Archiv für den Monat März 2019

Melbourne

Dass in Melbourne wieder ein besonderes „event“ ist, die Formel 1-Weltmeisterschaft, merken wir erst an den explodierenden Preisen für eine Unterkunft. Da ich keine Lust habe, 800 € pro Nacht zu auszugeben, ziehen wir in ein Backpacker-Hostel in Bahnhofsnähe. Es muss ja kein 16-Mann-Schlafraum sein. www.melbournecitybackpackers.com.au.

Ich habe ja schon in manchen Löchern übernachtet, aber noch nie so viel für eine Gefängniszelle (ohne Gitter am Fenster) bezahlt. Immerhin ist die Küche kostenlos, man kann sich ein Frühstück machen. Asiaten kochen da sogar. Nebenan ist ein halbwegs gemütlicher Aufenthaltsraum mit TV und einer Bücherecke, wo man essen kann. Das Gemeinschaftsbad ist sauber, einigermaßen. Wir treffen  eine lustige junge Gemeinschaft und wenn ich nicht in den Spiegel schaue (den es eh nicht gibt), kann ich mich ja wieder wie 20 fühlen. Wir sprechen mit jungen Japanern, Niederländern und  Deutschen, die wir auch sonst überall in der Stadt treffen. Wie können die jungen Leute sich das teure Australien leisten? Viele haben ein „work and travel“-Visum. Australien sucht sehr genau aus, wen sie gebrauchen können. Manche fragen einfach in den Bars nach Arbeit.  Nur die saarländische Studentin geht beim Wechsel in die deutsche Sprache ins „Sie“ über. In der Gemeinschaftsküche lesen wir öfter die Aufforderung „Wasch‘ Deine Teller ab, deine Mutter ist nicht hier.“

Schon am Bahnhof sind die Fangruppen nicht zu übersehen. Neben den roten „Ferrari“ und schwarzen „Mercedes“-Fans fallen die gelben „Renaults“ auf, weil dort der beste Australier namens Daniel Ricciardo fährt. Ich hätte nicht gedacht, dass die Formel 1-Weltmeisterschaft so einen Rummel in der ganzen Stadt zur Folge hat. Später kommen wir am Albert Park vorbei, wo das ohrenbetäubende Gedröhne der Motoren nicht zu überhören ist.

Wir ziehen es jedoch vor, die Ruderer auf dem Yarra-River zu beobachten, die in ihren schmalen Sport-Booten trainieren. (Wie breit waren doch früher unsere Ruderboote auf  der Elbe!) Man hat am Ufer einige Promenaden angelegt, sodass man in dieser mittlerweile von Wolkenkratzern dominierten Stadt ganz gut spazieren gehen kann.

Nun, die bald fünf Millionen Einwohner müssen ja irgendwo bleiben. Ich trauere dennoch den kleinen drei-bis vierstöckigen Kolonialgebäuden nach, die irgendwie Charakter haben und mich nicht so einschüchtern. Etliche Kirchen schrumpfen im Vergleich auf Gartenhausgröße.

Wir bewegen uns in der eigentlichen City (CBD), wo nur 72000 Menschen wohnen. Meistens nehmen wir die Straßenbahn, die im begrenzten Revier kostenlos ist. Eine Besonderheit ist die Linie 35 (City Circle Tram), die einmal sehr langsam um die Innenstadt herum fährt. Sie scheint sich seit der Eröffnung 1885 kaum verändert zu haben und ist entsprechend überfüllt. Dafür bekommt man gratis eine Stadtführung. Zwischendurch steigt der Tramführer auch schon mal aus. Melbourne hat mit 238 km das größte Straßenbahnnetz der Welt. Wir nutzen es fußschonend weidlich aus, zum Beispiel mit einer Fahrt an die „St.Kilda-Beach“.

Den Lunapark lassen wir aus, ebenso das dortig Palais-Theater. Der lange, wenn auch schmale Strand ist uns zu heiß. Trotz Hautkrebsgefahr sonnen sich einige Leute, während wir den Schatten eines Cafés vorziehen. Am Horizont ankern ein paar Frachtschiffe. Der St.Kilda-Pier geht weit ins Meer hinaus. Angeblich soll man da abends eine Pinguin-Kolonie beobachten können. Uns ist der Weg in der Hitze aber zu anstrengend.

Man sagt, dass man hier an einem Tag alle vier Jahreszeiten erleben kann. Weil es abends mitunter ziemlich kalt ist, kaufen wir bei einem Chinesen eine Jacke im berühmten „Queen Victoria Market“, der ansonsten keinen Vergleich mit orientalischen Märkten aushält. Das ändert auch der „Bratwurst Shop“ nicht. Im Unterschied zur kleinen englischen Kolonialstadt Castelmaine fallen die vielen Asiaten auf der Straße und in den Geschäften auf. Außerdem sind viele australische Schulklassen unterwegs. Wir sind diese Menschenmassen gar nicht mehr gewöhnt. Insbesondere am „Federation Square“ ist es voll. Dessen neue Architektur gefällt mir gar nicht. Wie schön ist da doch der alte Bahnhof „Flinders Street Station“. Bis hierher legten früher die Ozeandampfer an und wurden dann umgeladen. Mit Wehmut schaue ich die alten Hafenbilder, als man noch das Alltagsleben der Arbeiter beobachten konnte.

