Abschied von Neuseeland

Als wir uns kurzfristig entschlossen, Freunde in Neuseeland zu besuchen, konnten wir nicht ahnen, dass wir gerade eine für das Land besonders schmerzliche Zeit ausgesucht hatten. Der 15. März wird als „Black Friday“ in Erinnerung bleiben.

Am heutigen Freitag nun war  die nationale Trauerfeier. Einmal mehr überzeugte die Premierministerin Jacinda Ardern, indem sie ihre englische Ansprache mit Worten der Maori-Sprache anreicherte und auch muslimische Grußformeln verwendete.

https://www.stuff.co.nz/national/christchurch-shooting/111645738/jacinda-ardern-we-will-remember-the-tears-of-our-nation

Immer noch weigert sie sich, dem Attentäter Publizität zu verleihen oder auch nur seinen Namen zu nennen. Allerdings finde ich es zu einfach, ihn einfach als Verbrecher oder als Monster (wie ich es anderswo hörte) zu sehen. Die schlimmsten Verbrechen werden aus ideologischen Motiven mit gutem Gewissen  begangen, weshalb es wichtig ist, seine Netzwerke aufzuklären.

Ironischerweise muss man wohl sagen, dass der Attentäter Gedanken formulierte, die lange zur Staatsraison Neuseelands (und Australiens) gehörten. Bis in die jüngste Vergangenheit sollte – wie viele Migrationsmuseen zeigen – der Kontinent der weißen Rasse gehören. Europäer waren als Einwanderer willkommen, Asiaten und Muslime nicht. Neuseeland unterscheidet sich allerdings von Australien durch eine sozialere und liberalere Politik. Man sieht darum in den Straßen Neuseelands Menschen aus allen Herkunftsländern, was eben den weißen Rassisten nicht passt.

Ich gebe zu, dass ich bisher über die Maori wenig wusste, die anders als die Aborigines nicht schon  seit Jahrtausenden im Land wohnen, sondern selber eingewandert sind. Über ihre Geschichte und Kultur erfahre ich am meisten im hervorragenden  Nationalmuseum.

https://www.tepapa.govt.nz/visit/exhibitions/ko-rongowhakaata-story-light-and-shadow

Offenbar möchte Neuseeland Sprache und Kultur der Maori wieder beleben. Viele Menschen lernen ihre Sprache, immer mehr öffentliche Bezeichnungen sind zweisprachig. Es gibt entsprechende Radio- und Fernsehsendungen. Wenigstens können wir die Schrift lesen und gut aussprechen.

Wellingtons früheste Bezeichnung ist „Te Upoko o Te Ika a Maui“ („Der Kopf von Mauis Fisch“). Für die Maori ist der Kopf eines Fisches mehr wert als der Rest. Nach heutigen Erkenntnissen sind um das Jahr 1280 n. Chr. Verschiedene polynesische Gruppen mit ihren Booten gelandet und haben in der Gegend des heutigen Wellington gesiedelt. Die verschiedenen Stämme bekriegten sich durchaus.

As die ersten Europäer kamen (Abel Tasman 1642, James Cook 1770) gab es viele Maori-Siedlungen. Erst siebzig Jahre später gelang die erste britische koloniale Besiedlung durch Landkauf. Die Uneinigkeit der Maori konnten die Europäer ausnutzen. Sie bekamen Land von den Te Ati Awa im Tausch gegen hundert Musketen, hundert Decken und sechzig roten Nachtmützen, Regenschirmen und  anderen Kleinigkeiten. Schon 1846 zählte Wellington 4000 Europäer. Anderswo wehrten sich die Maori in mehreren Kriegen, die sie letztlich verloren.

Heute ist Wellington eine multikulturelle Hauptstadt. Nur 8% zählen sich zur Gruppe der Maori. Nur 20 % von diesen beherrschen ihre traditionelle Sprache,  andere wollen sie aber wieder lernen. Die meisten haben sich den christlichen Kirchen angeschlossen, wobei sie Elemente ihrer Überlieferung beibehalten. Die ersten Siedler waren ja Angehörige der Anglikanischen Kirche, was viele kleinere und größere Kirchengebäude zeigen. Und nicht zuletzt die Namen von Städten wie „Christchurch“. Durch die Einwanderung aus katholischen Ländern ist nun die römische Kirche die statistisch größte. Beide Kirchen betreiben Privatschulen, die gut angenommen werden. Aber auch die vielen Kirchenchöre haben mich beeindruckt, vor allem, wenn Musliminnen mit Kopftuch mitsingen. So ist zu hoffen, dass die interreligiöse Zusammenarbeit nach diesem Terrorakt noch enger wird.

Die Freundlichkeit der Menschen ist nicht nur in der Kirche überwältigend, wo man sich herzlich begrüßt. Wo noch sagen die Leute beim Aussteigen aus dem Bus dem Fahrer „Danke“? Schade, dass wir nicht länger bleiben können.

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