Jubilate

Wenn ich nicht am Samstag auf dem Bleistift kauen will, muss ich heute meine Sonntagspredigt vorbereiten. Noch immer weiß ich nicht, wie man im Gefängnis sinnvoll predigen kann. Müssen die Insassen nicht aufstöhnen, wenn da einer kommt und bald wieder verschwindet und ihnen etwas von der „Freiheit eines Christenmenschen“ erzählt? Gedruckte Predigthilfen gibt es seltsamerweise kaum. Nur ein paar alte Erinnerungen früherer Gefängnispfarrer sind antiquarisch zu finden. Ich hoffe, dass künftige seelsorgerliche Gespräche hinter Mauern mir einige Lichter aufsetzen.

Der kommende 3.Sonntag nach Ostern  heißt in der Liturgie „Jubilate“ („Jubelt!“). Kann man Jubel befehlen? Ein Nazi-Propagandaminister wie Goebbels konnte das, aber seine Sportpalastrede ist eher abschreckend: „Wollt ihr den totalen Krieg?“  Fällt mir immer am 8. Mai ein, aber das ist eine andere Geschichte.

Wann jubeln wir noch? Wenn unsere Fußballmannschaft gewinnt? Dann sollte man Fan des FC Bayern München sein. Da ist die Jubel-Chance am größten. Aber wir sehen ja diese Woche, dass man eben über ein 3:0 jubeln kann und wenig später 4:0 verlieren. Solcher Jubel hat  eine kurze Lebensdauer. Wahrscheinlich jubeln Gefangene, wenn sie das Gefängnis endlich verlassen dürfen. Doch hält auch solcher Jubel nur bis einen die Mühsal des Alltags eingeholt hat. Ich erinnere mich an eine Geschichte aus dem Konfirmandenunterricht. Da kommt ein Strafentlassener nach langer Zeit nach Hause, unsicher über die Haltung seiner Frau. Wenn er willkommen sei, solle sie ein gelbes Tuch zur Straße raushängen, andernfalls würde er im Bus einfach weiterfahren. Als er voller Zweifel eintrifft, hat seine Frau sämtliche Bäume mit gelben Tüchern behängt. Wo habe ich nur diese Geschichte gelassen? Ich finde sie nicht mehr.

Das sagt evangelische Theologie: Christen jubeln, wenn die Osterbotschaft unsern Alltag erreicht. Der Tod hat keine Macht mehr über uns, selbst wenn wir sterben müssen. Wie sage ich das? Welche Bibeltexte wähle ich aus?

Vielleicht finde ich Lieder, die das ausdrücken? Männer singen aber nicht mehr gern. Selbst auf Beerdigungen werden zunehmend CDs abgespielt. Ich halte dagegen. Ich werde vielleicht allein singen müssen. Das kenne ich noch von den Andachten in der Evangelischen Akademie.

Der Neurologe und Psychotherapeut Eckhard Schiffer hat nachgewiesen, wie Singen von klein auf Gesundheit und Lernfähigkeit fördert. Für die Menge an Glückshormonen, die das  Hirn bei einem gesungenen Lied ausschüttet, müsste ein Jogger zehn Kilometer laufen.

Welche Lieder habe ich  da? Das Evangelische Gesangbuch (EG) liegt aus. Die alten Choräle kann man gut singen, aber die Texte? Die neuen mit guter Poesie kennt keiner. Vielleicht versuche ich es mit EG 619: „Die Tür bist du für den, der an sich selbst verzagt. Du machst ihn frei, wenn er ein Leben mit dir wagt.“

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