Högerland

Die meisten Deutschen, die noch in der Schweiz Urlaub machen, wollen im Sommer  in die Berge und im Winter in die Skigebiete. Das „Mittelland“ interessiert sie meistens nicht.  Sehr schade! Wir besuchen eine  Woche lang Freunde und Verwandte eben dort. Für mich eine Gelegenheit, die Gegend um Bern besser kennen zu lernen.

Mein Reiseführer ist der „Dichterpfarrer“ Kurt Marti, Högerland, Ein  Fußgängerbuch (Luchterhand Literaturverlag Frankfurt 1990), das leider nur noch antiquarisch erhältlich ist. Eine neue Auflage ist nicht zu erwarten, sonst müsste sie unbedingt ein Ortsverzeichnis, am besten mit einem Kartenteil erhalten. Marti ordnet seine Wanderungen in und um Bern herum nicht übersichtlich-geografisch, sondern chronologisch vom 3.4.1985 bis 7.11.1989. Die nun über dreißig Jahre alten Texte haben aber kaum etwas von ihrer Aktualität eingebüßt –  oder soll man Zeitlosigkeit sagen? Zwar stolpert der deutsche Leser über  manchen „berndütschen“ Dialektausdruck, aber dadurch wird einem das Eigentümliche der Schweiz besonders nahe gebracht. Höger sind beispielsweise Hügel oder kleinere Berge. Dort findet man nicht nur kulturelle Schmuckstücke, sondern auch eindrucksvolle Menschen. Ihr Leben in Geschichte und Gegenwart stellt Marti einem plastisch vor Augen. Fast prophetisch finde ich seine kritischen Bemerkungen zum Autowahnsinn auf den Straßen, aber auch zu den im Bewusstsein verdrängten schweizerischen Atomkraftwerken. Werden denn noch immer mehr als 40% von Berns Elektrizität durch Atommeiler erzeugt? S.63. Da kann er schon schwermütig Dennis Meadows, Mitautor der Studie „Grenzen des Wachstums“, zitieren: „Die Menschheit verhält sich wie ein Selbstmörder und es hat keinen Sinn mehr, mit einem Selbstmörder zu argumentieren, wenn er bereits aus dem Fenster gesprungen ist.“ S.233. Altersweise Resignation? Auch in der Schweiz demonstrieren jetzt freitags die Schüler. Lange haben wir mit Marti darauf gehofft. Zu fast  jedem Kriegs-Denkmal fällt ihm eine alternative Geschichte ein. Wer seine theologischen Schriften kennt, wundert sich darüber nicht.

Eine der tausend Jahre alten Kirchen um den Thuner See herum schauen wir genauer an. Über die in  Amsoldingen schreibt er: „Christen beten um Kraft aus der Höhe. Früher kannten sie aber auch die Strahlungskräfte der Erde und der Atmosphäre, respektierten in ihnen das sinnreiche Walten des Schöpfers. Davon wissen wir wenig mehr. Heute werden Kirchen gebaut, wo gerade ein passendes Grundstück  erhältlich ist. Was zählt ist der Quadratmeterpreis, nicht die „Energie“ eines Ortes… Zarter Lichteinfall. Vielfarbig bringt er die Steine des Mauerwerks zum Leuchten. Ein Raum von robuster, zugleich auch spiritueller Präsenz. Geistort, Stockhornmystik.“ S. 83.

Wie Marti ärgere ich mich, dass der nahe See  nicht zugänglich ist. „Warnend groß auf einem Schild: PRIVAT! Zu deutsch: GERAUBT!“ S.84.

Den Beitrag über Louis Claude de Saint-Martin kann ich sogar für meine nächste Ansprache am 14.Juli gebrauchen: „ „Die Seele des Menschen kann nur leben von Bewunderung.“ „Das Schweigen der Natur ist das Beredsamste, was es gibt.“ „Die Zeit ist der Winter der Ewigkeit.“ Sätze von Saint-Martin, entnommen einem Büchlein von Gerhard Wehr (1980), das auf  den Theosophen wieder aufmerksam zu machen versucht und Verbindungslinien bis hin zu Rudolf Steiner und C.G. Jung zieht. Übrigens hat sich auch Honoré de Balzac von Saint-Martin anregen lassen. „Gott selbst ist es, der  in uns weint…“, konnte der französische Landadelige schreiben. Wie seinem Lehrmeister und zeitweiligem Chef Martinez de Pasqually (1727-1774), Gründer des esoterisch-freimaurerischen Martinistenordens, ging es ihm um die Wiedervereinigung des Menschen mit Gott…. Ironie der Geschichte freilich: die triadische Devise der Französischen Revolution „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“  war – Saint-Martins Schöpfung!“ S. 19f.  1798 jedenfalls stürzten napoleonische Truppen das Patrizierregime Berns mit dieser Parole.

Auf Napoleon – so lerne ich – waren die Berner nicht gut zu sprechen. Er mochte die Stadt nicht, was ihn nicht hinderte, ihren Goldschatz mitzunehmen.

Nicht nur ein Ortsregister vermisse ich, sondern auch ein Personenregister. Nochmal nachlesen, was er über Horkheimer, Bakunin, Lenin, Cooper (Lederstrumpf) oder Dorothee S.(ölle) und die vielen mir unbekannten Größen der Berner Geschichte schreibt.

War da nicht auch was über Albert Einstein, dessen Museum wir am letzten Tag besuchen? Es befindet sich im riesigen Berner Historischen Museum, das man unmöglich an einem Tag bewältigen kann.

Ja, Einstein studierte und arbeitete einige Jahre in Bern. 1901 bekam er die schweizerische Staatsangehörigkeit. Ich gebe zu, dass ich seine physikalischen Forschungen noch immer nicht wirklich verstehe. „1905 eine Explosion von Genie. Vier Publikationen über verschiedene Themen, deren jede, wie man heute sagt, nobelpreiswürdig ist: die spezielle Relativitätstheorie, die Lichtquantenhypothese, die Bestätigung des molekularen Aufbaus der Materie durch die ‚brownsche Bewegung‘, die quantentheoretische Erklärung der spezifischen Wärme  fester Körper.“ (Carl Friedrich von Weizsäcker)

Bewundert habe ich  immer seinen Pazifismus. Weniger schön finde ich,  wie er mit seinen Frauen umgegangen ist. Seine Studentenliebe Mileva Maric hat er zwar gegen den Willen der Familien geheiratet, aber dann doch schäbig behandelt. Die vorehelich geborene Tochter Lieserl muss er komplett verleugnet haben. Über das Schicksal des Mädchens ist nichts bekannt; seine Existenz wurde von den Eltern verheimlicht. Möglicherweise starb es 1903 an Scharlach oder wurde zur Adoption freigegeben. Mileva gehörte zu den ersten Studentinnen der Physik, hat ihm nicht nur in Mathematik geholfen, sondern auch  – wie Mann so sagt – „den Rücken frei gehalten“ und sich  um Haushalt und die beiden Kinder gekümmert. Zum Dank dafür hat er sich mit anderen Frauen amüsiert.

https://www.bhm.ch/de/ausstellungen/einstein-museum/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s