Jenseits von Schuld und Sühne

Im Gefängnis zu predigen ist eine besondere Herausforderung. Was können da meine Worte schon ausrichten? Am liebsten würde ich wie ein orthodoxer Priester eine Liturgie singen und mich auf die magische Wirkung der Tradition verlassen.

Um mich in die Welt der Gefangenen einfühlen zu können, habe ich mir den Dokumentarfilm „Beyond Punishment“ von Hubertus Siegert angeschaut. Er fokussiert sich auf das Thema „Vergebung“ – und scheitert damit. Er versucht Angehörige von Gewaltopfern mit den Tätern ins Gespräch zu bringen. Siegert reiht dabei die Geschichten nicht aneinander, sondern lässt Differenzen und Parallelen kenntlich werden durch den ständigen Wechsel von Personen und Schauplätzen.

Da ist zunächst die Afroamerikanerin Leola aus der Bronx, deren Sohn bei einem an sich nichtigen Streit von einem ebenfalls schwarzen  Einwanderer erschossen wurde. Ihre Tochter Lisa war damals neun Jahre  alt. Die beiden wollen nicht mit dem Verurteilten sprechen, weil er seine Tat nie eingestanden hat. Stattdessen reden sie mit einem anderen Mörder in einem Hochsicherheitsgefängnis in Wisconsin. Dort gibt es ein Programm, nach dem Angehörige mit (anderen!) verurteilten Gewalttätern in einer kontrollierten Moderation sprechen können. Die Zustände in dieser Anstalt sind erschütternd. So teilen sich fünfzig Gefangene einen Schlafraum. Die beiden erkennen, dass der Mörder ein Produkt der rohen Klassengesellschaft der USA ist. Ihre Gefühle voll Trauer und Wut ändert das nicht.

Der Strafvollzug in Norwegen erscheint im  Vergleich  als geradezu paradiesisch. Dort sitzt Stiva, der seine 16-jährige Freundin Ingrid erschossen hat, nachdem sie ihn in seiner Eifersucht provoziert hat. Ihr Vater Eric wirkt noch nach Jahren wie versteinert. Er ist wie seine andere jüngere Tochter zudem voller Angst, dem Mörder nach dessen Entlassung zu begegnen. Ihn erbittert, dass der nach fünf Jahren freikommt, dank des milden norwegischen Justizsystems, und es kostet Zeit und Mühe, bis er sich den Worten des reumütigen, gesprächswilligen Jungen auf einem Video aussetzt. Stiva ist sehr reflektiert. Er weiß, dass die Angehörigen ihm nicht vergeben können, wenn er  es ja nicht einmal selber kann.

Schließlich geht es um die sogenannte Rote-Armee-Fraktion (RAF) in Deutschland. Patrick von Braunmühl, dessen Vater von RAF-Terroristen erschossen wurde, sucht den Kontakt mit den bis heute unbekannten Mördern. Siegert arrangiert ein Treffen zwischen ihm und dem Polizistenmörder Manfred Grashof, einem „Gründungsmitglied“, der nach zwanzig Jahren Haft begnadigt wurde. „Das Abballern von irgendwelchen Leuten“, behauptet der, sei „ursprünglich nicht vorgesehen gewesen“. Von Reue keine Spur. Müde und tonlos erzählt er, wie seine Freundin an einer Polizeisperre durch einen Kopfschuss getötet wurde. Einmal habe er sich mit der Witwe seines Opfers treffen wollen, doch dazu sei es leider nicht gekommen.

Beyond Punishment verbreitet eine einfache Wahrheit, und sie lautet: Angehörige dürfen nicht vergeben, nur die Opfer könnten es, doch sie sind tot. Der Film provoziert, manchmal quälend,  ein Nachdenken über unser Verständnis von Schuld, Strafe, Sühne und Verzeihen.

Der Tod eines Angehörigen ist das Niewiedergutzumachende, jemand fehlt, und er fehlt für immer. Auf Erden gibt es keine rettende Gerechtigkeit.

Also muss ich vom Himmel predigen? Ich werde es wieder versuchen. Zur evangelischen Liturgie gehören die Choräle, die wir mehr schlecht als recht miteinander singen. Aber vielleicht wirken sie dennoch:

„O Herr, nimm unsere Schuld, mit der wir uns belasten,                                                          und führe selbst die Hand, mit der wir nach dir tasten.“ EG 235

https://de.wikipedia.org/wiki/Beyond_Punishment

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s