Landessynode Württemberg

Dass an einem lauen Sommerabend ein paar Leute sich für die Württembergische Landessynode engagieren, ist hoch zu ehren. Denn die meisten interessieren sich für Kirchenpolitik  erst, wenn ihre persönlichen Interessen bedroht sind oder  ein Skandal die Runde macht. Dann heißt es schnell „Die Kirche sollte mal…“ – und das sind immer die anderen. Aber so funktioniert die Evangelische Kirche nun einmal nicht, die sich (mit Einschränkungen) der Demokratie verpflichtet weiß. Und die ist bekanntlich anstrengend. Unser Synodaler Harald Kretschmer („Offene Kirche“) lädt regelmäßig vor Tagungen der Synode zum Gedankenaustausch ein. Und so überlasse ich den Baggersee anderen und mache mich ins Tübinger „Haus der Kirche“ auf.

https://www.elk-wue.de/wir/landessynode/synodale-von-a-z#layer=/synode/dr-harald-kretschmer.

Fleißig sind sie jedenfalls, die Synodalen und Kirchenbürokraten. 33 Tagungsordnungspunkte sollen sie abarbeiten. Schon beim ersten TOP stocken wir: „Entscheidungen am Beginn und am Ende des Lebens“. Was soll das denn sein?

Es geht um ethische Bewertungen von vorgeburtlichen Eingriffen einerseits und Sterbehilfe andererseits.

  1. Seit 2012 sind in Deutschland Blutuntersuchungen (Nichtinvasive Pränataldiagnostik) der Schwangeren zur Feststellung von autosomalen Trisomien zugelassen, müssen jedoch in der Regel privat bezahlt werden. Es geht nun darum, ob im Sinne einer sozialen Gerechtigkeit die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten übernehmen sollen. Eine Finanzierung durch die solidarische Krankenversicherung könnte die Nichtinvasive Pränataldiagnostik (NIPD) in der frühen Schwangerschaft zur Routine werden lassen, zumal diese Methode auch das Fehlgeburtsrisiko vermeidet, welches mit dem bisherigen invasiven Vorgehen einherging. Die Evangelische Kirche beteiligt sich an der gewünschten gesellschaftlichen Debatte über die Konsequenzen einer Aufnahme der NIPD in die Regelversorgung. Denn der damit verbundene Übergang von einer ausschließlich individuell verantworteten und finanzierten zu einer durch die Solidargemeinschaft getragenen Praxis könnte deutliche Veränderungen im Umgang mit dem ungeborenen Kind mit sich bringen. Insbesondere die Katholische Kirche fürchtet eine Zunahme der Abtreibungen und bevorzugt zwar klare, aber damit auch moralisch-rigorose Aussagen. Die Evangelische Ethik sollte m.E. zwar  die Gewissen schärfen, Beratung anbieten, aber auch den sozialen Gerechtigkeitsaspekt einbringen.
  2. Die klassische theologische Ethik („das Leben ist Gottes Geschenk“) kritisiert aktive Sterbehilfe. Die Kirchen fördern darum den Ausbau der Schmerztherapien. Offenbar wirken diese aber bei 5 % der Schwerstkranken nicht. Die Debatte ist darum international schon länger eröffnet, ob Ärzte beim Suizid assistieren dürfen. Auch hier sollte  sich m.E. die Evangelische Kirche von der Katholischen Kirche unterscheiden und der Gewissensfreiheit eine Lanze brechen. Die säkulare Öffentlichkeit hat sich sowieso von der traditionellen Moral emanzipiert und wird mehr und mehr auch die Gesetzgebung beeinflussen.

Auf die Debatte in der Landessynode darf man gespannt sein. Sie hat auch in unserm Vorbereitungskreis die meiste Zeit eingenommen. Andererseits sind das keine typisch württembergischen Probleme. Es müsste reichen, wenn die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) vernünftige Stellungnahmen abgibt, die dann allerdings in  den Gemeinden und in der weiteren Öffentlichkeit diskutiert werden sollten. Ich finde es übel, wenn solche Debatten zunehmend von Fernsehstars angeführt  werden.

Die Synode hat sich in den letzten Sitzungen zur Frage der Trauung homosexuell liebender Menschen schwer getan. Dr. Kretschmer hat immer weder auf die Schuld der Kirchen hingewiesen, die bis in die jüngste Vergangenheit an der Diskriminierung und Verfolgung dieser Menschen beteiligt  war. Nun will der Landesbischof Frank Otfried July dazu am Freitag eine „Bitte um Vergebung für Unrecht, das von unserer Kirche an gleichgeschlechtlich orientierten Menschen begangen wurde“ aussprechen. Listigerweise wird diese Bitte in einer Andacht als „Liturgischer Impuls“ ausgesprochen. Das verhindert eine weitere unselige Debatte mit den vielen Pietisten, denen diese Bitte nicht gefallen wird.

Natürlich geht es in einer Synode vor allem um innerkirchliche Gesetze sowie Finanzen und deren Verteilung. Da müssen sich die Synodalen und wir Zuhörer viele langen Berichte anhören. Wirkliche Diskussionen miteinander sind eher selten. Meistens spulen die Synodalen ihre Voten einfach hintereinander ab. Kontroversen werden selten offen ausgetragen.

Möglicherweise wird es aber kontrovers, wenn in „Förmlichen Anfragen“ gefragt wird, warum der Oberkirchenrat etwa eine Resolution zur Lage in Palästina des Lutherischen Weltbundes – die Landeskirche ist dort Mitglied! – nicht weiter publiziert hat. Meine Vermutung: Man will keinesfalls Ärger mit den Israel-Freunden in der Landeskirche oder gar den Vorwurf des Antisemitismus sich aufhalsen.

Man kann mittlerweile die Tagungen der Landessynode im Internet verfolgen, so auch die nächste vom 4.-6. Juli.

https://www.elk-wue.de/wir/landessynode/sitzungen-der-landessynode/fruehjahrstagung-2019-1

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