Archiv für den Monat März 2019

Katholisch in Adelaide

Dank dreier Universitäten ist Adelaide auch eine Studentenstadt. Wer abends auf Kneipentour geht, ist von jungen Menschen umgeben, die mehrheitlich bei Bier oder Wein ihr Leben genießen. Mehr als 600 Pubs in Adelaide sprechen für sich. Und noch ein Attribut kann die Millionenstadt für sich beanspruchen: Wegen ihrer vielen Gotteshäuser führt sie den inoffiziellen Untertitel „Stadt der Kirchen“. Australier gelten als nicht besonders religiös. Aber wir haben bisher in jeder Stadt viele Kirchen gesehen.

In unbekannten Städten gehe ich am liebsten in einen katholischen Gottesdienst. Da weiß ich, was mich erwartet. Ich werde nicht aufdringlich angesprochen und kann einigermaßen anonym bleiben. In Adelaide ist es trotz Internet schwierig, die evangelischen Kirchen mit ihren jeweiligen Angeboten zu finden.

Wir entscheiden uns also für die St.Francis Xavier’s Cathedral, die zentral liegt und eine Messe für 11 Uhr verspricht. Das gibt uns Zeit für eine Pause im nahen Hilton Hotel, wo wohl ein „event“ stattfindet. Jedenfalls schiebt ein Portier gerade eine ganze Kleidersammlung vor sich her. Der Blick in den Ballsaal versetzt einen in einen Bollywood-Film. Nun, jedem das Seine.

Die Kathedrale ist benannt nach dem spanischen Jesuiten Francis Xavier im 16. Jahrhundert. Gebaut wurde diese Kirche ab 1851, aber der Turm erst 1996 vollendet.

Wir ziehen unterm Geläut englischer Glocken in die Kathedrale, wo schon eine ganze liturgische Mannschaft auf den Introitus wartet. Die Kirche ist gut gefüllt, die Gemeinde wirkt recht multikulturell, wobei die Weißen in der Minderheit sind. Viele Familien mit kleinen Kindern sind gekommen, die natürlich ihre eigene Agende haben. Ein Knabe faltet gerade den Liturgiezettel zum Flieger, den wiederum seine kleinere Schwester zerreißt.

Die Lesungen der verschiedenen männlichen und weiblichen Sprecher verstehe ich kaum, aber man kennt sie ja einigermaßen. Die verschiedenen Versionen des Englischen machen mir Mühe, aber Oxford-English wird ja nicht mal in Oxford gesprochen. Auch wer die Sprache nicht versteht, wird mit allen Sinnen angesprochen. Da braust die Orgel, tönt der Gesang, Glöcklein klingeln und Weihrauch steigt auf. Frauen und Männer in weißen, grünen und anderen bunten Gewändern schreiten von einer Seite zur andern. Die Gemeinde steht, sitzt, kniet, bekreuzigt sich, geht  nach  vorn und wieder zurück. Dreimal wird eine Kollekte im guten alten Klingelbeutel eingesammelt.

Die Predigt des jungen Priesters, wohl mit indischen  Wurzeln, ist recht gut verständlich, da er langsam und deutlich spricht. Zum Thema „Überheblichkeit“ zitiert er eine Anekdote von Gandhi:

Als Gandhi auf Bitten einer Mutter ein Mädchen zurechtweisen sollte, das zu viel Schleckereien liebte, weigerte sich Gandhi wiederholt und vertröstete die frustrierte Mutter ein ums andere Mal. Seine Erklärung: Er müsse erst selbst sein „Schleck-Laster“ überwinden.

Die Verurteilung des Kardinal Pell erwähnt er nicht. Am Ausgang liegt dazu ein Brief des Apostolischen Administrators Gregory O’Kelly SJ, der zu den Verbrechen der Kleriker klar Stellung nimmt. Er unterstützt die ordentlichen Gerichte, bleibt aber vage in der Hilfe für Betroffene. Den größten Teil des Briefes widmet er der  Sorge für die weitere Entwicklung der Kirche. „Durch unsere Taten für andere werden wir mit Recht beurteilt.“

http://www.adelcathparish.org/news?article=31137

Der Fall des australischen Kardinals Pell ist in allen Medien präsent, zumal sein Anwalt sich noch ungeschickt geäußert hat. Rechtskräftig ist das Urteil nicht, obwohl sich die allgemeine Empörung darum nicht schert. Viele sind wohl recht schadenfroh, dass ein arroganter Vertreter einer „Moralanstalt“ tief gefallen ist. Eine Karikatur in einer Zeitung allerdings zitiert ironisch Jesu Bemerkung aus Joh.8 zur geplanten Steinigung der Sünderin mit folgenden Worten: „Legt eure Steine weg und lasst sie jenen, welche ohne Sünde sind, Fernsehkommentatoren, Zeitungskolumnisten oder Radioreportern.“ Die Selbstgerechtigkeit ist in der Tat grenzenlos.

