Pfarrer J.F.Oberlin z.B.

Evangelische verehren keine Heiligen. Das hindert mich aber nicht, immer wieder herausragende Christen zu ehren. Ich denke, wir brauchen gute Vorbilder. Und nicht immer nur Albert Schweitzer, Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King, die gern zitiert werden. Bei meiner Predigtvorbereitung hilft mir manchmal der Kalender. Heute ist z.B. der Todestag (1.6.1826) des bedeutenden  Pfarrers Johann Friedrich Oberlin. Er beweist, dass es im Evangelium nicht um bloße Theorie geht. Für mich ist er ein bleibendes Vorbild. ein Beispiel aus der Zeit, als Mitteleuropa ein Hungerland war. Gerade mal 200 Jahre her. Viele Leute lebten auf dem Land von der Hand in den Mund.

Der elsässische Pfarrer Oberlin verbesserte den Obstbau, die Wiesenanlagen und die Landwirtschaft, er legte Brücken und Straßen an, die er mit den einheimischen Bauern selbst baute, und gründete mehrere Industriebetriebe. Auf seine Initiative hin entstanden auch Kleinkinderschulen. Er  wird darum auch Erfinder der „Kindergärten“ genannt. Wäre die Gegend zugänglicher gewesen, hätten die Behörden diesen Kindergärten wohl schnell ein Ende bereitet: Jungen Frauen die Erziehung der Kleinsten anzuvertrauen, wurde in dieser Zeit als Skandal empfunden.1785 gründete Oberlin eine Leih- und Kreditanstalt. Mit deren Hilfe konnte 1813 eine Seidenband-Fabrik angesiedelt werden. In seinem Pfarrhaus hatte er außerdem eine Apotheke mit Arzneikräutern und Naturheilmitteln eingerichtet. Denn Oberlin fühlte sich nicht nur für die Seelen seiner Gemeindemitglieder, sondern auch für deren Körper verantwortlich. Deshalb ließ er Leute aus dem Dorf zu Barfuß-Ärzten und Hebammen ausbilden.

Oberlins Erziehungsgrundsatz war: „Erzieht eure Kinder ohne zu viel Strenge … mit andauernder zarter Güte, jedoch ohne Spott.“ Wenn man bedenkt, dass die „schwarze Pädagogik“ der Gewalt noch heute besteht, dann war das der Zeit weit voraus. Wir wissen heute, wie sehr Schläge in der Kindheit ein Leben vergiften können. Um die Erwachsenen zu fördern, gründete er landwirtschaftliche Vereine und führte moderne Saat- und Anbaumethoden ein. Durch sein sozialpädagogisches Wirken eröffnete Oberlin auch Frauen einen Weg in die anerkannte Berufswelt.

Berühmt wurde Oberlin auch, weil Georg Büchner, einer der bedeutendstes deutschen Dichter, ihn in der Novelle „Lenz“ verewigt. Der Schriftsteller Jakob Michael Reinhold  Lenz war psychisch krank und suchte Heilung beim Pfarrer.

Als Oberlin zu einer Reise in die Schweiz aufbricht, gerät er vollends in die Krise. Nach des Pfarrers Rückkehr ist Lenz‘ Geist zerrüttet, wiederholt will er sich des Nachts aus dem Fenster stürzen. Daraufhin lässt Oberlin den Dichter nach Straßburg transportieren. Lenz‘ weiteres Leben hat Büchner in seiner Erzählung so beschrieben: „Er tat Alles wie es die Anderen taten, es war aber eine entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen.“ Für Pfarrer Oberlin ist der Besuch des schizophrenen Dichters nur eine Randepisode in seinem überaus tätigen Leben gewesen. Hätte er nicht einen Bericht nach Straßburg geschickt und wäre dieser nicht zufällig Georg Büchner zu Gesicht gekommen, niemand wüsste heute mehr von jenem Geschehnis. Die Hälfte seiner Lenz-Erzählung hat Büchner nämlich weitgehend wörtlich aus Oberlins Text abgeschrieben. Der große Dichter hat aus dem Stoff Weltliteratur gemacht.

Die Stärkung des inneren Menschen geschieht da, wo in der Verkündigung, in der Erinnerung und in der Aktivierung gemeinschaftsstiftender Begegnungen Räume entstehen, die dem Einzelnen Anerkennung, Würde und Zuspruch gewähren und ihn auf diese Weise etwas von der Rechtfertigung des gottfernen Menschen spüren lassen.

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