Europa macht Frieden?

Das Thema „Europa.Macht.Frieden“ habe ich dem ausgezeichneten Dossier des Publik-Forum  vom April 2019 entnommen. Dort findet sich auch der Aufruf „Rettet das Friedensprojekt Europa“ von 100 Organisationen aus acht europäischen Ländern.

Zu diesem Thema kann ich mich auf unseren Landesbischof berufen, der in seinem Jahresbericht vor der Synode am 21. März wirklich Weg-Weisendes gesagt und nicht mit passenden  Bibelworten gespart hat. Das berühmte Jeremia-Zitat Jer.29,7 („Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN, denn wenn’s ihr wohl geht, so geht’s euch auch wohl.“) wandelt er ab in „Suchet Europa Bestes“. Ich kann nur wünschen, dass dieser Bericht in unseren Gemeinden nicht nur gelesen, sondern auch diskutiert wird.

https://www.elk-wue.de/fileadmin/Downloads/Wir/Landesbischof/Bischofsberichte/Bischofsbericht_2019_Kirche_n__in_Europa_-_Suchet_Europas_Bestes.pdf

Dieses Motto ist angesichts der bevorstehenden EU-Parlamentswahlen angemessen. Dabei ist ihm klar, dass wir Verantwortung für die ganze Schöpfung haben. Schon deswegen darf es keine „Festung Europa“ geben. Ich muss eingestehen, dass sich die weltweiten, solidarischen Bestrebungen meiner Generation lange auf die sog. Dritte Welt beschränkt haben. „Europa“ schien keine besondere Herausforderung zu sein. „Ökumene“ – das kann man etwa an der Geschichte des württembergischen Dienstes für Mission und Ökumene DIMOE sehen – war lange das Engagement für Lateinamerika, Afrika und Asien. Ich meine: Man darf das eine nicht gegen das andere ausspielen.

Darum freue ich mich, dass Landesbischof July immer wieder an die „Charta Oecumenica“ erinnert, die 2001 schon „Leitlinien für die wachsende Zusammenarbeit unter  den Kirchen in Europa“ aufgestellt hat. Die Resonanz seitdem? Ein paar Konferenzen und Tagungen –  das war‘s dann. Mich hat diese mangelnde Aufnahme als Ökumenereferent der Evangelischen Akademie damals sehr erschüttert. Ich fragte mich: Ist  denn der ganze Aufwand für die Katz? Darum wiederhole ich meine Forderung von damals: Druckt dieses Dokument wenigstens im Evangelischen Gesangbuch ab – meinetwegen auf Kosten der Confessio Augustana mit ihrem unsäglichen Artikel 16 („Übeltäter mit dem Schwert bestrafen, rechtmäßig Kriege führen…Hiermit werden die verdammt, die lehren, dass das oben Angezeigte unchristlich sei“.)

https://www.oekumene-ack.de/fileadmin/user_upload/Charta_Oecumenica/Charta_Oecumenica.pdf

Ich kann allem zustimmen, was unser Landesbischof über die europäischen Netzwerke und Partnerschaften sagt. Ich denke, dass kirchliche Arbeit Kleinarbeit ist. (Übrigens stellt uns die Bibel die Ameise als Beispiel vor. Sprüche 6: „Gehe hin zur Ameise, du Fauler, siehe ihre Weise an und lerne!“ Viele Ameisen sind des Elefanten Tod. Darum hoffe  ich, dass viele Friedensbewegte auch den Rüstungswahnsinn überwinden.

Unzählige engagierte Menschen sind da fleißig am Werk, auch wenn sie keine Schlagzeilen machen. Dafür darf man dankbar sein. Ich stimme zu, dass es nicht nur um die EU geht, sondern Europa vor allem nach Osten größer ist. Ich sage deutlich: Auch Russland gehört  dazu. Ich unterstreiche jedes Wort über die Verpflichtung zu den Menschenrechten. Nur muss man sie auch anwenden, wenn Boote mit Flüchtlingen unterwegs sind.

