Gott

„Wer ist das eigentlich – Gott?“ fragte vor hundert Jahren der Literat und Satiriker Kurt Tucholsky. Er ärgerte sich mit Recht über die inflationäre und leichtfertige Rede von Gott in Kirche und Öffentlichkeit. Man denke nur an den Wahnsinn, dass christliche Völker übereinander herfielen, womöglich mit den Worten „Gott mit uns“ auf dem Koppelschloss der Soldaten.

Seine scharfen Texte mit oft bitter-bösen Pointen haben wohl eine Ursache in der Weltkriegs- Erfahrung dieser Generation, deren gutbürgerlich-christliche Welt in den Schützengräben Frankreichs oder Russlands zusammengeschossen worden war. Heute nach hundert Jahren sehen wir genauer, wie schon der Erste Weltkrieg körperliche und seelische Wunden geschlagen hat, die niemals therapeutisch bearbeitet wurden, sodass manche noch die nächste und übernächste Generation  bis auf den heutigen Tag geschädigt haben. Lese ich Tucholskys Texte heute, stören mich nicht die antiklerikalen Ausfälle, sondern ich sehe sie in  der Tradition eines biblischen Propheten, der das Volk zum Gott des wahren Lebens zurückruft.

„Gott“ – wer ist das eigentlich? Würde ich diese Frage einem jeden, einer jeden von uns stellen, würden wir wohl ganz verschiedene Antworten bekommen.  Wir müssen darin auch gar  nicht in  der Kirche einig sein. Es reicht, wenn wir immer  wieder  eine Antwort in der Bibel suchen. Sie ist die gemeinsame Grundlage der Christenheit. Die vielen Auslegungen sind es nicht, die mögen unterschiedlich sein.

Die Bibel, besonders das Alte Testament, spricht von Gott in Erzählungen. Gott handelt in der Geschichte Israels, allerdings nicht im Sinn der historischen Wissenschaft. Dokumente, auf die diese sich stützen kann, gibt erst seit der Königszeit ab 1000 vor Christus. Was sie also über die frühere Mosezeit sagen kann, sind  Vermutungen. Kein Archäologe wird den brennenden Dornbusch finden, nicht einmal der Gottesberg Horeb ist eindeutig zu lokalisieren. (Touristen zeigt man den Berg Sinai; ein berühmtes Kloster gibt es dort auch.)

Die Bibel (NT und AT) erzählt vom rettenden Gott in der Geschichte. Im Buch Exodus (hebräisch: shemot „Namen“, missverständlicher genannt das 2.Buch Mose), ist es die Rettung aus der Sklaverei Ägyptens. Sie wird immer wieder in späteren Zeiten durch gottesdienstliche Handlungen erinnert, in einem Glaubensbekenntnis zusammengefasst. Die Erfahrung der Rettung geschah als Begegnung. Sie eröffnet ein dialogisches Geschehen zwischen Gott und den Menschen.

„Wenn das Alte Testament von Gottes Retten in den Bereichen der Volksgeschichte, des persönlichen Lebens und der Menschheit im Bereich des Kreatürlichen redet, so zeigt es damit, dass das Retten Gottes eine umfassende Bedeutung hat. Erfahrung von Rettung gehört zum Menschsein.“ (C.Westermann)

Der Predigttext für den kommenden Sonntag ist 2. Mose 3,1-15. Meine Aufgabe ist, wie ich diese gewaltige Erzählung von „Moses Berufung“ in der üblichen Viertelstunde so zur Sprache bringen kann, dass wir von Gottes Wort angerührt werden. Es sind ja nicht nur Religionskritiker,  die fragen, was diese alten Texte uns im Jahre 2019 noch zu sagen haben.

Tucholskys Frage muss  beantwortet werden. 1969 gab es unter diesem Titel zweiundzwanzig Radiovorträge, die ich teilweise gehört habe. Sie wurden später  von Hans Jürgen Schulz als Buch herausgegeben und sind noch immer lesenswert. Ein Leser schrieb: „Diese Beiträge sind auch deshalb so interessant, weil in ihnen noch nichts von der wenige Jahre später einsetzenden Postmoderne mit ihrer aggressiven Geistfeindlichkeit zu spüren war. Damals gab es wohl noch genügend Zuhörer des öffentlich rechtlichen Rundfunks, die sich mehr für die uralten Menschheitsfragen interessierten als für Strukturreformen der Kirchen.“ Der Vortrag des bekennenden Atheisten Jean Améry schloss bemerkenswert versöhnlich: „Die Zukunft gehört der christlich-atheistischen Zusammenarbeit an der Errichtung einer befriedeten Welt.“

Der im KZ als jüdischer Widerstandskämpfer schwer gefolterte Jean Améry konnte wie Kurt Tucholsky mit der christlichen Erlösung nichts anfangen. Vielleicht wäre beider Suizid sonst vermeidbar gewesen.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s