Auf der anderen Seite des Platzes besuchen wir die St.Paul’s-Kathedrale, wo mittags eine (anglikanische) Eucharistiefeier beginnt. Der Priester hält ein langes, sehr konkretes Fürbittengebet für Palästina. Am Ausgang werden Olivenholzschnitzereien aus Bethlehem verkauft. Diese Gemeinde setzt sich sehr offensiv für Flüchtlinge ein. Am Turm prangt ein großes Plakat „Welcome all refugees“. So opponieren die Anglikaner mutig gegen die Regierung. Eine Inschrift erläutert am Eingang, welchen indigenen Stämmen man das Land abgekauft hat.

Das Gebiet der heutigen Stadt Melbourne war seit etwa 35.000 Jahren von knapp 20.000 Aborigines besiedelt. Sie gehörten zu den drei Stämmen der Wurundjeri, Boonwurrung und Wathaurung, die gemeinsam den Verband der Kulin-Ntation bildeten. Für sie war das Gebiet ein bedeutender Treffpunkt und stellte darüber hinaus eine wichtige Quelle für Wasser und Lebensmittel dar. Im Jahre 1803 wurde das Gebiet erstmals von Europäern erkundet und 1835 siedelten europäische Siedler von Tasmanien über und gaben der Bucht den Namen Port Philipp.

Ich habe den Eindruck, dass Australien einige Anstrengungen unternimmt, um den Rassismus der Vergangenheit zu überwinden. Im Koorie-Heritage-Trust-Culture-Centre studieren wir diese Bemühungen.

Den Sonnenuntergang beobachten wir vom Riesenrad aus. Es steht in der „Waterfront City Docklands“ und bietet einen Höhenblick über die ganze Stadt.

Dieser neue Stadtteil selber ist aber wohl eine Fehlplanung. Die sterilen Geschäfte und Restaurants ziehen nicht die Touristenmassen an, die man sich gewünscht hat. In der „marina“ dümpeln nur ein paar Yachten. Ein einsames Liebespaar sucht die dunkle Ecke. Die meisten Leute gehen wie wir lieber in die traditionellen Viertel.

Und die bieten so viel, dass man gar nicht weiß, wo anfangen und aufhören.

https://de.visitmelbourne.com/

Trockenheit

Am Vormittag treffen wir uns mit einem britischen Ehepaar, das regelmäßig Australien besucht. Der Urgroßvater (?) kam als Gefangener nach Australien und machte dann sein Glück als Goldwäscher. Frau und Kinder blieben zurück. Sein Verbrechen? Er hatte ein Schaft gestohlen. Verrückt: Die britische Regierung klaut einen ganzen Kontinent, aber ein armer Kerl wird wegen Diebstahl in die Verbannung geschickt, eine Familie zerrissen. Das Paar kommt gerade von einer Bootstour auf dem Murray-Fluss  zurück. Diese Tour haben wir uns auch überlegt, aber dann wegen der Wasserknappheit gelassen. Diese scheint dramatisch zuzunehmen, wenn die Presse recht hat:

„Seit Jahrtausenden sind die Flüsse, Seen und Sümpfe des Flusssystems der Lebensmittelpunkt indigener Australier. Um sie ranken sich zahlreiche Mythen und Schöpfungsgeschichten. Die Ngarrindjeri an der Mündung des Murrays betrachten sich gar als Teil des Flusssystems. «Alle lebenden Dinge sind miteinander verbunden», schreiben sie an eine staatliche Untersuchungskommission, «wir flehen alle Menschen an, Wasser und Land zu respektieren. Wir sehnen uns nach frischem, sauberem Wasser und einer gesunden Landschaft.» Die Kommission wurde eingesetzt, um den Niedergang des Murray-Darling-Systems zu untersuchen. Denn um diese Lebensader ist es nicht gut bestellt. Clyde Rigney senior, einer der Älteren der Ngarrindjeri, macht sich um die Zukunft der Kinder der kleinen Aboriginal-Gemeinde Raukkan Sorgen. An seinem Heimatort an der Mündung des Murrays komme kaum noch Wasser an.“ https://www.nzz.ch/international/australien-trockenheit-im-groessten-flusssystem-ld.1459434?mktcid=nled&mktcval=102&kid=_2019-3-11.

Am Nachmittag wandern wir etwas in den Wald der nahen Umgebung. Es gibt Wanderwege, aber wir haben nicht die richtigen Landkarten oder kennen die Markierungen nicht. Wäre schlecht, wenn wir uns verlaufen. Die Erde ist überall furztrocken. Weiße Kakadus krächzen von den Bäumen. Angeblich kündigen sie Regen an. Mehrere Kängurus schrecken wir auf. Sie bleiben dann stehen und beobachten uns misstrauisch. Wir beobachten sie auch. Es wundert mich nicht, dass die Engländer den ersten Berichten über diese Tiere keinen Glauben schenkten. So eine Kreatur konnte man sich einfach nicht vorstellen.

Abends nehme ich an einer Passionsandacht der Anglikaner unter freiem Himmel auf einem Friedhof teil. Auch auf dem gedeiht keine Blume und kein Gras. Alles grau. Alte Grabsteine, teilweise von 1860. Der Platz ist vom Wald umgeben. Rabenvögel krächzen über uns. Wir hocken uns in einen Kreis. Da es abends schon ziemlich kalt ist, suche ich einen Sitz, von dem ich in die untergehende Sonne schauen kann. Eine Frau, sie sei Schauspielerin im Hauptberuf, gibt eine Einführung. Dann folgt die Lesung der halben Passionsgeschichte, die wir später kommentieren sollen. Es gibt Fladenbrot und Rotwein. Ich gebe zu, dass es eine besondere Erfahrung ist, die Passion Jesu im Gegenüber zu den Toten zu meditieren. Inzwischen ist der Mond aufgegangen.

