Oratorium Jephtha

Ich mag Händels Musik. Meine CDs „Messias“ gehören wohl zu den bei uns  häufigst  gespielten. Als jüngst in einer Tübinger Kirche sein Oratorium „Jephtha“ vom Chor des Evangelischen Stifts aufgeführt wird, gehe ich spontan hin. Gut, 20 € Eintritt finde ich für ein Kirchenkonzert nicht wenig, aber die Berliner Oper wäre teurer. https://www.komische-oper-berlin.de/programm/a-z/jephtha.

Die Aufführung ist gut und wird mit viel Beifall belohnt. Gleichwohl finde ich, dass solche Oratorien wie zu Händels Zeiten in die Oper gehören. Warum?

Das Textbuch mit den deutschen Übersetzungen gibt die Antwort. So schön die englischen Gesänge sind, es wäre besser, man verstünde sie nicht. Denn sie transportieren eine Theologie, die nicht mehr die heutige ist. Mag sein, dass das reichlich vertretene Bildungsbürgertum abstrahieren und sowohl die alttestamentliche Grundlage als auch das Libretto von Reverend Thomas Morell historisch einordnen kann. Ich fürchte allerdings, dass sich bei vielen das Vorurteil über die „alltestamentarische Gewalt“ verfestigen kann. Ich arbeite jedenfalls derzeit mit Leuten, die die Bibel wörtlich nehmen und bei der  Lektüre des „Buches der Richter“ ein fürchterliches Gottesbild gewinnen.

Das geht aber nicht nur schlichten Gemütern so. Als ich in den 80iger Jahren friedensbewegt ein Streitgespräch über die damals aktuelle Friedensdenkschrift der EKD in der Bezirkssynode mit dem Reutlinger Prälaten führte, wies dieser zu meinem Entsetzen darauf hin, dass es in der Bibel – er meinte die Bücher Josua und Richter – doch auch eine Kriegstheologie gäbe. Ja, die gibt es und sie hat schlimme Folgen gehabt, weshalb sich die Weltkirchen 1948 auf den Satz geeinigt haben „Krieg soll um Gottes Willen nicht sein.“

Da die Bibel nicht mehr zum Bildungskanon gehört, werden viele erstmals von dieser Geschichte (Buch der Richter Kap.11) gehört haben, in der ein Kriegsheld seine Tochter opfert als Dank, dass Gott ihm den Sieg über die Feinde Israels gewährt hat. Im Oratorium wird diese Grausamkeit abgemildert, weil ein Engel dazwischen geht: „Kein Schwur kann das Recht Gottes ersetzen.“  Die Tochter soll stattdessen zu ehe – und kinderlosem Leben verdammt sein. Gut verständlich, dass die Gemeindediakonin über diesen frauenfeindlichen Aspekt später nur den Kopf schütteln konnte. Ich meinte bei der Passage „Glücklich sollst du deine Tage in reinem engelhaften jungfräulichen Stand verbringen…“ im Chor der Stiftsstudentinnen ein distanzierendes Grinsen gesehen zu haben. Man braucht keine feministische Theologie, um zu denken, dass der Textdichter hier kräftig vom militaristischen Regen in die frauenfeindliche Traufe gekommen ist.

Nein, in die Oper damit! Ich bin sicher, dass heutige Regisseure in ihrer Inszenierung etwas Kritisches daraus machen können, was bei einer konzertanten Aufführung natürlich nicht möglich ist.

Hätte ich für jene Kirche die Leitungsverantwortung, hätte ich eine Aufführung nur nach einer theologischen Einleitung zugestimmt, die ausführlicher als jene vom Musikrepetenten im Programmheft die heutige Diskussion zum Verständnis des Alten Testaments referiert. Auch das Konzertpublikum einer Universitätsstadt ist damit nämlich nicht auf der Höhe der Zeit.

Wenn die biblischen Texte keine historischen Berichte, sondern Glaubenszeugnisse sind, dann muss man sie so auslegen, dass sie erneute zur Anrede an den Menschen in der Gegenwart werden, als Motiv und Impuls heutigen, neuen Glaubens. Etwas anderes hat in der Kirche nichts zu suchen.

https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/jeftah/ch/3e04a13b4e8c8b6bff8c616582850f82/

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