Castlemaine

119 km nordwestlich von Melbourne liegt das Städtchen Castlemaine (6700 Einwohner). Hier wohnen unsere Freunde Bev und Wes, die wir vor vierzig Jahren im Rahmen meiner Arbeit als Studentenpfarrer in Tübingen kennengelernt haben. Sie haben uns öfter besucht und der Kontakt ist nie abgerissen. Bev war Lehrerin, Wes war als Theologe in seiner Kirche in verschiedenen Funktionen tätig, vor allem in Melbourne.

Am ersten Morgen gehen wir erst einmal zusammen in ein „Italienisches Café“, wo wir viel zu erzählen haben. Hier scheint jeder jeden zu kennen, denn ständig werden wir Leuten vorgestellt, die sich anscheinend alle freuen, dass wir Deutsche sind. Einer der Mitbesitzer heißt „Bürgermeister“ und war auch schon in Berlin.

Dann erkunden wir diese erstaunliche Stadt, die ihre größte Bedeutung in der Goldgräberzeit hatte. Gegründet  wurde sie 1851 als Forest Creek und Mount Alexander, aber erst 1965 offiziell zur Stadt erklärt, obwohl seitdem die Bevölkerung abnimmt. Traditionell gehörte das Land den Dja-Dja-Wurrung- Leuten, die nicht sehr kriegerisch waren. Dennoch gab es blutige Zusammenstöße mit den weißen Siedlern. 1851 wurde Gold von einem Schafhirten entdeckt. Nach kurzer Zeit waren 8000 Goldgräber eingetroffen, am ende des Jahres gar 25000. Die erste Meldung in der Zeitung „Geelong Advertiser“ am 13.3.1852 erscheint kurios: “The Lieutenant Governor has appointed John Fletcher, Esq., J.P., to be Police Magistrate at Castlemaine; but where Castlemaine is situated we cannot tell.“

Dann wurde in schneller Folge ein eindrucksvolles Postamt aufgebaut und ein Krankenhaus. 1853 baute man ein Gefängnis, das gerade umfunktioniert wird zu einem Haus der Kunst. 1967 fand hier die letzte Hinrichtung statt. Man hat von dem Hügel einen schönen Blick auf die ganze Stadt mit ihren weit verstreut liegenden Eigenheimen.

1856 eröffnete man das “Theatre Royal“, das heute als Kino benutzt wird. Hier trat schon die berühmte Lola Montez auf.

Wikipedia: „Elizabeth Rosanna Gilbert, bekannt als Lola Montez (1821-1861) war eine irische Tänzerin und eine Geliebte König Ludwigs I. von Bayern, der sie 1847 zur Gräfin Marie von Landsfeld erhob. Ab 1855 hielt sie sich im Rahmen einer Tournee in Australien, auf und unterhielt dort unter anderem Goldgräber mit ihren Darbietungen. Dabei eröffnete sie mit einer Vorstellung 1856 das Theatre Royal in der Goldgräberstadt Castlemaine. 1857 kehrte sie nach New York zurück. Montez machte sich in Amerika und Großbritannien zuletzt einen Namen mit Lesungen, die ihr ein finanzielles Auskommen ermöglichten. Sie schrieb Schönheitsratgeber, engagierte sich für „Gefallene Mädchen“ und wurde unter Einfluss des protestantischen Journalisten Charles Chauncey Burr (1817–1883) zur bekennenden Christin. 1860 zog sich die 39-Jährige eine Lungenentzündung zu und starb am 17. Januar in New York.“

Das Gebäude verströmt noch den Charme des vorletzten Jahrhunderts, hat zwei Etagen und eine Cafeteria. Ich staune nicht nur über die Größe des Theaters, sondern auch über das anspruchsvolle, aktuelle Programm, das den Vergleich mit Tübingens Arsenal“ nicht zu scheuen braucht. Am Nachmittag schauen wir uns dort den Film „Stormboy“ an.

Es ist bereits die zweite Verfilmung eines australischen Romans von Colin Thiele, den hier viele Kinder von der früheren Fassung her kennen.

Ein erfolgreicher Geschäftsmann wird von seinen Kindheitserinnerungen eingeholt, als Demonstranten ihn mit seiner ökologische Verantwortung konfrontieren. Seine Firma, die er mit seinem Sohn  betreibt, will expandieren. Als Kind hatte er einen Pelikan aufgezogen, dessen Mutter-Pelikan abgeschossen worden war. Dieser Pelikan mit Namen „Mr. Percifal“ bleibt bei ihm , der selber seine Mutter durch einen Verkehrsunfall verloren hatte. Später kann er seinen Vater, einem Fischer,  in einem Sturm mit Hilfe des Pelikans das Leben retten. Das führt allerdings dazu, dass er zur Schule und seinen Pelikan-Freund verlassen muss. Als er dies später als Großvater seiner Enkelin erzählt, beschließen beide eine dramatische Wende in der Firmenpolitik.

Ein wunderschöner Film: langsam in der Dramaturgie, herrlich in den Landschaftsaufnahmen, ein wenig märchenhaft und von großer Humanität. Schade, dass solche australischen Filme wohl selten in Deutschland gezeigt werden.

Ein Trailer ist zu sehen unter https://www.youtube.com/watch?v=jaUpQ2EkbL4

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