„Seht ihr den Mond dort stehen? –
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.“

Labour Day

Die Australier feiern ihren „1.Mai“ seltsamerweise an verschiedenen Daten. Hier in Victoria State ist es der 2. Montag im März. Heute am 11.3. sind also viele Geschäfte und Banken in Castlemaine geschlossen. Aber nicht der wichtigste Supermarkt. Wir müssen ein paar Sachen dort einkaufen. Irgendwelche Demonstrationen, Versammlungen oder gar rote Fahnen sehen wir nicht. (Im Unterschied zum Internationalen Frauentag am Freitag, wo es im Botanischen Garten Veranstaltungen gab.) Arbeiter in Melbourne erkämpften schon 1856 den „Acht-Stunden-Arbeitstag“. In Castlemaine gibt es außer einer „bacon factory“ nicht mehr viel Industrie. Wirtschaftliche Sorgen kennen die hiesigen Bewohner  wohl nicht. Die Arbeitslosigkeit im Land liegt allerdings konstant bei etwa 5%. Neue Zahlen kenne ich nicht.

Kürzlich im Deutschlandfunk: „Ein starker Banken- und Finanzsektor, ein funktionierendes Gesundheitswesen, Sozialfürsorge und ein ungebrochen stabiler Großhandel vor allem mit Rohstoffen: Australiens Rekord-Wirtschaftswunder ist kein Zufall und es kam nicht über Nacht. Es wurde von langer Hand und vor langer Zeit geplant.“

Wir haben unterwegs auch schon arme Menschen getroffen, die wohl  eine andere Geschichte erzählen könnte. Eine Freundin meint zu meinen „blogs“, ich solle nicht auf Propaganda hereinfallen. Also bleibe ich bei dem Selbsterlebten. Heute abend sind wir zum Lamm-Essen bei einem netten Ehepaar eingeladen, die es offensichtlich geschafft haben. Der Mann hat früher Versicherungen verkauft. Das Ergebnis ist ein wunderschönes Haus mit großem Garten, den er selbst bearbeitet. Auch sonst scheint er zum Entzücken meiner Frau sehr praktisch veranlagt zu sein. Vorm Haus beobachten wir Papageien. Angeblich sitzt nachts im großen Baum eine Eule. Ein Springbrunnen plätschert. Sie leisten sich eine jährliche Reise in die Schweiz. Sie bieten gelegentlich ihr ehemaliges Atelier, ein zweistöckiges Gartenhaus Touristen als „Bed and Breakfast“ an. Der Preis pro Nacht ist 150 Dollar. Das könnten wir uns nicht leisten. Um so mehr genießen wir den schönen Abend.

https://www.deutschlandfunk.de/australiens-rekord-wirtschaftswunder-wo-ist-der-wohlstand.724.de.html?dram:article_id=392333

 

 

 

 

Fastenpredigt

Es ist wieder etwas kühler am Morgen. Ein leichter Geruch von Qualm liegt in der Luft. Die Buschbrände gehen also weiter, aber wir sehen nichts davon.

Wir gehen mit unseren Gastgebern am ersten Fastensonntag in den Gottesdienst der „Uniting Church“ in Castlemaine. Es gibt eine Orgel, aber Jim spielt auf einem ePiano, was manchmal einen sehr süßlichen Klang möglich macht. Die junge Pastorin Sarah begrüßt uns auf eine sehr sympathische Art. (Ich soll nicht schreiben, dass sie hübsch ist. Bei Männern tut man das auch nicht.) Im Stehen – wie es fast überall üblich und vernünftig  ist – singen wir alle Strophen des Liedes „Brother, sister let me serve you“. Ich finde besonders die Zeile für uns Reisende passend „we are pilgrim on a journey“. Das Lied „Holy Spirit go before us“ weckt heimatliche Gefühle, da die Haydn-Melodie als deutsche Nationalhymne gesungen wird. Ich mag auch, dass wir alle Strophen des Liedes singen und nicht (wie bei den sparsamen Schwaben) nur drei.

Zur Liturgie gehört ein „Early Word“, zu dem sich die Pastorin in die Kinderecke setzt und auf einfache Weise erklärt, was wir eigentlich heute feiern: „First Sunday in Lent“. Der englische Ausdruck lässt eher an Frühling denken als „Passions- oder Fastenzeit“. Wobei in Australien eigentlich allmählich der Herbst kommen sollte.

In der Predigt spricht sie über „Jesu Versuchung in der Wüste“. Da wir gerade neulich eine durchquert haben, steht die Erzählung sehr plastisch vor unseren Augen. Allerdings haben wir nicht vierzig Tage dort zugebracht. Das sei doch eine sehr  harte Erfahrung. Einerseits betont sie also den Ernst der Fastenzeit, andererseits kritisiert sie alle Versuche der Selbstverleugnung. Sie sieht Chancen in einer gewissen Selbstprüfung, einer Ermutigung zu verstehen, wer wir eigentlich seien. In diesem Zusammenhang erwähnt sie den französischen Film „Chocolat“ von 2000 (mit Juliette Binoche und Johnny Depp u.a.). In einem Provinzstädtchen eröffnet eine junge Frau während der Fastenzeit einen Schokoladenladen, sehr zum Missfallen des bigotten Bürgermeisters, der die Geschicke der Stadt mit harter Hand leitet und sogar die Predigten des jungen Pfarrers vorher kontrolliert. Nach allerlei Verwicklungen lässt sich der Bürgermeister zur Lebensfreude bekehren. Diese sollten wir also nicht im Gegensatz zum Fasten sehen. Wie kommen wir aber zu unserer eigenen Berufung?

