Mein Rassismus?

Der terroristische Anschlag in Christchurch, aber auch die Internationale Woche gegen Rassismus sind besonderer Anlass, einmal mehr über Rassismus nachzudenken. Auf dem Flug nach Neuseeland habe ich Zeit dazu.

Immer wieder beschäftigt mich die Lage der Aborigines. Wir haben dazu viele Filme gesehen, über die ich gesondert berichten möchte. In Darwin fielen sie uns ziemlich negativ auf, im Outback waren unsere Beobachtungen gemischt. In Adelaide oder Melbourne sahen wir kaum welche.

Die überdimensionierte Polizeistation in Alice Springs fällt mir auf. Ca. 30 Polizeiautos parken dort mit der schönen Aufschrift „crime stoppers.“ Sie gleichen Pickups, die hinten einen eisernen Käfig haben. Da kann man wilde Hunde oder auch Aborigines einsperren. Es wäre unfair, hier von einer Art Apartheid zu sprechen, aber die australische Gesellschaft hat eindeutig ein Rassen-Problem. Ob da die TV-Werbesendungen viel ausrichten, die ständig die multikulturelle „We are one nation „- Botschaft verkünden? Wir Europäer, speziell wir Deutschen, sind sicherlich die letzten, die hier den Zeigefinger erheben dürfen. Haben wir doch in Europa ein ungelöstes Problem mit den Menschen, die man früher Zigeuner nannte. Gewisse Parallelen sind nicht zu bestreiten.

Ich sehe, dass der australische Staat jetzt finanziell viel für die Aborigines tut. Man möchte die Vergangenheit hinter sich lassen, wo sie wie wilde Tiere angesehen und oft wie Sklaven gehalten wurden. Die christliche Mission trägt eine gewisse Mitschuld, hat sie sich doch mit ihren Internaten und Schulen einspannen lassen für den Versuch, dass diese Menschen total mit ihrer Kultur brechen. Oftmals wurden noch bis in die siebziger Jahre den Eltern die Kinder weggenommen und bei weißen Familien aufgezogen. Man nennt sie die „gestohlene Generation“.

Insgesamt zählen sich nur 2,8% der Australier zur indigenen Bevölkerung. Das mögen 650 000 Personen sein. In Alice Springs sind sie aber stark vertreten. Ein Hostel ist beispielsweise nur für sie bestimmt. Ich sehe keinen von ihnen arbeiten. Die Putz- und Servicearbeiten im Hotel übernehmen vorwiegend Asiaten. Ein Reporter erzählt uns von einer Bekannten, die einen Aborigin-Mann angestellt hatte, der bei ihr Arbeit suchte. Als er nach kurzer Zeit nicht mehr  erschien und  sie nachfragte, erklärte er, dass seine Gemeinschaft die Arbeit bei Weißen verboten habe. An deren Weisung hält er sich. Andererseits hat dieser Reporter selber einmal bei einem aborigin Anwalt gearbeitet, der mittlerweile eine erfolgreiche Karriere als Politiker nachweisen kann.

Doch wie steht es mit meinem eigenen Rassismus? Warum finde ich viele Gesichter unheimlich? Im Bus sitze ich ungern in ihrer Nähe, schon gar  nicht eine ganze Nacht. Ich kann wohl die Augen schließen, aber kaum die Ohren (wenn sie schreien) und erst recht nicht der Nase verbieten zu riechen. Sind es Kindheitserinnerungen, die mich unbewusst beeinflussen? Als Kind habe ich gern Märchen gelesen von wilden Menschenfressern, die ein ähnlich wilde Mähne zeigten. Bestimmt uns noch immer die Angst vor dem schwarzen Mann? Oder ist womöglich gerade „die europäische Aufklärung“ verantwortlich?

„Mit rassistischen Denkmustern sind Gräueltaten gerechtfertigt worden wie der Kolonialismus und die Völkermorde der Nationalsozialisten. Doch die Ideen sind nicht mittelalterlich, sondern ein Ausfluss der mit der Aufklärung entstandenen Wissenschaft.

Die Frage nach den Anfängen des Rassismus ist in der Forschung umstritten. Unterdrückungsmechanismen, die wir heute als rassistisch bezeichnen würden, gab es schon in Eroberungsgesellschaften des Altertums und bei der transatlantischen Sklaverei ab dem 16. Jahrhundert, ohne dass damals bereits von „Rassen“ die Rede gewesen wäre. Die Geburt der Rassenkonzepte lag erst im 18. Jahrhundert, als die entstehenden Naturwissenschaften das Wissen über die Welt zu systematisieren versuchten und begannen, nicht nur Pflanzen, Tiere und Mineralien, sondern auch menschliche „Rassen“ zu klassifizieren. Dabei schlug die beschreibende Klassifizierung rasch in hierarchisierende Wertung – höher oder niedriger stehend – um.

Die Rassenkonzepte der Aufklärungszeit gewannen im 19. Jahrhundert enorm an Wirkung. Körperliche, intellektuelle und moralische Eigenschaften von menschlichen Individuen und Kollektiven erschienen nun als naturgegeben. Vertreter dieses biologistischen Denkens führten die Dominanz der Europäer über die Nichteuropäer wie auch die ungleiche Geschlechterordnung auf physische Unterschiede zurück, etwa die Größe des Gehirns. Ähnlich wurde die gesellschaftliche Schichtung erklärt und gerechtfertigt. Auch galten eine große Zahl physischer und psychischer Krankheiten sowie die Neigung zu Kriminalität, Alkoholismus oder Prostitution als erblich.“                                                          Prof. Christian Koller in: „weltsichten 2.2019“

Wenn also der Rassismus so tief in unserer Kultur steckt, sind tiefere Anstrengungen nötig. Die Kirchen könnten von ihrem Ursprung her interkulturelle Übungsfelder sein, aber leider sind sie oft nur Heimatvereine. Rassisten kommt man sicherlich nicht bei mit Beschimpfungen – direkt oder per Facebook. Man kann aber auch nicht jedem eine Psychotherapie verschreiben, die sicher nötig wäre, um die tief sitzenden Ängste vor Überfremdung zu überwinden. Bleibt also nur die geduldige Aufklärung, die auch über sich selbst und ihre Ambivalenzen aufgeklärt ist.

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