Ich finde den Appell an das soziale Gewissen nötig und richtig: „Unser Platz als Kirchen Europas ist mehr denn je an er Seite der Randständigen, der Entrechteten, der Schwachen und der Verfolgten. Wir haben eine bleibende diakonische Berufung. Das gilt aktuell besonders für das Eintreten für die Rechte Geflüchteter.“

Landesbischof July betont den Wertekanon durch den Vertrag von Lissabon 2009. „Als Glaubensgemeinschaft bringen wir uns in die europäische Wertegemeinschaft ein.“ Dazu gehört der reumütige Blick auf  die Kolonialgeschichte. Sehr gut! Dazu gehört die Bewahrung der Schöpfung: „…dass Europa – durch seine derzeitige starke Wirtschafts- und Konsumkraft – eine umfassende Verantwortung hat, auch für den Erhalt unserer Erde, den Umgang mit lebenswichtigen Ressourcen, den Schutz von Lebensräumen für Menschen und Tiere sowie für Tier- und Artenschutz.“

„Wir nehmen die Kraft dazu aus dem Glauben, dass wir von Gott mit vielen Dingen reich beschenkt sind und dass es gilt, diese Gaben zu teilen, statt über unser Maß hinaus auf Kosten anderer zu leben: Wir leben eine Ethik des Genug. Damit jedoch alle Menschen dieser Erde im „Genug“ leben können, müssen wir als Industrieländern unsere Ansprüche in Zukunft deutlich verringern.“ Deutliche Worte – wer hört sie? Wer folgt ihnen?

Ein (zu) knapper Absatz geht auf die Friedenspolitik ein. Der Bischof fordert „eigene Wege der Friedenssicherung“. Deutlich sagt er zur „Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (GSVP) der EU: „Wir lehnen es als Kirche ab, dass Europa zur vierten Militärmacht wird. Wir stärken den Einsatz für zivile Formen der Konfliktbearbeitung als Weg zum Frieden.“ Ja: „Die evangelische Friedensethik ist geprägt vom Vorrang für zivile Konfliktbearbeitung und Prävention.“ Aber das ist nicht mehr die Politik der EU oder auch nur der Bundesregierung.

Ab 2021 sind in der EU Milliardeninvestitionen für die europäische Rüstungsindustrie, gemeinsame Militäreinsätze und noch mehr Grenzsicherung geplant.

Ich bin gegen einen „Europäischer Verteidigungsfonds“. Der Vertrag von Lissabon verbietet die Finanzierung von Rüstungsprojekten und Militäreinsätzen aus dem Gemeinschaftshaushalt der EU. Stattdessen Gelder für gewaltfreie Konfliktbearbeitung und Friedensförderung!

Ich selber habe meine Stimme schon per Briefwahl abgegeben. Auf die rhetorischen Scharmützel eines Wahlkampfes kann ich verzichten. Schließlich habe  ich Jahre lang beobachten können, was in Brüssel vor sich geht und wer welche Politik gestaltet. Ich finde es peinlich, wenn man uns in Medien „Duelle“ vorführt von Kandidaten, die wir gar nicht direkt wählen können.

Der bekannte katholische Sozialethiker Prof. Hengsbach, der jüngst in Rottenburg sprach, schreibt : „Ganz konkret geht es um die Wahl zum Europäischen Parlament, das aus einer relativ unbedeutenden Rolle herausgewachsen und seit einigen Jahren mehr und mehr in die Entscheidungsprozesse der politischen Organe der Union einbezogen worden ist. In den Rang einer souveränen Repräsentanz der Bürgerinnen und Bürger von Nationalstaaten und zugleich europäischen Bürgerinnen und Bürgern ist es indessen immer noch nicht gerückt…“

Die Alternative ist jedenfalls klar: Entweder  entscheiden wir uns für Nationalismus mit Fremdenfeindlichkeit und Rassismus oder für ein Europa, „das sich zu Menschenwürde, Frieden, Freiheit, Toleranz, Recht und Gerechtigkeit als den gemeinsamen Grundwerten bekennt.“

(Aus meiner Ansprache im Schalom-Gottesdienst Jakobuskirche Tübingen)

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