien beweisen. Beobachtungen bestätigen oder zerstören Hypothesen und Theorien. Und noch heute sind es die keplerschen Gesetze, die wir in der modernen Astrophysik verwenden, sei es bei der Suche nach der Dunklen Materie, den leuchtenden Scheiben um schwarze Löcher oder der Suche nach Planeten um andere Sterne geht. Kepler schreibt immer noch mit an den Schlagzeilen vom Rand der erkennbaren Wirklichkeit.“

Man spürt ihm die Begeisterung für seine Wissenschaft ab, aber auch die Resignation angesichts des Dummheit gegenwärtiger Politik.

Es wundert mich nicht, dass in der Diskussion vor allem der Klimawandel besprochen wird. Die Informationen, die Lesch dazu vorstellt, sind allerdings deprimierend. Erträglich sind die Fakten durch seinen nie versiegenden Humor, aber auch durch die erfrischende Aggressivität angesichts der Blindheit heutiger „Eliten“. Sein pessimistisches Resümee: Seit den Analysen „Grenzen des Wachstums“  des „Club of Rome“ 1972 ist alles nur schlimmer geworden. Die Erderwärmung beschleunigt sich dramatisch. „Die Natur lässt nicht mit sich verhandeln.“ Deswegen widerspricht er der offenbar schon ernsthaft diskutierten Idee, die Sonneneinstrahlung durch technische Manipulationen zu vermindern.

Trotzdem brauchen wir Optimismus für die Zukunft. Wir müssen uns z.B. mehr Zeit nehmen, weniger unnötige Dinge produzieren. „Ich bin für mehr Feiertage, wo wir allerdings dann nicht verreisen, sondern bei uns bleiben.“ Universitäten sollten nicht für die Industrie arbeiten, sondern wieder Stätten der Reflektion werden.

Da er u.a. an einer katholischen Universität arbeitet – „ich bin als Protestant der Quotenketzer“ – wurde er auch nach Gott gefragt. Lesch betont, dass auch Naturwissenschaftler sich der Frage nach dem Sinn des Lebens stellen müssen. Eine nicht nur philosophische, sondern auch religiöse Aufgabe. Denn es gibt Erkenntnisse, die nicht messbar sind. Die Berechenbarkeit der Natur hat eben auch zu ihrer Ausbeutung und Zerstörung geführt. Und: Das Naturbild ist nicht die ganze Welt. Nicht zufällig begann Harald Lesch mit einer Vorlesung eines Abschnitts aus Hannah Arendts Buch „Vita Activa oder vom tätigen Leben“. In diesem Sinn appelliert er an die jungen Physiker, ihre Wissenschaft öffentlich zu machen.

Manche Gedanken hat Lesch schon früher unverdrossen vorgetragen, z.B. in dieser TV-Sendung:

https://swrmediathek.de/player.htm?show=2de55f30-4f8d-11e8-ba49-005056a10824

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