Die Predigt  ist erstaunlich frisch vorgetragen, mit persönlichen Einlassungen gespickt und obendrein lehrreich. So zitiert sie eine jüdische Neutestamentlerin, von der ich noch nie gehört habe, die aber offenbar orthodoxes Judentum mit Feminismus verbinden kann: Professor Amy-Jill Levine hat ein neues Buch über Jesus geschrieben. Vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/Amy-Jill_Levine.

Nach weiteren Gebeten ist Platz für persönliche Grüße: Gäste wie wir werden vorgestellt, kranke Gemeindeglieder erwähnt und die Veranstaltungen sowie der Dank der Woche erklärt. „Thank you to all our pancake munchers last Sunday.“ Manche melden sich vom Platz aus. Das ist die Chance in einer überschaubaren Gemeinde, wo Datenschutz wohl keine Rolle spielt. Mit dem Lied „O for a thousand tongues“ von Charles Wesley gehen wir zum “cuppa after the service“ über. Viele tragen ein Namensschild, auch wenn sie keine Funktion haben. Ich habe u.a. Gelegenheit, mit dem Organisten Jim zu sprechen, der früher im Notfalldienst tätig war. Er und ein Dutzend andere engagieren sich freiwillig jede  Woche für ihre Gemeinde. Offenbar tun sie das alle gern.

http://castlemaine.unitingchurch.orga.au/castlemaine-3/

Am Nachmittag kommt ein leichter Sturm auf und erstmals seit Wochen regnet es sogar.

 

 

 

Bendigo

Wir machen mit dem Zug einen Ausflug von Castlemaine nach Bendigo. Da ist zunächst ein Loblied auf die Bahnhöfe zu singen. Der Schalter ist besetzt, man bekommt jede Auskunft. Der Fahrplan ist übersichtlich, die Anzeigen leicht verständlich. In einem Kiosk werden u.a. sieben Kaffeesorten angeboten. Man kann sich an Tische setzen. Es ist sauber und angenehm kühl, natürlich auch in den Toiletten. Informationsbroschüren liegen aus. An einem Bücherbord kann man sich Romane ausleihen und irgendwo zurückgeben. (Wenn ich da an die leere Bruchbude der Bahn in meiner Heimatstadt denke?!) In den Zügen gibt es „Ruhewagen“, wo sich lautes Telefonieren und anderer Lärm verbietet. Trinkwasser kostenlos! Ein freundlicher Schaffner hilft Leuten im Rollstuhl beim Ein- und Aussteigen. Nach einer halben Stunde Fahrt durch einen lichten Wald kommen wir schon an. Ich frage mich unterwegs, wo eigentlich sich die Kängurus tagsüber verstecken, denn diese Eukalyptus-Bäume haben kein Unterholz.

Der Weg zur Innenstadt ist nicht weit, obwohl die Stadt mit fast 100000 Einwohnern die viertgrößte Victorias ist. Der Goldrausch ab 1850 war prägend, noch heute wird Gold gewonnen. Auffällig ist das britisch-victorianische Erbe. Benannt ist die Stadt, die einmal Sandhurst hießt, nunmehr nach einem Schafhirten und Preisboxer namens Abednego Thompson.

Viele Gebäude wurden von dem deutschen Architekten Wilhelm Vahland entworfen, der als Goldsucher kam und als lutherischer Prediger endete. Ihm verdankt die Stadt über hundert Gebäude und den schönen Alexandra-Brunnen mit seinen Nymphen und allegorischen Figuren. Er ermutigte viele europäische Künstler zu kommen, sodass die Stadt „Wien des Südens“ genannt wurde. Wir kommen vorbei am Shamrock-Hotel, in dem schon Prinzessin Diana und Prinz Charles genächtigt haben. Die Königin von Großbritannien ist noch Staatsoberhaupt Australiens, aber nicht jeder ist hier stolz auf die Königsfamilie. Gleichwohl wird im ehemaligen Postamt ein Gemälde von Queen Victoria gezeigt. Neben diesem Gebäude findet ein Markt statt mit ökologisch wertvollen Produkten. Wir kommen mit einer Frau ins Gespräch, die dort Unterschriften gegen den weiteren Kohleabbau sammelt. Australien ist ein bedeutender Exporteur von Kohle. Dabei hätten sie doch wahrhaft genug Sonne für Solarenergie. Aber damit lässt sich angeblich nicht so viel verdienen. Schüler verteilen Flugblätter für den „School Strike 4 Climate“ am nächsten Freitag.

www.SchoolStrike4Climate.com.

 

Im nahen Rosalind-Park bewundern wir die großen Bäume und genießen den Schatten. Ich kenne sie alle nicht und muss mal wieder das allwissende wikipedia zu Rate ziehen:

“Rosalind Park contains a number of notable trees and plants, some listed on heritage registers in their own right. Of note are the Bunya-Bunya PineHoop PineSouth African YellowwoodRiver Red GumsCanary Island Pines, Cedar, California Bay (also known as the headache tree and the only example in Victoria), a Crows Ash(one of three in Victoria[5]), Queensland Kauri along with a number elm and oak species. Of particular interest to some is the Chilean Wine Palm, now rare in Chile, which thrives despite the climate being less than ideal for this plant.”

Etwas hügelaufwärts liegt die hiesige Art Gallery. Doch zunächst suchen wir etwas Essbares in deren Cafeteria. Warum aber geben sie dort so große Teller, wenn die Portionen so klein sind? Wegen der großen Preise?

In dem Kunsthaus wird gerade eine neue Ausstellung vorbereitet, weshalb viel geschlossen ist. Aber bemerkenswert finde ich eine Serie von zehn Fotocollagen kombiniert mit Malerei einer Aborigine-Frau. Und über den einzigen Muslim unter  den Künstlern höre ich, dass seine Bilder eine Reaktion sind auf die Anti-Moschee-Demonstrationen, die es in der Stadt gab. Ansonsten ist es meiner Führerin wichtiger, auf die weiblichen Malerinnen hinzuweisen, die immer vernachlässigt werden.

www.bendigoartgallery.com.au.

