Mein Kirchentag

Vom Kirchentag Dortmund 1963 hörte ich  eine Rundfunkübertragung „für junge Hörer“. Da stellte der populäre Fernsehunterhalter Peter Frankenfeld neue christliche Lieder vor. Das galt als Sensation, war man doch bis dahin nur Choräle in der Kirche gewohnt. Wir haben die gleich in einem Jugendgottesdienst eingesetzt, den wir ohne Pastoren in einer Aula feierten. Das Lied „Danke“ ist bis heute das einzige Gemeindelied, das es unter die „Top Ten“ der Schlagerparade geschafft hat. Im Evangelischen Gesangbuch ist es unter Nr.334 zu finden. Neue Lieder prägen alle weitere Kirchentage, so auch jetzt in Dortmund.

1965 trampte ich noch als Schüler zum nächsten Kirchentag nach Köln, wo ich Helmut Gollwitzer hören wollte. Mehr zufällig landete ich in einem Gemeindehaus, in dem eine junge Lehrerin namens Dorothee Sölle sprach. Beide traten immer wieder auf Kirchentagen auf und wurden für mein weiteres Denken äußerst wichtig.

1967 mischten wir als „Berliner Studenten“ den Kirchentag in Hannover auf. Politiker wurden ausgepfiffen, aber Professor Carl-Friedrich von Weizsäcker imponierte mir mit seinen Überlegungen zur Friedensforschung.

1969 war in Stuttgart die  Zeit der volksmissionarischen Kundgebungen vorbei. Beim „Streit um Jesus“ wurde hart gerungen, woraufhin die Pietisten jahrelang ihren Bekenntnistag abhielten. Die historisch-kritische Bibelforschung war endlich in den Gemeinden angekommen. Zehn Jahre nach der Gründung von BROT FÜR DIE WELT wurde die Entwicklungshilfe verstärkt. Themen des „globalen Südens“ sind seitdem nicht wegzudenken.

50 Jahre später bin ich immer noch von den Kirchentagen begeistert, die eine anregende Mischung von Kongress, Begegnung und Feier darstellen. Mittlerweile ist das Protestantentreffen aber so groß, dass jeder Teilnehmer vermutlich einen anderen Kirchentag erlebt.

Als Kind habe ich öfter Verwandte in Dortmund besucht. Da waren noch die Folgen des Bombenkrieges zu sehen, die Luft war vom Kohlenstaub durchsetzt. Jetzt präsentierte sich eine umsatzstarke Handelsstadt. Die Fläche einer Montanfabrik (96 Hektar der ehemaligen Hermannshütte) wurde in den Phönix-See verwandelt. Normalerweise hat man wenig Zeit, die Umgebung zu erkunden, außer man legt ein paar Urlaubstage zusätzlich ein. Die Kirche von Westfalen hatte nämlich ein eigenes regionales Kulturprogramm. Einzig die Oper „Echnaton“ von Philip Glass konnte ich besuchen.

So freundlich die Stadt sich am Abend der Begegnung präsentiert, so hat sie doch eine hässliche rechtsradikale Seite. Laut Pfarrer Stiller von den „Christen gegen Rechtsextremismus“ gibt es jährlich 70 bis 100 Versammlungen der Rechtsextremen in Dortmund. Im Dezember 2016 provozierten diese zum Beispiel mit einem Banner, auf dem der Slogan „Islamisierung stoppen“ prangte und das sie von der Turmbalustrade der Reinoldikirche hängten. Erst vor kurzem, am Tag vor der Europawahl Ende Mai diesen Jahres, fand wieder ein Aufmarsch von gut 180 Neonazis statt, den die Partei „Die Rechte“ angemeldet hatte. Die rechte Szene versucht außerdem, einige Stadtteile in von ihnen dominierte Kieze umzuwandeln. Angesichts solcher Aktivitäten ist es offensichtlich, dass gesellschaftlicher Widerstand gegen die rechte Szene in Dortmund notwendig ist. Ich  hätte mir in dieser Frage den Kirchentag etwas kontroverser, weniger harmonisch gewünscht. Der Mord am Regierungspräsidenten Walter Lübcke müsste uns doch viel stärker herausfordern.

Immerhin äußerte Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre Anteilnahme. Sie trat zusammen mit der Ex-Präsidentin von Liberia Ellen Johnson-Sirleaf in der vollen Westfalenhalle auf und genoss die erstaunliche Zustimmung. Die Bundeskanzlerin, meinte diese, dürfe nun nicht einfach aufhören – „als motivierende Kraft für Frauen weltweit.“ Tosender Applaus. Die gut aufgelegte und lockere Kanzlerin gab an diesem Punkt allerdings trocken zurück: „Alles hat einen Anfang und alles hat auch ein Ende.“ Saalmikrophone gab es leider nicht. Die von „Anwälten des Publikums“ eingesammelten Fragen waren mehr als harmlos. Hätte man Frau Merkel allein mit ihren politischen Mängeln konfrontiert, wer wohl eine andere Stimmung gewesen. Aber Kontroversen sind wohl nicht mehr erwünscht.

