Ein strafender Gott?

Seit ich vertretungsweise als Gefängnisseelsorger tätig bin, setze ich mich wieder einmal mit Strafe und Strafvollzug auseinander. Neben politischen, juristischen und sozialen Aspekten spielen auch theologische eine Rolle.

In meiner Studienzeit der sechziger Jahre habe ich mich im Sozialpolitischen Arbeitskreis (SPAK) der Evangelischen Studentengemeinde (ESG) engagiert. Es gab damals zwei Gruppen: Die einen gingen in die Gefängnisse, die andern in  die Psychiatrie. Wir dachten, dass wir hier die Elenden unserer Gesellschaft treffen. Politisches und diakonisches Engagement kam zusammen, brach aber später in  zwei sich ideologisch bekämpfenden Flügeln auseinander. Ich kannte die bahnbrechende Studie des Alttestamentlers Klaus Koch von 1955 über den hebräischen „Tun-Ergehen-Zusammenhang“, d.h. jede Tat birgt die Folgen in sich. (Er ist übrigens erst kürzlich hochbetagt gestorben.) Aber es gab damals keinen Theologen, der diese Einsicht für die gesellschaftliche und kirchliche Praxis fruchtbar gemacht hätte. Im Gegenteil: Gerade die „Frommen“ konnten sich nicht genug über einen strafenden Gott und sein Gericht auslassen.

Da in Tübingen gerade eine Vortragsreihe der „Worthaus“-Theologen läuft, habe ich mir zum Thema einen hochaktuellen Beitrag von Siegfried Zimmer angehört. Er wird so angekündigt:

„Gott sieht alles, weiß alles, und wenn sich jemand danebenbenimmt, kommt der alte Mann mit dem weißen Bart und bestraft den bösen Sünder. So stellen sich immer noch viele (Nicht-)Christen das Verhältnis zwischen Gott und Menschen vor. Dabei gibt es in der hebräischen Bibel nicht einmal ein Wort für »Strafe«. Denn Gottes Job ist es nicht, den Menschen durch drastische Strafen zu einem besseren Wesen zu erziehen. Warum glauben dann so viele an einen strafenden Gott? Siegfried Zimmer klärt auf, wie sich das Verständnis von Sünde und Konsequenz im Laufe der Geschichte des Juden- und Christentums verschoben hat. Er erklärt, was wirklich die Folge von Sünde ist. Und warum nicht einmal das Weltgericht am Ende aller Zeiten etwas mit Strafe zu tun hat.“    Worthaus Pop-Up – Wipperfürth: 3. August 2018 von Prof. Dr. Siegfried Zimmer.

Der Religionspädagoge beginnt  mit einem berühmten, aber fatalen Text des mittelalterlichen Theologen Anselm von Canterbury, dessen „Satisfaktionstheorie“ bis heute das Abendland wesentlich geprägt hat. Ohne herumzureden sagt er klar: „Dieses Modell lehnen wir ab.“ Er begründet die Ablehnung durch eine sorgfältige Betrachtung der Hebräischen Bibel, die erst in der späten Übersetzung der griechischen Septuaginta eine fragwürdige Veränderung erlebt hat. Das „Tat-Folge-Denken“ der hebräischen Bibel benötigt keinen strafenden Gott. Jede (böse) Tat bringt eine Folge hervor wie die Saat die Ernte. „Was der Mensch sät, erntet er.“ (Gal. 6,79

Neben den biblischen Erklärungen macht sich Zimmer auch Gedanken zum Strafvollzug. Der Pädagogikprofessor stellt fest, dass 92% aller Gefängnisinsassen nur Haupt- oder Sonderschulabschuss oder gar keinen haben. Dazu gibt es eine Rückfallquote, die über 50% liegt. Fragwürdig, weil nicht wissenschaftlich zu begründen ist auch das Strafmaß: Man kann kein Delikt auf eine zeitliche Dauer umrechnen. So ist es nicht verwunderlich, dass bei einem wissenschaftlichen Test 800 Richter ein und denselben Fall höchst unterschiedlich beurteilten.

Es ist unbestritten, dass sich eine Gesellschaft schützen darf. Aber sollten die „Straftäter“ nicht nach  ihrer Haft wertvolle Mitglieder der Gesellschaft werden? Was tun wir denn für ihre Resozialisierung?

Wenn man bedenkt, wie sehr das europäische Rechtssystem auf überkommenen, auch theologischen Traditionen aufbaut, könnte diese Revision des „Strafdenkens“ enorme Reformen freisetzen. Gott ist jedenfalls kein Knecht der traditionellen Straflogik, sondern am Shalom seiner Schöpfung interessiert.

Gibt es einen strafenden Gott? | 8.6.1

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