Zum Schluss wollen wir noch zu der mächtigen katholischen Kathedrale (Sacred Heart Cathedral), die nach Melbourne die größte des Landes ist und entsprechend kitschig ausgestattet. Gebaut 1897-1977 frage ich mich, wie diese vergleichsweise kleine Gemeinde das  ohne Kirchensteuermittel geschafft hat. Verantwortlich als erster Priester war Dr. Heinrich Backhaus (1811-1882) aus Paderborn, der wohl sehr clever in dem war, was man heute fundraising nennt. Er gab auch sein eigenes Vermögen der Kirche. Vor allem aber überzeugte er die Goldsucher seiner Gemeinde, etliche Fundstücke abzugeben. Vielleicht hätte Martin Luther den Ablass nicht abschaffen sollen?

Es gäbe noch viel mehr zu sehen, aber für einen Tag recht es vollkommen.

https://www.bendigotourism.com/

 

Hanging Rock

Es ist plötzlich kühler geworden, weshalb wir ein paar wärmere Jacken suchen. Eben haben wir noch über die Hitze gestöhnt, jetzt ist es schon wieder zu kalt. Der Mensch ist doch nie zufrieden. Aber es ist die richtige Temperatur für einen Ausflug. Wir fahren in die Berge durch kleine Orte wie Malmsbury, Kyneton, vorbei an Carlsruhe (!) nach Woodend. Hier wohnen viele Leute, die in Melbourne arbeiten. Wir kommen durch ziemlich grüne, hügelige Wälder in die „Macedon Ranges“. Unser Ziel ist ein Felsen, den man „Hanging Rock“ (eigentlich: Mount Diogenes) nennt. Er ist ungefähr 718 m hoch und angeblich 6,25 Millionen Jahre alt. Er liegt auf dem Gebiet des Wurundjeri-Stammes, die hier 26000 Jahre lebten. Andere Namen sind Dja Dja Wurrrung, Woi Wurrung und Tungurung. Sie wurden vertrieben. Es ist kaum eine Wiedergutmachung, wenn man nun auf Plaketten liest, dass man ihr Land „respektiert“. Die Kriege waren hart, weshalb Aborigines von „killing fields“ sprechen. Die letzte Initiationszeremonie fand wohl 1851 statt. Der deutsche Naturforscher Wilhelm Blandowski kam mit einer Expedition 1855 her und hörte den indigenen Namen für den Felsen „Anneyelong“.

Im 19. Jahrhundert waren die Höhlen Unterschlupf für Goldsucher und Buschranger wie den verwegenen Mörder Dan Morgan, nach dem immerhin einige Stellen(„Morgan’s Blood Waterfall“) benannt wurden. 1866 schon legte die Regierung mit dem anliegenden Wasserreservat einen Picknick-Platz an, den wir jetzt nutzen. Nebenan gibt es seitdem auch eine Pferderennbahn. Der imposante Felsen inspirierte Joan Lindsay zu ihrem Roman „Picnic at Hanging Rock“. Einige Schulmädchen verschwinden auf mysteriöse Weise auf einem Ausflug. Im letzten Kapitel erklärte sie das Verschwinden, strich aber das Kapitel auf Empfehlung ihres Verlegers wieder. So ist es noch geheimnisvoller. Nach ihrem Tod wurde das Kapitel veröffentlicht, aber es ist nur kurios. Das hinderte eine andere Autorin nicht,  eine Art Fortsetzung zu schreiben. Weiterhin ranken sich alle möglichen Verschwörungstheorien um diesen Felsen.

Wir picknicken wunderschön am Fuße des Felsens, beobachtet  von zwei Papageien im Baum, die bald nach den Krumen greifen, die vom Tisch fallen. Schöne große Eukalyptusbäume umgeben uns. Auf ihnen sollen Koalas leben, die wir aber nicht entdecken. Man weiß, dass diese Tiere sehr leiden, weil sie von den Blättern leben, die wegen der Dürre zu wenig Wasser führen. Der Weg zum Gipfel ist nicht besonders schwer, aber auf dem Rückweg habe ich mich tatsächlich zwischen den Felsen verlaufen. Mit etwas Phantasie ergeben sie einen wunderbaren Hexentanzplatz. Leider  sind keine da. (Heute ist Internationaler Frauentag!) Ein „discovery center“ informiert über Geologie, Geschichte und Legenden des Felsens.   https://de.wikipedia.org/wiki/Hanging_Rock.

Am Abend schauen wir den Film, den Peter Weir 1975 über diese Geschichte gedreht hat. Er spielt am Valentinstag 1900 in einem Mädcheninternat. Die Schulleiterin führt ein strenges, victorianisches  Regiment. Als aber vier Mädchen und eine Lehrerin vom Ausflug an den „Hanging Rock“ nicht zurückkommen, gerät alles aus den Fugen. Am Ende stürzt sie sich selber vom Felsen.