Was immer man von der katholischen Kirche halten mag, ich finde es immer bewegend, mit wildfremden Menschen den Friedensgruß auszutauschen.

Die Kommunion wird zu meiner Überraschung mit Brot und Wein gefeiert. Habe ich da eine Entwicklung des katholischen Kirchenrechts übersehen? Oder hat die Rottenburger Diözese das nicht mitbekommen? Wie auch immer: Gern gehe ich mit allerlei buntem Volk zum Altar.

Die abschließende Motette von Franz Liszt wird leider durch Babygeschrei übertönt. Das ist eben der Preis, wenn viele Familien mit kleinen Kindern dabei sind.

Mit Sorge schauen wir abends den Wetterbericht: Kein Herbst in Sicht. Verheerende Buschbrände in Victoria State, wohin wir am nächsten Tag verreisen wollen.

https://en.wikipedia.org/wiki/St_Francis_Xavier%27s_Cathedral,_Adelaide.

Art Gallery of South Australia

Die vielen Kunstausstellungen in Adelaide überraschen uns. Sie werden nicht nur für das Festival geöffnet, das nun überall gefeiert wird. Die Eintrittspreise für Klassische Konzerte, Oper und Theater sind hoch, aber es gibt auch „Zahle, was du kannst“-Eintritte oder in Zirkuszelten kostenlose Darbietungen.

https://www.adelaidefestival.com.au/whats-on.

Die „Art Gallery“ enthält eine ziemlich bunte Sammlung, deren roter Faden mir nicht klar ist. Neben 3000 Bildnissen europäischer Meister hängen solche ähnlichen einheimischer Maler. Dann hat man wieder Stühle an die Wand gehängt. An anderer Stelle sind silberne Tortenheber mit Gravuren versammelt. Überhaupt zeigt man gern alte Möbel und Geschirr. Man sieht, dass die ersten Einwanderer per Kunst Erinnerungen aus der alten Heimat mitgenommen haben. Offenbar quälte viele das Heimweh. Völlig irritierend ist  die surreale Abteilung. Mir gefallen die Landschaften, nicht zuletzt die Aquarelle aus der „Hermannsburger Schule“. Missionare hatten viele Aborigine-Kindergefördert, darunter Albert Namatjira. Er brachte sich das Malen selber bei und ist, ganz untypisch für Aborigine-Kunst, mit Aquarellen berühmt geworden. Es sind oft Landschaften des Outback, Bäume und Felsen. Er hat viele Nachfolger gefunden, die hier ausgestellt sind. Ein Riesengemälde zeigt den Entdecker Burke, der in Konkurrenz zu Stuart den Weg nach Norden finden wollte. Familienbilder zeigen, dass man europäisch gelebt hat, aber der australische Hintergrund beweist, dass man nicht mehr zurück kann. Spannend finde ich die 8000 frühen Fotografien und Zeichnungen von Hans Heysen und R.J. Noye, als Australien noch eine ferne Welt war.

1939 hat diese Galerie als erste Aboriginalkunst gesammelt., darunter Bilder auf Rinde.

Die Abteilung „Asiatische Kunst“ lassen wir wie die Islamische Kunst aus.

www.artgallery.sa.gov.au

Eine Sonderausstellung zeigt die Kunst des jungen Australiers Ben Quilty (geb.1973). Er hat sich mit der Kunst der Aborigines auseinandergesetzt und sie in eigener Art aufgenommen. Viele Bilder sind politisch, z.B. die 21 Porträts „After Afghanistan“, die er nach einem Aufenthalt in Kabul 2011 geschaffen hat. Damit konterkariert er die offiziellen Darstellungen australischer Kriegsteilnehmer. Ebenso hat er sich mit der „Flüchtlingskrise“ beschäftigt, in dem er nach einem Aufenthalt in Griechenland 2016 leere orangene Rettungswesten mit einem Personenbezug darstellt, um so an die vielen Menschen zu erinnern, die im Mittelmeer umgekommen sind. Ein anderes großformatiges Gemälde heißt „Fairy Bower Rorschach“, das er anfertigte, als er entdeckte, dass ein idyllischer Picknickplatz 1834 der Ort schlimmer Massaker an indigenen Frauen und Kinder war. Die kräftigen Farben und den geradezu aggressiven Pinselstrich vergisst man nicht.

