Menschenwürde

Seit ich vertretungsweise regelmäßig im Rottenburger Gefängnis Gottesdienste halte, beschäftigt mich unser Grundgesetz: Art 1. (1) „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Unsere Erfahrung ist  gerade das Gegenteil: Die Würde des Menschen wird überall angetastet. Man muss dazu gar nicht über die deutschen Grenzen hinausgehen, wo die Menschenrechte massenhaft verletzt werden. Auch im eigenen Land sind sie bedroht. Im Grundgesetz geht es zunächst um Schutz vor staatlicher Gewalt. Es gibt aber auch die kriminelle Verletzung der Menschenwürde anderer. Da haben sich vermutlich die Männer schuldig gemacht, die im Gottesdienst vor mir sitzen. Ich  kenne weder  ihre Biografie, noch ihre Straftaten, weswegen sie ins Gefängnis gekommen sind. Darüber bin ich froh, weil ich  ihnen so vorbehaltlos begegnen kann. Andererseits darf ich mich nicht vom freundlichen Eindruck während der Gottesdienste täuschen lassen. Ich vermute, dass sie nun in einer Lage sind, wo ihre  eigene Würde bedroht ist, weniger durch die Gefängnisverwaltung, mehr durch Mitgefangene. Bis ich einen Gesprächskreis einrichten kann, studiere ich derzeit viel Literatur zum heutigen Strafvollzug. In den Leitlinien für die Evangelische Gefängnisseelsorge finde ich folgende Bemerkungen zur Würde des Menschen:

„Gott hat jeden Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen (Gen 1,27). Darin gründen die Würde jedes Menschen und die Verheißung Gottes von Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung für Mensch und Schöpfung. Die Würde des Menschen ist unantastbar, weil sie nach theologischem Verständnis von Gott selber geschenkt und garantiert ist. Die Achtung vor der Unverfügbarkeit der Person, ihrer Subjekthaftigkeit und Eigenständigkeit muss gerade auch im Strafvollzug gewahrt werden. Im Blick auf die Ökonomisierung des Strafvollzugs gilt es, einem Menschenbild entgegenzutreten, das den Menschen auf seine Marktfunktion reduziert. Im Gefängnis mit seinem starken Machtgefälle besteht die Gefahr, dass Inhaftierte zu Objekten von Behandlung, Therapie und auch Seelsorge werden – und damit ihre Würde missachtet wird. Umkehr, Wandel und Aufbruch aus Verstrickungen sind innerste Schritte eines Menschen für seinen weiteren Lebensweg. Sie geschehen in eigener Verantwortung und sind von außen im Letzten nicht beeinflussbar. Gefängnisseelsorge achtet dies und vertraut Gott diese existentiellen Entwicklungsprozesse an. Das eröffnet Freiheit und macht Begegnung jenseits von vorgespiegelter Reue oder Selbstüberschätzung möglich. Seelsorger/innen suchen ihr Gegenüber zu respektieren und sowohl Bevormundung als auch Beschämung zu meiden. Sie achten auf das strukturelle Gefälle und sich daraus ergebende mögliche Abhängigkeiten. Die Gefahr religiöser Manipulation muss von ihnen wahrgenommen und reflektiert werden.“  S.27. https://www.gefaengnisseelsorge.de/publikationen/unsere-leitlinien/

Bleibt die Frage, was ich am kommenden Sonntag predigen soll. Es geht mit Epheserbrief 3,14-19 um den „inneren Menschen“, eine Art Christus-Mystik. Müsste man die nicht einüben statt darüber  zu  reden? Immerhin schreibt da ein Paulus, der selber ein Gefangener ist: „Lasst euch den Mut nicht nehmen, wenn ihr seht, in welcher Bedrängnis ich bin.“

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