Tatort Tübingen

Joe Bausch, der bekannte Gerichtsmediziner Dr. Roth im WDR-Tatort, macht sich keine Illusionen: „Dass so viele Leute gekommen sind, liegt sicher nicht am Interesse für den Strafvollzug.“ Alle wollen am Montag den bekannten Gefängnisarzt und Schauspieler einmal live erleben.

Erstmals sitze ich auf den engen, ständig knarrenden Holzklappstühlen im Hörsaal 9 der juristischen Fakultät Tübingen. Man fühlt sich wie im Mittelalter, als sich herausstellt, dass der Saal nicht zu verdunkeln ist und der Referent auf seine Powerpoint-Präsentation verzichten muss. Dann hängt man ihm noch ein Mikrophon um den Hals, das lange nicht angeschaltet wird. Wie erbärmlich für eine Universität, die sich mit Künstlicher Intelligenz schmückt!

Joe Bausch liefert dennoch den erwarteten glänzenden Vortrag, dessen Inhalt ich allerdings schon weitgehend aus seinen Büchern kannte. Ich habe die beiden erst kürzlich hier vorgestellt.

https://wolfgangwagnerblog.wordpress.com/2019/06/04/knast/

Ziel seines Vortrags war es, die Jurastudenten für den Strafvollzug zu sensibilisieren. Am besten sei es, wenn sie dort einmal ein Praktikum machen und nicht nur am „Tag der Offenen Tür“ hineinschauen. „Da sehen Sie gar nichts!“ In diesem Zusammenhang forderte er eine bessere wissenschaftliche Begleitung des Strafvollzugs, die offenbar unzureichend ist. Natürlich fehlt auch geeignetes Personal, vor allem gibt es zu wenig Ärzte, viel zu wenige Psychiater. Bei über 80000 Haftplätzen gibt es für auffällige Gewalttäter nur 2000 verhaltenstherapeutische Angebote. Dabei nehmen die psychisch Kranken, aber auch die Drogenabhängigen zu. Wichtig ist da die Drogen-Substitution. Bausch hat seinerzeit die erste Patientin in Haft substituiert, also ein Ersatzmedikament gegeben. Heute ist das Standard. Bausch hat also einige Erfolge vorzuweisen, findet aber dennoch, „dass unsere Generation mit der Resozialisierung versagt habe und Sie, die nächste Generation, das besser machen müsse.“

Positiv habe sich auch der Einsatz von weiblichen Bediensteten ausgewirkt. Mittlerweile sind 15% der AvDs weiblich.

Früher hatte die meisten Straffälligen einen Beruf. Heute von zehn Neuzugängen nur einer. Da müsse es eine Aufgabe sein, dass sie eine Ausbildung bekommen, die ihre Vermittlung auf den Arbeitsmarkt erleichtere.

Natürlich hat Bausch viele Forderungen an Politiker, die allerdings  mit Reformen im Strafvollzug keine Wahl gewinnen können. Bei jedem brutalen Verbrechen wird hingegen eine Strafverschärfung gefordert. Der einzige Bundespräsident, der jemals eine Haftanstalt besucht habe, sei Gustav Heinemann gewesen. Das ist ziemlich lange her.

In seiner humorvollen Art macht Bausch jedenfalls Lust im Gefängnis zu arbeiten. Ich habe deswegen meine Mitarbeit als ehrenamtlicher Gefängnisseelsorger heute bis zum Januar verlängert. Im Wechsel mit dem katholischen Kollegen halte ich alle 14 Tage im Rottenburger Gefängnis zwei Gottesdienste. Sie sind –  aus welchen Gründen auch immer – gut besucht.

https://www.tagblatt.de/Nachrichten/Sie-fanden-ihn-als-Killer-besser-421615.html

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