https://www.agsa.sa.gov.au/whats-on/exhibitions/quilty/

Bibliothek und Museen

Obwohl Australien ein Land der Einwanderer ist, hat es sich lange gegen weitere Einwanderer aus nichteuropäischen Ländern gewehrt. Erst sehr spät wurden Restriktionen für nichtweiße Einwanderer aufgehoben. Heute versteht sich das Land als „Heimat der Verschiedenen“. In Adelaides Migrationsmuseum bekommt man einen Begriff für die andauernden Migrationen in aller Welt. Viele denken und hoffen  ja, das sei eine vorübergehende Erscheinung. Hier wird einem klar, dass wir uns in dieser Frage neu orientieren müssen.    https://migration.history.sa.gov.au/

Die State Library in Adelaide ist die größte öffentliche Bibliothek des Staates Südaustralien. Am Eingang ist gerade ein schwunghafter Handel mit alten Büchern, die zugunsten der Bibliothek verkauft werden. Im unteren Stockwerk ist eine multimediale Ausstellung zur Geschichte der Demokratie in diesem Land, die erstaunlich selbstkritisch angelegt ist. Schon ­­­1857 tagte erstmals ein Parlament. Das Frauenwahlrecht (auch für Aborigine-Frauen) wurde bereits 1894 eingeführt, lange vor Deutschland oder gar der Schweiz. Bei uns unterscheidet man die australischen Staaten ja kaum und kennt ihre Politiker nicht. Das ist schade, weil die australische Demokratie weit eher für uns ein Vorbild sein könnte als die amerikanische, in der nur noch  das Großkapital bestimmt. www.centreofdemocracy.com.au.

Den modernen Lesesaal, wo die Studenten arbeiten, brauchen wir nicht. Mir hat es der ältere Trakt angetan. Der Bau ist selber ein Kunstwerk.

Ein Stockwerk höher geleitet uns eine ältere Frau namens „Elizabeth“, die früher hier  studiert hat als es noch keine  „aircondition“ gab. Jetzt ist es angenehm kühl. Mit sichtbarem Stolz zeigt sie die Regale, aus denen man einfach die Bücher in die Hand nehmen kann. Die umfassende Ahnenforschungsabteilung interessiert mich weniger, aber die Forschungsberichte der ersten Entdecker haben es mir angetan. Kurioserweise gibt es auch eine Spielzeugabteilung und natürlich neue Medien aller Art.

Gleich nebenan liegt das South Australian Museum. Hier konzentriere ich mich auf die Aborigines-Abteilung. Was immer man an Gegenständen erwerben oder ausgraben konnte, ist hier vertreten. Dazu kann man an jedem Objekt Video-Kommentare von indigenen Persönlichkeiten hören und entsprechende Filme sehen. Betrachtet man beispielsweise einen bestimmten Bumerang – es gibt hunderte verschiedene – dann kann man sich anschauen, wie diese Waffe eingesetzt wurde und noch wird.

Am Eingang verzeichnet eine große Karte die früheren Stammesgrenzen. Traditionell lebten die Aborigines in einem überschaubaren oft durch Berge oder Flüsse begrenzten Raum. Sie wanderten keineswegs durch den ganzen Kontinent. Das wäre gefährlich gewesen, denn friedlich waren sie nicht. Der „edle Wilde“ ist eine europäische Erfindung.

In einem weiteren Stockwerk kann man sich die Bilder erklären lassen, die ja alle eine Botschaft enthalten. Im Computer werden die einzelnen Symbole wie bei einer Geheimschrift entschlüsselt.

Ratlos betrachte ich auf Videos ihre Zeremonien, die für uns chaotisch wirken. Die Initiationsriten sind manchmal abschreckend hart, wenn beispielsweise den Jungen der Penis aufgeschlitzt wird.

Es gibt noch weitere Abteilungen, aber ausgestopfte Tiere interessieren mich nicht so sehr. Ich muss aber zugeben, dass ich vermutlich nicht einem lebenden Riesenkänguru so nah ins Auge sehen kann. Ein ausgestopfter Löwe, der mit dem Schwanz schlagen kann, fasziniert die vielen Kinder, die hier herumlaufen. Anscheinend macht man hier die Familienausflüge ins Museum. Das ja keineswegs „museal“ ist und in seiner Cafeteria den bisher besten Cappuccino bietet. Weil der Eintritt frei ist, gehen wir öfter hin. Man muss dann nicht bis zum Umfallen bleiben.

http://www.samuseum.sa.gov.au/explore/museum-galleries/australian-aboriginal-cultures.