Der Film wurde ein Welterfolg. Dass er aber kein „happy end“ hat, hat nicht nur die Amerikaner irritiert. Auf diese Weise wirkt aber das Mysteriöse weiter. Vincent Canby schrieb in der „New York Times“: „Horror need not always be a long-fanged gentleman in evening clothes or a dismembered corpse or a doctor who keeps a brain in his gold fish bowl. It may be a warm sunny day, the innocence of girlhood and hints of unexplored sexuality that combine to produce a euphoria so intense it becomes transporting, a state beyond life or death. Such horror is unspeakable not because it is gruesome but because it remains outside the realm of things that can be easily defined or explained in conventional ways.“

In Deutschland lief der Film unter dem Titel „Picknick am Valentinstag“.

https://de.wikipedia.org/wiki/Picknick_am_Valentinstag

Café und Bar

Kommen wir in eine fremde Stadt, gehen wir erst ins Touristenbüro. Die sind hervorragend ausgestattet. Als Sohn eines Landvermessers muss ich immer gute Karten haben. Googlemap wäre einfacher, aber energiefressend. Meistens gibt es auch reichlich Prospekte für Tourenvorschläge. Oft haben die freundlichen Damen noch besondere Tipps parat.

In Castlemaine gibt es jede Menge Cafés. Sie sind durchaus nicht nur von Rentnern besucht. Zwar muss ich noch immer  die innere Stimme meiner Mutter überwinden, die Kaffeehausbesucher grundsätzlich für Tagediebe hielt und selten eins betrat. Aber als Ehemann einer Schweizerin habe ich dazugelernt.

Überrascht bin ich aber doch, in einer ehemaligen Teppichfabrik ein Stück Wien zu treffen. „Das Kaffeehaus“ bietet besten Wiener Kaffee und ist auch sonst sehr österreichisch ausgestattet. An der Wand hängen diverse Bilder aus Wien, darunter ein Egon Schiele. Ich fasse es nicht! Nur die Bedienung versteht kaum Deutsch. Also bestelle ich eine Melange und eine Mozartkugel.

www.coffeebasics.com.

Die (gefühlt!) eine Hälfte der Bevölkerung sitzt morgens  im Café, die andere geht abends in eine Bar. Bill (von der Vigil) hat mir die vom Criterion-Hotel empfohlen, wo es heute Musik gibt. (Die gibt es auch in der Kirche, wohin unsere Frauen gehen: dem Bericht nach ein Konzert erstklassiger keltischer Musik.) Die eigentliche Bar, ungeheuer lang, erinnert mich an Western-Filme. Die Gestalten mit wilden Bärten, die hier herumhängen, auch. Ihren Hut nehmen sie nie ab. Einige spielen recht gekonnt Billard. Die Dekoration ist etwas eigen: Da hängen ausgestopfte Hirschköpfe mit Geweih an der Wand. (Diese Tiere gibt es hier eigentlich nicht!) Dann beginnt einer mit Country-Musik. Offenbar ist vorgesehen, dass diese Amateure drei Stücke spielen und dann der nächste ihn ablöst. Es ist fast wie ein Wettbewerb. Die Qualität ist unterschiedlich. Ein Pärchen und eine einzige Frau sind auch dabei. Auch im Publikum sind die Männer in der Überzahl. Die Stimmung ist jedenfalls famos. Jedem ist viel Beifall sicher. Es gibt neun Sorten Bier vom Fass, aber ich belasse es bei einer. Schließlich ist Fastenzeit.

Aschermittwoch

Morgens werden wir ab sechs Uhr durch Vogelgezwitscher geweckt. Castlemaine ist trotz geringer Einwohnerzahl so weitläufig, dass man sich wie auf dem Land fühlt. Nicht erwartet habe ich, dass manchmal morgens und abends Kängurus direkt vor das Haus kommen. Sie finden in der Dürre nicht mehr so viel Gras und springen einfach über Zäune. Außerdem sei es ihr angestammtes Revier, das sie nicht einfach räumen. Es sind schon putzige Tiere, wenn sie davonspringen.

Am heutigen Aschermittwoch  gehen wir zu einer Andacht in die Kirche. Es gibt wohl ein Dutzend, denn die Einwanderer brachten sozusagen ihre Kirche mit. Manche sind winzig, andere haben eine respektable Größe. Unsere Freunde gehören zur „Uniting Church“, in der sich 1977 Methodisten , Presbyterianer und Kongregationisten vereinigt haben. Immerhin! Da aber einige nicht mitgemacht haben, sind es noch mehr Kirchen geworden.

Vor dem Kirchengebäude arbeiten einige Männer, die sich jeden Mittwoch freiwillig um die Außenanlagen kümmern. Sie gehen aber nicht zur Andacht, wo sich zehn Leute versammeln, die von der jungen Pastorin Sara alle mit Namen begrüßt werden. Sie führt durch die Liturgie. Neben sehr traditionellen Buß-Gebeten gibt es auch das Bekenntnis: „We will go out to bring healing to the broken, to offer grace to those trampled by the powerful.“ Am Ende geben wir uns gegenseitig mit Asche ein Kreuz auf die Stirn.

Am Nachmittag praktizieren wir das Bekenntnis. In der Innenstadt veranstaltet jeden Mittwoch eine Gruppe der „Rural Australians for Refugees“ eine Mahnwache zugunsten der Flüchtlinge, die bekanntlich von der australischen Regierung äußerst übel behandelt werden. Wir setzen uns dazu. Ich halte ein Schild „Seeking asylum is a basic human right under the UN Refugee Convention”. Es geht sehr entspannt zu, wir unterhalten uns. Mich wundert, wie freundlich die Reaktionen der Passanten sind. Viele grüßen, nicken, manche spenden Geld. Neben mir sitzt Bill, ein Highschool-Teacher. Er ist wie die meisten sind pensioniert.

https://www.ruralaustraliansforrefugees.org.au/rar-groups/victoria/castlemaine-2/

