Plädoyer gegen die Heuchelei

Als junger Studentenpfarrer organisierte ich ab 1979 wöchentliche Veranstaltungen mit ausländischen Studenten. Einmal ging es um Entwicklungspolitik, zu dem ich MdB Jürgen Todenhöfer eingeladen hatte, der damals entwicklungspolitischer Sprecher seine Fraktion war und sich als scharfer Kritiker Erhard Epplers und später als F.J Strauß-Anhänger profilierte. Die Veranstaltung entgleiste zum Tumult mit folgenden wochenlangen Leserbriefdebatten. Wer hätte damals gedacht, dass dieser „kalte Krieger“ sich zum Kriegskritiker wandeln würde? Dass er heute die linken 68iger rühmt, den Vietnamkrieg der USA kritisiert zu haben? Er schreibt  vornehm: „Diese nicht angepassten jungen Leute haben mitgeholfen, den Vietnamkrieg zu beenden.“ S.59.  Leider war er selbst damals (mit 28 Jahren) auf der anderen Seite und mit seiner Karriere beschäftigt. Aber heute: „Man kann Kriege nur verstehen, wenn man die Opfer erlebt.“ S.24. So ist zu hoffen, dass vor allem seine ehemaligen Parteifreunde und Anhänger dieses Buch lesen.

Keine Frage: Der Autor ist mutig, wohl auch abenteuerlustig. Er geht seit Jahrzehnten in die Brennpunkte des Nahen Ostens, oft unter Lebensgefahr. Seine Schilderungen aus dem Machtbereich des „Islamischen Staates“, aber auch aktueller in Irak,  Jemen oder Afghanistan sind spannend zu lesen, „Frontberichte“ eben: „Plötzlich schlägt zischend, pfeifend, peitschend neben mir eine Kugel ein.“ S.18. Auf die Dauer nervt diese Heldenpose allerdings. Man bekommt den falschen Eindruck, dass nur er vor Ort sich informiert. Schließlich gibt es noch Kriegsberichterstatter, die nicht nur auf einer Reise in den  betroffenen Ländern arbeiten. Wer sich rundum informieren will, hat dazu viele Möglichkeiten.

Zuzustimmen ist ihm in seiner Kritik der deutschen „Qualitätsmedien“ im 19. Kapitel „Das Versagen der Medien“. Als ehemaliger Medienmanager kennt er sich da aus. Aber er ignoriert völlig die alternativen und „sozialen“ Medien. Dabei ist er selber wohl durch Hilfe seines Sohnes Frederic, der Co-Autor ist, etwa auf Facebook reichlich aktiv. Er selber nennt 700000 Abonnenten. Dazu kommen Fernsehsender  wie BBC oder Al Jazira.

In der Kritik der „westlichen“ Politik ist er nicht allein, auch wenn es bei ihm manchmal so tönt. Mit Recht kann er sich bereits auf Mark Twain und unzählige andere oppositionelle Amerikaner berufen, die ihn bestätigen: „Amerikanische Interessen, nicht Werte, waren und sind oberstes Gebot der USA.“ S.29. Todenhöfer kennt die USA gut, weshalb er unzählige Belege für Lügen und Heuchelei  bringen kann. Frage allerdings: Nur im Westen? Ein Blick zu den Eliten Afrikas, Chinas oder Russlands belehrt einen eines Schlechteren. Aber das ist nicht sein Thema. Problematischer ist schon, dass er die islamische Welt vor allem als Opfer sieht. Dazu kommt eine geschönte Sicht der Geschichte des Islam, die bei diesem weitgereisten Mann verwundert. Wer schon mit 18 Jahren in Marokko war, wird doch beispielsweise etwas von den Almohaden wissen, die ohne jeden westlichen Einfluss die Dynastie der Almoraviden stürzten und zum Untergang des Islam in Andalusien beitrugen. Über den Konflikt der  Sunniten mit den Shiiten könnte man ebenfalls kritischer schreiben. Zu rücksichtsvoll ist auch das Iran-Kapitel. Wer sich für interreligiöse Beziehungen einsetzt, sollte doch wenigstens das Schicksal der Bahai erwähnen.

Ich war 1968 das erste Mal in Gaza. Mit den Menschen dort leide ich mit wie die beiden Autoren. Deswegen kann man aber doch nur die Terror-Herrschaft der Hamas kritisieren, die ihre eigene Bevölkerung unterdrückt und immer wieder sinnlose Kriege mit Israel provoziert. (Gerade diese Woche wieder!) Todenhöfer weiß, dass Hamas das tut, „um ihre eigene Daseinsberechtigung zu unterstreichen“. S.79. Dennoch macht er vor allem Israel verantwortlich, das seinerzeit die Besatzung aufgegeben hatte. Der „Dank“ dafür sind seitdem massenweise Raketen auf Zivilisten, die nun mal nicht vom „bösen Westen“ geliefert werden, sondern aus Iran und von Katar finanziert.

Die bedrohten Minderheiten im islamischen Machtbereich werden zu wenig gewürdigt. Zwar trifft Todenhöfer Christen im Nahen Osten. Ihre Vertreter zitiert er kaum. Er hätte beispielsweise in Ägypten bei den Kopten lernen können, wie eine Kirche der Märtyrer zu leiden hat. Seine bibel- und christentumskritischen Passagen nehmen wir Protestanten demütig hin, da wir sie mit und gegen Luther schon selber seit langem, wenn auch differenzierter traktieren. Doch erlaube ich mir die Anmerkung, dass etwa ein Thomas Müntzer ( im 16.Jahrhundert, nicht Anfang des 15.Jahrhunderts ! S. 125) eine vorübergehende Erscheinung war und keine Nachahmer gefunden hat.

Aber letztlich muss man Todenhöfer zustimmen: „Die Heuchelei der westlichen Außenpolitik gefährdet unsere Demokratie. Die Bevölkerung wird in der Frage von Krieg und Frieden systematisch belogen. Und dadurch von jeder echten demokratischen Willensbildung ausgeschlossen.“ S.292f.

Und man muss loben, dass er nicht nur publiziert, sondern mit der eigenen Stiftung „Sternenstaub“ viele Kriegsopfer unterstützt, beispielsweise mit Prothesen für im Krieg verstümmelte Kinder. Auch der Reinerlös dieses Buches ist dafür bestimmt.

Jürgen Todenhöfer: Die große Heuchelei. Wie Politik und Medien unsere Werte verraten. Propyläen Verlag Berlin 2019. 328 Seiten. 19,99 €.

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