Glenelg Strand

Ein Stadtbummel macht bei der andauernden Hitze keinen Spaß. Darum fahren wir mit der Straßenbahn in einer halbe Stunde ans Meer nach Glenelg. Blöderweise vergesse ich unsern Rucksack, aber der Fahrer der nächsten Tram telefoniert mal kurz und nimmt uns mit ins Depot. Auf dem Weg erzählt er uns, dass er leider seine eigenen Reisepläne aufgeben musste,  weil er seiner Tochter bei Schwangerschaftsdepressionen beistehen will. Dann händigt man uns das Fundstück aus. Das nenne ich effizienten Kundendienst!

Die Freundlichkeit der Australier erfreut uns immer wieder. Kaum hole ich auf der Straße den Stadtplan heraus, fragen mich Leute, ob sie uns helfen können.

Glenelg ist gewissermaßen der Geburtsort von South Australia. 1836 wurde hier die Unabhängigkeit des Staates proklamiert. Man ist sehr stolz, dass man nicht von Sträflingen, sondern von freien Siedlern abstammt. Der erste der die Küste zu sehen bekam und teilweise kartografierte, war 1627 der Holländer Pieter Nuyts. Näher erforscht wurden die Küsten im Jahr 1802. Und 1837 kamen die ersten Deutschen, viele Evangelische aus Schlesien, die unter dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. zu leiden hatten. Bis 1850 waren schon 7000 Deutsche gekommen und gründeten Orte wie Klemzig und Hahndorf. Die in den 1860iger Jahre eingewanderten Lutheraner begannen dann im nahen Barossatal mit dem Weinbau.

Zu unserer Überraschung sind nur wenige Menschen da. Später kommen etliche Familien mit ihren Kindern. Am weiten, weißen Strand sind Duschen, sodass wir das Bad im  Ozean genießen. Meine Frage nach möglichen Krokodilen wird im Touristenbüro lachend beantwortet: „Nein,  aber vielleicht ein paar Haifische.“ Das Wasser ist warm und ruhig, sehr lange flach. Es ist wohl Ebbe. Mich begeistert die Vorstellung, dass man immer geradeaus zum Südpol schwimmen könnte.

An der Promenade fährt ein selbstfahrender, elektrisch angetriebener Kleinbus: „Das Auto der Zukunft.“ Wir schlendern aber lieber im Schatten der Bäume an schönen kleinen Häusern entlang. Manche sind recht originell, aber es passen nicht alle zusammen. Vermutlich gibt es keine entsprechenden Vorschriften. Dann lassen wir uns müde auf einem Rasenstück nieder.

Eine Erwähnung wert sind die kostenlosen öffentlichen Toiletten: vollautomatisch, sauber geruchsfrei. Da können sich Rottenburg und Tübingen mal ein Beispiel nehmen. „Liebe Oberbürgermeister Neher und Palmer: Importiert doch einfach welche aus Australien!“

Auf einer Wiese treffen wir Rhett, einen Fernsehreporter, der hier seine Mittagspause genießt. Er erzählt uns viel von seinem Beruf und vom Leben in Adelaide, für ihn die schönste Stadt Australiens.

Der Ort selber ist nicht besonders aufregend, aber schön. Es könnte ein englisches Seebad sein. Passenderweise bestellen wir zum lunch „fish and chips“. Dann lassen wir die Seele baumeln, gucken den Möwen und Menschen zu und beobachten die ständig landenden und startenden Flugzeuge vom nahen Airport.

Weil es so schön war, machen wir es am nächsten Tag noch einmal.

http://www.glenelgsa.com.au.

Adelaide

Wenige Schritte vom Busbahnhof finden wir ein kleines „grün-alternatives“ Café, das zwei sympathische junge Frauen betreiben. Das ganze scheint ein ökologisches Zentrum zu sein. Dazu gehört ein kleiner, etwas verwilderter Garten,  in  dem sogar Hühner gehalten werden. Das habe ich in einer Millionenstadt nicht erwartet. Wir bekommen zum Frühstück ein australisches Müesli, dessen Körner und Früchte – außer Erdbeeren – wir nicht kennen.