Abends schauen wir uns gemeinsam einen DVD-Film an über einen Kirchenchor von Aborigines-Frauen “The Song Keepers“. Eine indienstämmige Filmemacherin aus Darwin war so begeistert von einem Chor-Projekt im Outback, dass sie diesen Dokumentarfilm gedreht hat. Ein Pastor aus Guyana, der nach Australien kam, sammelte diese Chöre im Umfeld der ehemaligen Hermannsburger Mission, die immer noch die alten lutherischen Lieder singen, die man größtenteils in Deutschland längst vergessen hat. Die Begeisterung und Inbrunst  dieser singenden Frauen erinnert mich sehr an unsere Arbeit in Tansania, wo ebenfalls die Chöre von großer Bedeutung sind. Wie dort führen sie auch im Outback Gesangswettbewerbe durch. Der Film zeigt nun das besondere Projekt einer Deutschlandreise, wo diese Aborigines-Christinnen das Evangelium wieder zurückbringen. Offenbar  sind sie auch in Stuttgart mit großem Erfolg aufgetreten. Besonders berührend sind die Selbstzeugnisse einiger Frauen, die aus ihrem Leben erzählen und erklären, wie sie christlichen Glauben und traditionelle Kultur zusammenbringen. Oftmals habe sie viel Schlimmes erlebt, aber das gemeinsame Singen und die fröhliche Gemeinschaft sind wie eine Therapie.

https://www.sbs.com.au/movies/article/2018/04/25/remarkable-true-story-behind-song-keepers

Castlemaine

119 km nordwestlich von Melbourne liegt das Städtchen Castlemaine (6700 Einwohner). Hier wohnen unsere Freunde Bev und Wes, die wir vor vierzig Jahren im Rahmen meiner Arbeit als Studentenpfarrer in Tübingen kennengelernt haben. Sie haben uns öfter besucht und der Kontakt ist nie abgerissen. Bev war Lehrerin, Wes war als Theologe in seiner Kirche in verschiedenen Funktionen tätig, vor allem in Melbourne.

Am ersten Morgen gehen wir erst einmal zusammen in ein „Italienisches Café“, wo wir viel zu erzählen haben. Hier scheint jeder jeden zu kennen, denn ständig werden wir Leuten vorgestellt, die sich anscheinend alle freuen, dass wir Deutsche sind. Einer der Mitbesitzer heißt „Bürgermeister“ und war auch schon in Berlin.

Dann erkunden wir diese erstaunliche Stadt, die ihre größte Bedeutung in der Goldgräberzeit hatte. Gegründet  wurde sie 1851 als Forest Creek und Mount Alexander, aber erst 1965 offiziell zur Stadt erklärt, obwohl seitdem die Bevölkerung abnimmt. Traditionell gehörte das Land den Dja-Dja-Wurrung- Leuten, die nicht sehr kriegerisch waren. Dennoch gab es blutige Zusammenstöße mit den weißen Siedlern. 1851 wurde Gold von einem Schafhirten entdeckt. Nach kurzer Zeit waren 8000 Goldgräber eingetroffen, am ende des Jahres gar 25000. Die erste Meldung in der Zeitung „Geelong Advertiser“ am 13.3.1852 erscheint kurios: “The Lieutenant Governor has appointed John Fletcher, Esq., J.P., to be Police Magistrate at Castlemaine; but where Castlemaine is situated we cannot tell.“

Dann wurde in schneller Folge ein eindrucksvolles Postamt aufgebaut und ein Krankenhaus. 1853 baute man ein Gefängnis, das gerade umfunktioniert wird zu einem Haus der Kunst. 1967 fand hier die letzte Hinrichtung statt. Man hat von dem Hügel einen schönen Blick auf die ganze Stadt mit ihren weit verstreut liegenden Eigenheimen.

1856 eröffnete man das “Theatre Royal“, das heute als Kino benutzt wird. Hier trat schon die berühmte Lola Montez auf.

Wikipedia: „Elizabeth Rosanna Gilbert, bekannt als Lola Montez (1821-1861) war eine irische Tänzerin und eine Geliebte König Ludwigs I. von Bayern, der sie 1847 zur Gräfin Marie von Landsfeld erhob. Ab 1855 hielt sie sich im Rahmen einer Tournee in Australien, auf und unterhielt dort unter anderem Goldgräber mit ihren Darbietungen. Dabei eröffnete sie mit einer Vorstellung 1856 das Theatre Royal in der Goldgräberstadt Castlemaine. 1857 kehrte sie nach New York zurück. Montez machte sich in Amerika und Großbritannien zuletzt einen Namen mit Lesungen, die ihr ein finanzielles Auskommen ermöglichten. Sie schrieb Schönheitsratgeber, engagierte sich für „Gefallene Mädchen“ und wurde unter Einfluss des protestantischen Journalisten Charles Chauncey Burr (1817–1883) zur bekennenden Christin. 1860 zog sich die 39-Jährige eine Lungenentzündung zu und starb am 17. Januar in New York.“

Das Gebäude verströmt noch den Charme des vorletzten Jahrhunderts, hat zwei Etagen und eine Cafeteria. Ich staune nicht nur über die Größe des Theaters, sondern auch über das anspruchsvolle, aktuelle Programm, das den Vergleich mit Tübingens Arsenal“ nicht zu scheuen braucht. Am Nachmittag schauen wir uns dort den Film „Stormboy“ an.

Es ist bereits die zweite Verfilmung eines australischen Romans von Colin Thiele, den hier viele Kinder von der früheren Fassung her kennen.

