Knast

Gestern wurde ich für meine Seelsorge im Rottenburger Gefängnis „förmlich verpflichtet“. Das heißt vor allem: Klappe halten, keine Blogs schreiben über das, was ich in dieser Arbeit erlebe.

Falls jemand wissen möchte, wie es im Gefängnis zugehen kann, dem empfehle ich zwei Bücher, die ich selber kürzlich zur Einstimmung gelesen habe. Autor ist der mittlerweile pensionierte Gefängnisarzt Joe Bausch, den Fernseher seit 1997 auch als Gerichtsmediziner Dr. Joseph Roth in der WDR-Krimiserie „Tatort“ kennen.

Von 1986 an war er Anstaltsarzt in der Justizvollzugsanstalt Werl. Seine Erfahrungen und Erlebnisse als Gefängnisarzt beschreibt er in seinem ersten Buch Knast (Ullstein Verlag Berlin 2012), das auch mehrere Kapitel zu seinem persönlichen Leben enthält. Sein zweites Buch Gangsterblues. Harte Geschichten. (Ullstein Verlag Berlin 2018)  beinhaltet wahre Geschichten über Verbrecher, literarisch verfremdet.

Bausch hat als Arzt sicherlich noch einen besonderen Zugang zu den inhaftierten Menschen. Er  kennt noch die alten Regeln „mit Schuld und Sühne“, hat dann aber die Justizreformen mitgestaltet. Mehr als fünfzig Suizide, Selbstverstümmelungen, Gewalt und Erpressung: Der Gefängnisarzt blickt kritisch zurück auf 25 Jahre Alltag hinter Gittern.

Wenn Bausch über die Seele des Gefangenen und das Wesen des Bösen philosophiert, über Selbstmorde und Knastgeruch und Ausbrecherkönige schreibt, spürt man seine starke Empathie. Die Eitelkeit des Autors, die hier und dort durchbricht, muss man da verkraften. Im Ganzen eine nüchterne und würdige Betrachtung von Gewaltverbrechen und wie wir damit umgehen.

Bausch möchte die Öffentlichkeit zu einem besseren Verständnis des Strafvollzugs anleiten. Er kennt die Fragen: Warum soll man denn Kindermördern, Vergewaltigern, Totschlägern und besonders Lebenslänglichen ihre Strafe noch durch Schmerzfreiheit und teure Medikamente versüßen?

Als Arzt mit Schweigepflicht kann Bausch natürlich in die Gefangenenseele mehr Einblicke gewinnen, als es einem normalen Bediensteten möglich ist, dem sich kein Gefangener anvertraut. Dadurch sind seine Beschreibungen des weggeschlossenen Lebens von einer besonderen Empathie geleitet, und seine kritischen Anmerkungen bekommen ein besonderes Gewicht.

Die Liste der praktischen Forderungen, die Joe Bausch aus seinen Erfahrungen ableitet, ist dann auch entsprechend fundiert und lang. Mehr und besser bezahltes Personal, darunter verstärkt Beamte mit Fremdsprachenkenntnissen in den gängigsten Knastsprachen, seien ebenso dringend geboten wie ein breites Angebot an gezielten Therapieangeboten.

Bausch entwickelt eine Typologie der Knastinsassen und beschreibt die besonderen Schwierigkeiten von prominenten Sträflingen. Schließlich litten mehr als fünfzig Prozent der Schwerverbrecher an massiven Persönlichkeitsstörungen (im Verhältnis zu fünf Prozent in der Gesamtbevölkerung), und eine mögliche Rückkehr in die Gesellschaft sei ohne psychologische Therapie kaum gefahrlos möglich. Aber auch die fehlenden Supervisionen für das Vollzugspersonal oder eine unangemessene Sterbebegleitung für Lebenslängliche und Sicherheitsverwahrte konstatiert Bausch in seinem Buch als einen schweren Mangel des deutschen Strafvollzugs.

Ohne seine Patienten namentlich zu nennen, erzählt Bausch in Fakten und Anekdoten vom typischen Knastgeruch wie vom Phänomen „knastschwul“. Er erklärt, warum Manager und Junkies sich in Untersuchungshaft ähnlich verhalten. Er beschreibt exemplarisch Fälle wie die Geschichte eines ehemaligen Kindersoldaten oder einer Kindsmörderin, die von der Schwangerschaft überfordert so viel fraß, dass niemand Verdacht schöpfen konnte, und das Neugeborene dann sterben ließ. Er entwickelt eine Typologie der Knastinsassen und beschreibt die besonderen Schwierigkeiten von prominenten Sträflingen. Wissenschaftliche Studien über den Zusammenhang von Hirnveränderungen und Kriminalität, Fragen nach dem Wesen des Bösen und dem extremen Unverhältnis von Männern zu Frauen bei den verurteilten Tätern (70.000 zu 5000) widmet Bausch ebenso Kapitel wie schnurrigen Porträts von Ausbrecherkönigen.

Verständnis für die komplizierte Ursachenlage von Gewaltverbrechen und ein klares Bekenntnis zur Würde des Menschen erklärt Bausch zu den fundamentalen Voraussetzung, um brauchbare Erkenntnisse darüber zu gewinnen, was diesen Teil der Gesellschaft dazu bewegt, böse, grausam oder ungerecht zu handeln. Und mit dieser Perspektive ist „Knast“ dann doch vor allem ein Buch über die Fehler jener, die nicht drinnen sitzen. Denn interessanter als ein Verbrechen ist letztlich die Frage, warum man es nicht verhindern konnte.

Mir haben diese Bücher geholfen, auf der Hut zu sein. Wenn man nämlich im Gottesdienst die freundlichen Männer vor sich sieht, versteht man gar nicht, warum die eigentlich im Gefängnis sind. Dass man hier nicht die üblichen Predigten halten kann, habe ich aber auch gleich selber gemerkt.

Wer lieber guckt als liest, dem empfehle ich www.youtube.com/watch?v=nRb5Znvni68.

 

 

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