Hanging Rock

Es ist plötzlich kühler geworden, weshalb wir ein paar wärmere Jacken suchen. Eben haben wir noch über die Hitze gestöhnt, jetzt ist es schon wieder zu kalt. Der Mensch ist doch nie zufrieden. Aber es ist die richtige Temperatur für einen Ausflug. Wir fahren in die Berge durch kleine Orte wie Malmsbury, Kyneton, vorbei an Carlsruhe (!) nach Woodend. Hier wohnen viele Leute, die in Melbourne arbeiten. Wir kommen durch ziemlich grüne, hügelige Wälder in die „Macedon Ranges“. Unser Ziel ist ein Felsen, den man „Hanging Rock“ (eigentlich: Mount Diogenes) nennt. Er ist ungefähr 718 m hoch und angeblich 6,25 Millionen Jahre alt. Er liegt auf dem Gebiet des Wurundjeri-Stammes, die hier 26000 Jahre lebten. Andere Namen sind Dja Dja Wurrrung, Woi Wurrung und Tungurung. Sie wurden vertrieben. Es ist kaum eine Wiedergutmachung, wenn man nun auf Plaketten liest, dass man ihr Land „respektiert“. Die Kriege waren hart, weshalb Aborigines von „killing fields“ sprechen. Die letzte Initiationszeremonie fand wohl 1851 statt. Der deutsche Naturforscher Wilhelm Blandowski kam mit einer Expedition 1855 her und hörte den indigenen Namen für den Felsen „Anneyelong“.

Im 19. Jahrhundert waren die Höhlen Unterschlupf für Goldsucher und Buschranger wie den verwegenen Mörder Dan Morgan, nach dem immerhin einige Stellen(„Morgan’s Blood Waterfall“) benannt wurden. 1866 schon legte die Regierung mit dem anliegenden Wasserreservat einen Picknick-Platz an, den wir jetzt nutzen. Nebenan gibt es seitdem auch eine Pferderennbahn. Der imposante Felsen inspirierte Joan Lindsay zu ihrem Roman „Picnic at Hanging Rock“. Einige Schulmädchen verschwinden auf mysteriöse Weise auf einem Ausflug. Im letzten Kapitel erklärte sie das Verschwinden, strich aber das Kapitel auf Empfehlung ihres Verlegers wieder. So ist es noch geheimnisvoller. Nach ihrem Tod wurde das Kapitel veröffentlicht, aber es ist nur kurios. Das hinderte eine andere Autorin nicht,  eine Art Fortsetzung zu schreiben. Weiterhin ranken sich alle möglichen Verschwörungstheorien um diesen Felsen.

Wir picknicken wunderschön am Fuße des Felsens, beobachtet  von zwei Papageien im Baum, die bald nach den Krumen greifen, die vom Tisch fallen. Schöne große Eukalyptusbäume umgeben uns. Auf ihnen sollen Koalas leben, die wir aber nicht entdecken. Man weiß, dass diese Tiere sehr leiden, weil sie von den Blättern leben, die wegen der Dürre zu wenig Wasser führen. Der Weg zum Gipfel ist nicht besonders schwer, aber auf dem Rückweg habe ich mich tatsächlich zwischen den Felsen verlaufen. Mit etwas Phantasie ergeben sie einen wunderbaren Hexentanzplatz. Leider  sind keine da. (Heute ist Internationaler Frauentag!) Ein „discovery center“ informiert über Geologie, Geschichte und Legenden des Felsens.   https://de.wikipedia.org/wiki/Hanging_Rock.

Am Abend schauen wir den Film, den Peter Weir 1975 über diese Geschichte gedreht hat. Er spielt am Valentinstag 1900 in einem Mädcheninternat. Die Schulleiterin führt ein strenges, victorianisches  Regiment. Als aber vier Mädchen und eine Lehrerin vom Ausflug an den „Hanging Rock“ nicht zurückkommen, gerät alles aus den Fugen. Am Ende stürzt sie sich selber vom Felsen.

Der Film wurde ein Welterfolg. Dass er aber kein „happy end“ hat, hat nicht nur die Amerikaner irritiert. Auf diese Weise wirkt aber das Mysteriöse weiter. Vincent Canby schrieb in der „New York Times“: „Horror need not always be a long-fanged gentleman in evening clothes or a dismembered corpse or a doctor who keeps a brain in his gold fish bowl. It may be a warm sunny day, the innocence of girlhood and hints of unexplored sexuality that combine to produce a euphoria so intense it becomes transporting, a state beyond life or death. Such horror is unspeakable not because it is gruesome but because it remains outside the realm of things that can be easily defined or explained in conventional ways.“

In Deutschland lief der Film unter dem Titel „Picknick am Valentinstag“.

https://de.wikipedia.org/wiki/Picknick_am_Valentinstag

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