Ein erfolgreicher Geschäftsmann wird von seinen Kindheitserinnerungen eingeholt, als Demonstranten ihn mit seiner ökologische Verantwortung konfrontieren. Seine Firma, die er mit seinem Sohn  betreibt, will expandieren. Als Kind hatte er einen Pelikan aufgezogen, dessen Mutter-Pelikan abgeschossen worden war. Dieser Pelikan mit Namen „Mr. Percifal“ bleibt bei ihm , der selber seine Mutter durch einen Verkehrsunfall verloren hatte. Später kann er seinen Vater, einem Fischer,  in einem Sturm mit Hilfe des Pelikans das Leben retten. Das führt allerdings dazu, dass er zur Schule und seinen Pelikan-Freund verlassen muss. Als er dies später als Großvater seiner Enkelin erzählt, beschließen beide eine dramatische Wende in der Firmenpolitik.

Ein wunderschöner Film: langsam in der Dramaturgie, herrlich in den Landschaftsaufnahmen, ein wenig märchenhaft und von großer Humanität. Schade, dass solche australischen Filme wohl selten in Deutschland gezeigt werden.

Ein Trailer ist zu sehen unter https://www.youtube.com/watch?v=jaUpQ2EkbL4

Feiner Zug

„The Overland“ fährt von Adelaide  nach Melbourne nur einmal die Woche. Er bewältigt die  774 km in gut 12 Stunden. Es ist ein feiner Zug, den man im Internet buchen kann. Offenkundig ist er nicht so gefragt wie die andern Luxuszüge, denn es bleiben Plätze frei.

Wir müssen eine Stunde vor Abfahrt um 6.45 Uhr in der Parklands Station sein, denn man wird abgefertigt wie auf einem Flughafen. Unsere Koffer verschwinden im Packwaggon. Die Wagen sind von altmodischer Eleganz, aber die Sessel innen bieten viel Platz, da nur drei jeweils eine Reihe bilden. Man kann sie drehen, wenn man sich mit seinem Hintermann unterhalten will. Den ganzen Tag sorgen mehrere Zugbegleiter(innen) für das leibliche Wohl. WiFi gibt es allerdings nicht.

Ich lese in der Zeitung, dass chinesische Touristen Gegenden meiden, in denen kein Internet zu haben ist. Um diese Zielgruppe bemüht man sich gerade verstärkt. Die Chancen sind gut, da es ja genügend chinesische Australier gibt, die die Sprache beherrschen. In unserm Wagen sind jedenfalls nur Weiße, darunter ein Schriftsteller aus England.

Wir verlassen die Stadt nach Süden, fahren durch einsame Wälder (Belair Nationalpark)  und Farmland mit Pferden und Kühen. Trotz der Trockenheit sind die Gärten, darunter Weinberge, grün.  Kleine Kängurus suchen das Weite oder betrachten den Zug aus der Ferne. Im Postkutschentempo geht es weiter, sodass wir ausführlich beim Frühstück (Vanilla yoghurt parfait, layered with mango and passionfruit compote and crunchy granola.) die Landschaft betrachten können.

Der erste Halt nach zwei Stunden bzw. 80 km ist Murray Bridge (17000 Einwohner). Keine Ahnung, warum wir dort halten, denn niemand kann aus- oder einsteigen. Über den zweitlängsten Fluss  Australiens, den Murray, auf dem Hausboote liegen, führen eine Straßen- und eine Eisenbahnbrücke.

www.murraybridge.sa.gov.au.

Nach vier Stunden kommen wir nach „Bordertown“. Wir erreichen den Staat Victoria zum „lunch“ („Curry oft the Day“ bzw. Baked moussaka“. Dessert). Es ist eine andere Zeitzone, weshalb wir die Uhr eine halbe Stunde vor stellen müssen. Eine weitere Stadt im Nirgendwo heißt Nhill. Die endlosen Ebenen werden mitunter durch Schafherden bevölkert. Man fragt sich, was die Viecher auf diesen kahlen Flächen noch zu fressen finden. Wenigstens sind sie noch nicht verhungert wie in anderen Landesteilen. Dann schleichen wir uns rein in Dimboola, wo uns ein Güterzug begegnet. Die beiden Lokführer werden ausgewechselt. Wir sind mit dem Nachtisch beschäftigt. Nach Horsham wird es wieder etwas hügelig. In Stawell steigen die ersten aus. Ararat soll die einzige Stadt Australiens sein, die von Chinesen  gegründet wurde. Sie durften auf dem Weg zu den Goldfeldern nicht in Melbourne an Land gehen, sondern mussten über Adelaide den mühsamen Landweg nehmen. Eine Zugbegleiterin erläutert immer die  Stationen, spricht aber für mich zu schnell. Wieder steigen einige aus. Die endlosen beigen Ebenen mit einigen Eukalyptusbäumen ermüden uns allmählich, auch wenn es noch einmal Kaffee mit furchtbar süßem Kuchen gibt.

In Geelong erreichen wir das Meer und fahren gaaanz langsam am Hafenbecken vorbei. Wir haben Verspätung, die noch zunimmt, weil wir anderen Zügen in die Quere kommen. Dafür wird die Aussicht interessanter.  Noch eine Stunde bis Melbourne Southern Cross Station. Dort  wird sehr umständlich das Gepäck ausgegeben.

Eigentlich schade, dass diese Bahn nur noch touristisch genutzt wird und die Konkurrenz mit dem Flugzeug aufgegeben hat.

http://www.greatsouthernrail.com.au.

Im Bahnhof werden wir von unseren Freunden begrüßt, die uns mit in den Zug nach Castlemaine nehmen. Der wird allerdings zunächst geputzt. (Wie oft werden eigentlich Vorortzüge in Deutschland gesäubert?) Wir wollen ihr Leben in der Provinz kennenlernen und lassen Melbourne erst einmal hinter uns. Nach einer weiteren guten Stunde sind wir am Ziel.