Unser Hotel ist zu Fuß zu erreichen, macht aber erst um 10 Uhr auf. Eine von vielen Merkwürdigkeiten dieses chinesischen Managements. Zu unserer Erleichterung lassen sie uns wider Erwarten  gleich ins Zimmer. Noch besser ist, dass wir unseren Aufenthalt ohne Aufpreis verlängern können. Mit Schrecken haben wir nämlich gesehen, dass die Preise zum Wochenende gewaltig explodiert sind. Den Grund lernen wir jetzt kennen. Das berühmte Festival beginnt. Das Angebot ist umwerfend, aber wir sind nicht hergekommen, um die Deutsche Oper zu sehen.

Nach einer „Mütze Schlaf“ erkunden wir die Stadt. Der Bus 98 fährt kostenlos seine Runden. So bekommen wir einen guten Überblick und müssen nicht schwitzen. Denn die Hitzewelle hat leider auch Adelaide erreicht.

Wie in vielen Städten Australiens hat der Stadtplaner William Light die Straßen schachbrettartig angelegt. In Adelaide hat er obendrein dafür gesorgt, dass die Innenstadt nicht in Vororte „ausfranzt“, sondern von einem Grüngürtel umgeben ist.

Wir fahren also von  der Innenstadt über den Torrens River durch Parkanlagen nach North Adelaide, dann durch kleine Straßen mit kleinen Einfamilienhäusern nach Osten. Dort seien die reichsten Villen. Beim Zoo und Botanischen Garten fährt der Bus zurück und entlang des Flusses zurück in den Universitätsbereich. Auf der andern Seite liegen die berühmte Bibliothek und einige Museen. Dann umkurven wir die Innenstadt, vorbei an China-Town und der „Rundle Mall“. Das ist eigentlich eine Fußgängerzone, die zum shoppen verführt. Ältere Kolonialgebäude wechseln sich mit modernen Kaufhäusern ab. Manche haben im Untergeschoss einen „foodmarket“, wo man günstig essen kann. Wie in manchen asiatischen Ländern konzentrieren sich hier die diversen Küchen, sodass man nach Lust und Laune japanisch, indonesisch, griechisch, indisch, chinesisch oder auch australisch bestellen kann. Wir kaufen vor allem Obst ein. Interessant: Bananen sind Mangelware geworden, da „Queensland“ wegen der Wetterturbulenzen nicht genug liefern kann.

Nicht nur die vielen Chinesen, sondern auch andere Asiaten fallen im Stadtgebiet auf. Aborigines sind hingegen selten, obwohl die Stadt auf ihrem Gebiet errichtet wurde. Immerhin erinnert am Victoria-Square eine Stele an die hiesigen Ureinwohner.

Eine Woche wird kaum reichen, um alles zu sehen. Aber für den ersten Tag ist es mehr als genug!

Nachtfahrt südwärts

Nach Adelaide könnten wir von Coober Pedy fliegen, aber dann sehen wir ja nur das Flugzeug von innen. Also steigen wir wieder in den Greyhound-Bus, der nur einmal in 24 Stunden fährt, also jetzt nachts. Die schwarzen Reisegenossen sind wir schon gewöhnt. Sie nehmen immer dicke Wolldecken mit, weil sie wohl immer wieder unter freiem Himmel schlafen. Sonst sind kaum Passagiere dabei, sodass sich die meisten quer auf die Sitze legen. Ein solcher Bus ist kein Schlafwagen, aber man hat mehr Beinfreiheit als im  Lufthansa-Airbus. Ein grandioses Schauspiel ist es, wenn am weiten Horizont die Sonne versinkt. Um halb neun Uhr fahren wir endlich ab.

Der Anblick dieser Halbwüste ist uns ja nun vertraut. Bei Nacht sieht alles etwas gespenstisch aus.

Einem Freund, der bei Jürgen Moltmann studiert hat, bringe ich dessen neuestes Buch mit: „Christliche Erneuerungen in schwierigen Zeiten“ (Claudius Verlag München 2019).

