Gefängisseelsorge

Da unser Rottenburger Gefängnispfarrer schwer erkrankt ist, habe ich mich bereit erklärt, die Vertretung für die evangelischen Gottesdienste zu übernehmen. Das Haus ist mir aus meiner früheren Zeit als Gemeindepfarrer in Rottenburg bekannt. Allerdings hat inzwischen das Personal gewechselt, die Insassen natürlich sowieso.

Karfreitag nehme ich erstmals an den beiden evangelischen Gottesdiensten  teil. Das ist ein  besonders schwieriges Datum. Zwar sind die Gefangenen erstaunlich ruhig, einige hören konzentriert zu, bei anderen habe ich Zweifel, ob sie überhaupt deutsch verstehen.

Die Gottesdienste sind attraktiv, da sie einmal mehr aus den Zellen kommen können und die Abwechslung mögen. Attraktiv ist  wohl auch der Blick durch die Fenster ohne Gitter auf die Stadt.

Die nächste Zeit werde ich im Wechsel mit dem katholischen Kollegen die Sonntagvormittage im Gefängnis verbringen. Ich freue mich darauf.

Spezielle Predigthilfen kenne ich nicht. Zur Einstimmung lese ich Predigten Karl Barths, der im Alter nur noch im Gefängnis Basel gepredigt  hat. Seine Theologie ist nicht unbedingt die  meine, aber die anspruchsvollen Texte gefallen mir. So kann man sicher heute nicht mehr predigen, da viele Insassen kaum die deutsche Sprache verstehen.

„Habt ihr neulich in der Zeitung gelesen, daß man auf den Philippinen zwei japanische Soldaten gefunden hat, die noch nicht gehört haben oder glauben wollten, daß der Krieg vor vierzehn Jahren zu Ende ging, die darum noch immer in irgend einem Urwald sitzen und auf Jeden schießen, der ihnen zu nahe kommt? Merkwürdige Leute, nicht wahr? Nun, genau solche Leute sind wir, wenn wir nicht wahrnehmen und annehmen und gelten lassen wollen, was  uns in der Osterbotschaft als der Sinn der Ostergeschichte gesagt  wird: daß es mit Sünde und Tod aus – daß, was jetzt gilt, Gottes Gnadengabe ist: ewiges Leben für uns alle. Wollen wir uns das nicht schlicht gesagt sein lassen: Tod – aber Leben!? Also: „Wache auf, der du schläfst, und stehe auf von den Toten, daß Christus dir leuchte!“ (Eph.5,14) Er, Jesus Christus, der unsere schlimme Geschichte zu der seinigen und in wunderbarer Umkehrung seine herrliche Geschichte zu der unsrigen gemacht hat! Er, in dem das Reich des Teufels schon zerstört, das Reich Gottes und seines Friedens schon uns, zu dir und zu mir, zu uns allen, auf die Erde, in die Welt gekommen ist!“

Karl Barth, Gefängnispredigt zu Ostern vom 29.3.1959, in: Predigten 1954-1967, Zürich 1979, S.143

In diesem Sinne „Frohe Ostern!“

 

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