Weithin einig, wenn auch mit anderem politischen Vorzeichen („Wär‘ ich nicht arm, wärst du nicht reich“), war ebenfalls in der riesigen Westfalenhalle ein Podium zur sozialen Gerechtigkeit mit Prof. Oliver Nachtwey. In Erinnerung geblieben ist mir ein leidenschaftliches Plädoyer der Präsidentin von BROT FÜR DIE WELT Füllkrug-Weitzel gegen die Übernahme der Entwicklungspolitik durch reiche Sponsoren.

Bei der Menschenkette für den Frieden kamen so viele Menschen zusammen, dass sich eine durchgehende Kette zwischen den Westfalenhallen und dem Stadtgarten formieren konnte. Auch der EKD-Vorsitzende Heinrich Bedford-Strohm war dabei.

Ein gewisses Unbehagen beschleicht mich aber bei diesen Neuauflagen der alten Demonstrationen zum „konziliaren Prozess“ (Bewahrung der Schöpfung, Frieden, Gerechtigkeit). Man kennt die Themen irgendwie. Schön, wenn die Jungen weitermachen. Nicht zufällig wurden immer wieder die Freitagsdemos zum Klimawandel zitiert und beklatscht.

Das alte Schema der Bibelarbeiten am Vormittag hat sich erstaunlich aktuell gehalten, zumal schwierige Texte zu hören waren. Der Theologe Prof. Ebach hat sicher die exegetisch gründlichste Arbeit geleistet, aber der Arzt und TV-Unterhalter Eckart von Hirschhausen die lustigste. Originell war auch der Chefredakteur der ZEIT Giovanni di Lorenzo zu Hiob, sehr literarturwissenschaftlich die Anglisten Aleida Assmann über die Bindung Isaaks.

Konkreter geht es im „Markt der Möglichkeiten“ in sage und schreibe fünf Hallen  zu, wo ich mich am liebsten aufhalte. Man trifft nicht nur Freunde und Bekannte, sondern auch neue Gruppen und Initiativen aus allen Praxisfeldern der Kirche. Diesmal informierte ich mich eingehend bei der Gefängnisseelsorge, mit der ich die nächsten Monate beschäftigt bin.

Seelsorge und Lebenshilfe ist neben den Gottesdiensten und Andachten ein weniger beachteter Teil der Kirchentage. Mich interessierte erstmals die Angebote zum „Älter werden“ mit einem fulminanten Auftritt des Psychiaters und Hirnforschers Prof. Manfred Spitzer über die Krankheit Einsamkeit.

Ein Aufregerthema für die Presse war ein Workshop „Vulven malen“. «Ist das noch Kirche oder schon Sexmesse», fragte die «Bild»-Zeitung. Ich kann nicht mitreden, da ich noch nie auf einer Sexmesse war. Der konservative Medienwissenschafter Norbert Bolz schrieb auf Twitter, der Kirchentag sei «ein getreuer Spiegel des Zeitgeists, aber mit dem Christentum hat er nichts mehr zu tun». Dafür erhält er viel Applaus. Natürlich war er gar nicht in Dortmund. Vielleicht ist seine Meinung schon so gefestigt, dass empirische Überprüfungen überflüssig erscheinen. 2017 twitterte Bolz ebenfalls zum Kirchentag. Damals bezeichnete er die Veranstaltung als «Symptom der schweren geistigen Krankheit, an der die evangelische Kirche leidet».

Ich nahm an jenem workshop nicht teil. Aber ich hörte bei einer Diskussion im „Zentrum Geschlechterwelten“ zu, bei der es ziemlich konkret um weibliche Sexualität ging. Ich war erstaunt, welche Fragen die vielen Frauen hatten. Männer  waren kaum zu sehen. Schade eigentlich, denn es würde zwischen den Geschlechtern Vertrauen stiften, wenn man sich mal zuhört.

Den Abschlussgottesdienst im Fußballstadion hätte ich mir beinahe geschenkt, denn dauernd wurde vor Überfüllung gewarnt. So dachten wohl viele, denn es blieben Plätze frei. Außerdem kann man ja die Übertragung im ZDF sehen. Die einsame Predigerin auf dem großen, grünen Spielfeld tat mir fast ein wenig leid. Wahrscheinlich musste der Rasen geschont werden, weshalb es auch keine szenische Darbietungen gab. Ich fand den früheren Brauch schöner, dass zum Schluss noch einmal ein paar wichtige Ergebnisse vorgetragen

Nun wird man sehen, welche Anstöße jeder Teilnehmer mit nach Hause und womöglich in seine Gemeinde bringt. Ich bin jedenfalls noch einige Tage mit der Nacharbeit beschäftigt. Man kann das auch tun, wenn man nicht in Dortmund dabei war. Weitere Texte gibt es unter  http://www.kirchentag.de.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s