Die Fahrt ist eine gute Gelegenheit, es erst selber zu lesen. Es sind gesammelte Vorträge, die Moltmann bei verschiedenen Gelegenheiten gehalten hat. Wirklich neu sind seine Ideen für mich nicht. Aber er ist immer noch gut für markante Formulierungen. In „Die unvollendete Reformation“ kritisiert er eine „Dialoginflation“, die „vielleicht der Gemeinschaft dient, aber nicht der Wahrheit. Ein Streit kann mehr Wahrheit enthalten als ein toleranter Dialog.“ So lobt er den „linken Flügel der Reformation“ und nennt ausdrücklich den in Rottenburg hingerichteten Täufer Michael Sattler. Für die Zukunft meint er: „Aus dem Zerfall der Christlichen Welt wird sich eine selbstständige, friedfertige, ökumenisch geeinte, einladende und zuversichtliche Kirche erheben.“

In einem zweiten Beitrag für die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen bekennt er klar: „Der Gott des Kapitalismus ist ein Gott, der Reichtum verspricht und Armut produziert… Die Freiheit der ‚freien Marktwirtschaft‘ dient nicht dem Leben aller Menschen.“

Sein Thema ist immer wieder die „Kirche in der Kraft des Geistes“, die er in der Tübinger Jakobuskirchengemeinde erlebt.

„Ökologie mit Liebe zur Erde“  ist ein weiteres Thema, das er seit langem bearbeitet. Schließlich macht er sich Gedanken zur „Zukunft der Theologie“, die er mit seiner eigenen „Theologie der Zukunft“ beantwortet. Vor allem geht es ihm darum, dass Evangelische Theologie sich nicht in Religionswissenschaft auflöst, sondern  den Bezug zur Welt und zur Kirche bewahrt. „Wir erleben Gottes Geist in allen guten Dingen und entwickeln sakramentale Spiritualität der Erde.“

Es ist eine eigene Erfahrung, diese Gedanken auf einer nächtlichen Fahrt zu lesen. An einem Stopp erlebe ich bei der Betrachtung des Sternenhimmels selber einen spirituellen Moment. Eine solche Dunkelheit kennen wir ja in unsern elektrisch beleuchteten Städten nicht mehr. Da funkelt der Orion besonders stark und der Beteigeuze zwinkert mir zu.

An einem weiteren Stopp gibt es wieder Lärm. Ein alter indigener Mann will den Bus nicht verlassen.  Er findet seinen Sitz wahrscheinlich gemütlicher als die Wildnis. Seine Frau zerrt lautstark an ihm herum. Ich bewundere die Geduld des Busfahrers. Er ist wie alle andern bei Greyhound nicht der Jüngste. Aber er lacht nur. Er ist noch ganz andere Schwierigkeiten gewöhnt.

Wir kommen an Woomera vorbei, wo  1953-1964 britische Atombomben getestet wurden. Ein dunkles Kapitel! Viele Maralinga Tjarutja Aborigines und australische Soldaten erlagen ihren Strahlenschäden. Was tatsächlich passierte, wurde vertuscht und erst jüngst etwas aufgeklärt. Wie sehr übrigens Australien an den britischen Kriegen beteiligt war, kann man an den Denkmälern ablesen, wo oft vom Burenkrieg bis Afghanistan an die australischen „Gefallenen“  erinnert wird.

Am letzten Stopp bei Port Augusta merken wir, dass die „Zivilisation“ uns wieder hat. Die Raststätte erfüllt die europäischen Hygienestandards. Kaffee ist sogar umsonst. Der Autoverkehr nimmt zu. Der Tag erwacht.

Die Einfahrt nach Adelaide ist gespickt mit Autohäusern und Werkstätten. Dann biegen wir ein in die Innenstadt und steigen fahrplanmäßig um 7.25 Uhr an einem richtigen modernen Busbahnhof aus.

Wir  vergessen  die Tatsache zu feiern, dass wir nunmehr den ganzen australischen Kontinent von Nord nach Süd  durchquert haben.

 

Coober Pedy

Unsere nächste Station haben wir nur gewählt, um die lange Fahrt nach Adelaide zu unterbrechen. Doch Coober Pedy (Aboriginal-Name „kupa piti“ = „weißer Mann im Loch“) bietet viel. Schon viele Kilometer vor der Stadt fallen uns in der Landschaft weiße Haufen auf, die riesigen Maulwurfshügeln gleichen. Dort buddeln sie seit hundert Jahren nach dem begehrten Opal.

Wir kommen abends müde an. Die Sonne ist untergegangen, aber die Luft ist noch immer unerträglich heiß. Taxis gibt es in diesem Nest nicht. Auf die bloße Frage hin lädt uns ein freundlicher Einwohner in sein klappriges Auto und fährt uns zum Hotel.

Die Stadt erinnert an eine Goldgräbersiedlung im Wilden Westen der USA. Sie besteht eigentlich nur aus einer Straße.  Überall Bohrgeräte und kleine Bagger. Die Häuser sieht man kaum, weil die Leute ihre Wohnungen aus dem Felsen geschlagen haben.

