Fastenpredigt

Es ist wieder etwas kühler am Morgen. Ein leichter Geruch von Qualm liegt in der Luft. Die Buschbrände gehen also weiter, aber wir sehen nichts davon.

Wir gehen mit unseren Gastgebern am ersten Fastensonntag in den Gottesdienst der „Uniting Church“ in Castlemaine. Es gibt eine Orgel, aber Jim spielt auf einem ePiano, was manchmal einen sehr süßlichen Klang möglich macht. Die junge Pastorin Sarah begrüßt uns auf eine sehr sympathische Art. (Ich soll nicht schreiben, dass sie hübsch ist. Bei Männern tut man das auch nicht.) Im Stehen – wie es fast überall üblich und vernünftig  ist – singen wir alle Strophen des Liedes „Brother, sister let me serve you“. Ich finde besonders die Zeile für uns Reisende passend „we are pilgrim on a journey“. Das Lied „Holy Spirit go before us“ weckt heimatliche Gefühle, da die Haydn-Melodie als deutsche Nationalhymne gesungen wird. Ich mag auch, dass wir alle Strophen des Liedes singen und nicht (wie bei den sparsamen Schwaben) nur drei.

Zur Liturgie gehört ein „Early Word“, zu dem sich die Pastorin in die Kinderecke setzt und auf einfache Weise erklärt, was wir eigentlich heute feiern: „First Sunday in Lent“. Der englische Ausdruck lässt eher an Frühling denken als „Passions- oder Fastenzeit“. Wobei in Australien eigentlich allmählich der Herbst kommen sollte.

In der Predigt spricht sie über „Jesu Versuchung in der Wüste“. Da wir gerade neulich eine durchquert haben, steht die Erzählung sehr plastisch vor unseren Augen. Allerdings haben wir nicht vierzig Tage dort zugebracht. Das sei doch eine sehr  harte Erfahrung. Einerseits betont sie also den Ernst der Fastenzeit, andererseits kritisiert sie alle Versuche der Selbstverleugnung. Sie sieht Chancen in einer gewissen Selbstprüfung, einer Ermutigung zu verstehen, wer wir eigentlich seien. In diesem Zusammenhang erwähnt sie den französischen Film „Chocolat“ von 2000 (mit Juliette Binoche und Johnny Depp u.a.). In einem Provinzstädtchen eröffnet eine junge Frau während der Fastenzeit einen Schokoladenladen, sehr zum Missfallen des bigotten Bürgermeisters, der die Geschicke der Stadt mit harter Hand leitet und sogar die Predigten des jungen Pfarrers vorher kontrolliert. Nach allerlei Verwicklungen lässt sich der Bürgermeister zur Lebensfreude bekehren. Diese sollten wir also nicht im Gegensatz zum Fasten sehen. Wie kommen wir aber zu unserer eigenen Berufung?

Die Predigt  ist erstaunlich frisch vorgetragen, mit persönlichen Einlassungen gespickt und obendrein lehrreich. So zitiert sie eine jüdische Neutestamentlerin, von der ich noch nie gehört habe, die aber offenbar orthodoxes Judentum mit Feminismus verbinden kann: Professor Amy-Jill Levine hat ein neues Buch über Jesus geschrieben. Vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/Amy-Jill_Levine.

Nach weiteren Gebeten ist Platz für persönliche Grüße: Gäste wie wir werden vorgestellt, kranke Gemeindeglieder erwähnt und die Veranstaltungen sowie der Dank der Woche erklärt. „Thank you to all our pancake munchers last Sunday.“ Manche melden sich vom Platz aus. Das ist die Chance in einer überschaubaren Gemeinde, wo Datenschutz wohl keine Rolle spielt. Mit dem Lied „O for a thousand tongues“ von Charles Wesley gehen wir zum “cuppa after the service“ über. Viele tragen ein Namensschild, auch wenn sie keine Funktion haben. Ich habe u.a. Gelegenheit, mit dem Organisten Jim zu sprechen, der früher im Notfalldienst tätig war. Er und ein Dutzend andere engagieren sich freiwillig jede  Woche für ihre Gemeinde. Offenbar tun sie das alle gern.

http://castlemaine.unitingchurch.orga.au/castlemaine-3/

Am Nachmittag kommt ein leichter Sturm auf und erstmals seit Wochen regnet es sogar.

 

 

 

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