Trockenheit

Am Vormittag treffen wir uns mit einem britischen Ehepaar, das regelmäßig Australien besucht. Der Urgroßvater (?) kam als Gefangener nach Australien und machte dann sein Glück als Goldwäscher. Frau und Kinder blieben zurück. Sein Verbrechen? Er hatte ein Schaft gestohlen. Verrückt: Die britische Regierung klaut einen ganzen Kontinent, aber ein armer Kerl wird wegen Diebstahl in die Verbannung geschickt, eine Familie zerrissen. Das Paar kommt gerade von einer Bootstour auf dem Murray-Fluss  zurück. Diese Tour haben wir uns auch überlegt, aber dann wegen der Wasserknappheit gelassen. Diese scheint dramatisch zuzunehmen, wenn die Presse recht hat:

„Seit Jahrtausenden sind die Flüsse, Seen und Sümpfe des Flusssystems der Lebensmittelpunkt indigener Australier. Um sie ranken sich zahlreiche Mythen und Schöpfungsgeschichten. Die Ngarrindjeri an der Mündung des Murrays betrachten sich gar als Teil des Flusssystems. «Alle lebenden Dinge sind miteinander verbunden», schreiben sie an eine staatliche Untersuchungskommission, «wir flehen alle Menschen an, Wasser und Land zu respektieren. Wir sehnen uns nach frischem, sauberem Wasser und einer gesunden Landschaft.» Die Kommission wurde eingesetzt, um den Niedergang des Murray-Darling-Systems zu untersuchen. Denn um diese Lebensader ist es nicht gut bestellt. Clyde Rigney senior, einer der Älteren der Ngarrindjeri, macht sich um die Zukunft der Kinder der kleinen Aboriginal-Gemeinde Raukkan Sorgen. An seinem Heimatort an der Mündung des Murrays komme kaum noch Wasser an.“ https://www.nzz.ch/international/australien-trockenheit-im-groessten-flusssystem-ld.1459434?mktcid=nled&mktcval=102&kid=_2019-3-11.

Am Nachmittag wandern wir etwas in den Wald der nahen Umgebung. Es gibt Wanderwege, aber wir haben nicht die richtigen Landkarten oder kennen die Markierungen nicht. Wäre schlecht, wenn wir uns verlaufen. Die Erde ist überall furztrocken. Weiße Kakadus krächzen von den Bäumen. Angeblich kündigen sie Regen an. Mehrere Kängurus schrecken wir auf. Sie bleiben dann stehen und beobachten uns misstrauisch. Wir beobachten sie auch. Es wundert mich nicht, dass die Engländer den ersten Berichten über diese Tiere keinen Glauben schenkten. So eine Kreatur konnte man sich einfach nicht vorstellen.

Abends nehme ich an einer Passionsandacht der Anglikaner unter freiem Himmel auf einem Friedhof teil. Auch auf dem gedeiht keine Blume und kein Gras. Alles grau. Alte Grabsteine, teilweise von 1860. Der Platz ist vom Wald umgeben. Rabenvögel krächzen über uns. Wir hocken uns in einen Kreis. Da es abends schon ziemlich kalt ist, suche ich einen Sitz, von dem ich in die untergehende Sonne schauen kann. Eine Frau, sie sei Schauspielerin im Hauptberuf, gibt eine Einführung. Dann folgt die Lesung der halben Passionsgeschichte, die wir später kommentieren sollen. Es gibt Fladenbrot und Rotwein. Ich gebe zu, dass es eine besondere Erfahrung ist, die Passion Jesu im Gegenüber zu den Toten zu meditieren. Inzwischen ist der Mond aufgegangen.

„Seht ihr den Mond dort stehen? –
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.“

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