Dass Menschen freiwillig ihr Leben weitgehend in Höhlen und Schächten verbringen, ist schwer vorstellbar. Aber im australischen Coober Pedy, wo die grössten Opalvorkommen der Welt ruhen, lebt man so: Was zählt, ist einzig das irisierende Feuer des kostbaren Minerals.“ NZZ

Auch in „Radekas Motel & Backpacker Inn” liegen die Zimmer unter der Erde im Felsen. Sie brauchen keine Klimaanlage. Man hört nichts wie in einem Bunker. Wir schlafen gut.

Am nächsten Morgen checken wir aus, weil wir am Abend weiterfahren. Wir dürfen dennoch  nicht nur unser Gepäck abstellen, sondern auch alle Einrichtungen, inklusive unterirdisches Wohnzimmer mit TV,  weiternutzen. Kaffee und Tee stehen nicht nur im Zimmer  bereit. Wegen der Hitze legen wir immer  wieder eine Pause hier ein.

Das Ehepaar am Empfang wirkt etwas „schräg“ wie die meisten Leute in dieser Stadt. Der Mann ist hilfsbereit, aber nicht nur wegen fehlender Zähne schwer  zu verstehen. Die Frau hat  einen gewissen Mitteilungsdrang und erzählt uns ihre halbe Lebensgeschichte.

Unser Weg führt uns gleich nebenan zur katholischen Kirche. Die Messe verpassen wir leider, aber wir treffen den Priester noch an. Father Brian, schon in Räuberzivil,  erzählt von seiner Gemeinde, die diese Kirche in Eigenarbeit in den Felsen geschlagen hat, anfangs noch mit Pickel und Schaufel. Zwei Jahre brauchten sie für das Kirchenschiff, später mit der Maschine für die Seitenschiffe nur zwei Wochen. Alle Leute aus verschiedenen Denominationen haben mitgewirkt. Es gibt noch drei andere Underground Churches. Die Peter & Paul Kirche ist die älteste.  Sein Einsatzgebiet ist  größer als vergleichsweise Texas. Darum ist er viel unterwegs.  Etwa 70 Menschen kommen in die Sonntagsmesse. Religionsunterricht für Kinder gibt er auch. Und Seelsorge natürlich. Alkoholismus sei ein Problem. Eigentlich sind alkoholische Getränke in dieser Stadt verboten bzw. limitiert. Aber Aboriginals kommen doch ran. Dann lärmen sie nachts herum und seien auch schnell aggressiv. Aber er mag diese Leute. Die ökumenische Zusammenarbeit sei gut, man hält zusammen. Auf den wegen Sexualmissbrauch verurteilten australischen Kardinal Pell spreche ich ihn nicht an. Man muss nicht noch Salz in die Wunden streuen. Die Täter müssen bestraft, die Opfer entschädigt werden. Aber dann gilt Jesu Wort: „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ Im Fernsehen wird über den Fall breit informiert und heftig diskutiert. Immerhin sind ein Viertel der Australier katholisch.

Die Stadt hat drei Tankstellen und ein paar Bars. Aber vor allem ein Dutzend Opal-Läden. Es ist schon ein faszinierend funkender Edelstein. Man kann diverse Touren durch die Umgebung buchen. Wir begnügen uns mit einer Führung im „Umona Opal Mine & Museum“, wo wir unter der Erde diverse Ausstellungen und Filme sehen können. Wie in Katakomben gehen wir durch die Gänge, sehen Nachbauten der ersten Minen und den heutigen Abbau. Natürlich landet man auch hier wieder in einem Laden, wo wir den Erklärungen und Angeboten einer Schweizer Verkäuferin (aus Lenzburg) nicht widerstehen können. Es sei auch eine Geldanlage, da Opale im Wert steigen. Sie lebt seit einiger Zeit in dieser Stadt und fühlt sich wohl.

„Mit fast 95% der weltweiten Produktion ist Australien der wichtigste Herkunftsort für Opale. Für große Bergbaugesellschaften lohnt sich der Abbau des Minerals nicht. So sind es vor allem Glücksritter, die die Schmucksteine abbauen. Sie können die steigende Nachfrage aus China und Indien aber nicht befriedigen… Opale sind eine Fusion von Siliziumoxid und Wasser, entstanden über Millionen von Jahren im Boden längst ausgetrockneter Meere, unter dem Druck des umliegenden Gesteins. Das Ergebnis ist ein Stein, in dem die ganze Pracht der Natur eingefangen ist, wie Sammler schwärmen: die Farben des Regenbogens, Feuer, Blitze, das Schimmern des Meeres. Bis heute suchen ausschließlich Privatpersonen nach Opalen. Bergbauunternehmen interessiert der Stein nicht – zu viel Erde muss bewegt werden, um an einen heranzukommen. Hammer, Pickel und Muskelkraft sind noch immer wichtig beim Abbau von Opal – vor allem für Anfänger. Cashflow ist alles: Nur wer genügend große Mengen qualitativ hochwertigen Steins findet, kann sich Maschinen leisten. Und Diesel, der hier, mitten im Nirgendwo, ein Vermögen kostet. Opal erlebt eine Renaissance. In den letzten zwei Jahren hat sich der Preis für Steine guter Qualität nahezu verdoppelt. Laut John Dunstan von der Vereinigung der australischen Opalförderer in Coober Pedy betteln Händler aus Indien und China darum, ihnen mehr Opale zu liefern. Eine wachsende Mittelschicht in diesen Ländern kaufe das mysteriöse Gestein als Glücksbringer und in der Hoffnung, dass es Böses abwende. “ NZZ

Wir verzichten auf die „Public Noodling Area“, wo jeder nach Opalen suchen kann. Nur die wenigstens werden fündig. Aber das Opal-Fieber ergreift dennoch viele. Das gilt auch für die ca. 120 Leute, die professionell ihr Glück versuchen.                                                      http://www.cooberpedy.com

Outback

Von Alice Springs könnte man noch viele Touren machen, aber es ist uns zu heiß. Der Sommer will hier kein Ende nehmen. In der Nähe hat es gebrannt. Gespannt verfolgen wir im täglichen Wetterbericht die brandroten Flecken, die nicht kleiner werden, sich aber auch nicht violett verfärben. Dann wäre es über 50 Grad. Vielleicht ist es im Süden etwas kühler?

Wir verlassen mit Greyhound die Stadt nach Süden auf der uns schon bekannten Straße bis Erldunda. Die Rinderfarm umfasst 6705 Quadratkilometer. Wir haben uns eine Tagesfahrt vorgenommen, die nur acht Stunden dauert. Mit uns sind wieder ein paar Aborigines und einige Studenten an Bord. Die einen dösen vor sich hin, die andern spielen mit ihren Smartphones, denn im Bus kann man sie aufladen und Internet empfangen. Ich lese derweil in Iwanowski’s „Australien“, was wir leider an Naturschönheiten verpassen und nehme mir vor, in einer kühleren Jahreszeit wiederzukommen. Dann aber als Selbstfahrer mit einem Geländewagen.

Die Macdonnell Ranges liegen hinter uns, die Welt wird flach wie eine Scheibe. Stundenlang durch endlose Weiten, links und  rechts nur rotbraune Erde mit grau-grünem Busch. Nur ab und zu begegnet uns ein Auto, selten donnert ein Roadtrain vorbei. Gelegentlich zweigt ein Weg ab, der zu einer der Rinderfarmen führt. 3000 Rinder auf eine Farm sind keine Seltenheit. Wenn man für eine Kuh 1000 Dollar erzielen kann, ist das doch ein schönes Vermögen. Dass die Viecher den Aborigines das Wasser wegsaufen, wundert  mich nicht. Früher haben sie die deswegen mit Speeren getötet, aber das dürfen sie nicht mehr.

Bis Marla, einem Roadhouse, sind es noch einmal 254 km. Es werden nur Pakete ausgeladen. http://www.marla.com.au.

Nach kurzem Halt geht es weiter nach Kulgera. Die Leute hier haben Humor. Über der Bar ist die gegenwärtige Einwohnerzahl verzeichnet: 16. In Worten: Sechzehn! Dass es solche Ort noch gibt in unserer überbevölkerten Welt!? Früher  war hier wohl ein Grenzposten. Nach kurzer Weiterfahrt weist ein Steinmal darauf hin, dass wir nun im Staat Südaustralien eingetroffen sind. Wir kommen in eine neue Zeitzone und müssen die Uhr eine Stunde vor stellen. Sonst ändert sich nichts.

Im Nirgendwo passieren wir den „Dog Fence“, einen 9600 km langen  Zaun durch halb Australien, der die Dingos von den Schafen Südaustraliens fernhalten soll.

Allmählich sinkt die Sonne, die Landschaft ändert sich. Wir nähern uns den Opal-Feldern. Weiße „Maulwurfshügel“ künden Coober Pedy an. Wir haben den Ort nur zur Übernachtung vorgesehen, aber er hält einige Überraschungen bereit.