Populismus und Kirche

Wenn ich nicht „Unwort“ selber für ein Unwort halten würde, würde ich „Populismus“ zum Unwort des Jahres erklären. Mittlerweile wird alles, was einem nicht passt, „populistisch“ genannt: Kritik an der EU oder am Euro; Geschwindigkeitsbegrenzung oder auch das Gegenteil; Fahrverbote; Migration bzw. Einwanderung etc. Ich halte alle diese Themen für Angelegenheiten der Vernunft, wo religiöse Bekenntnisse unangebracht sind.

Etwas anderes ist rechtsradikales Gedankengut, das Prälat i.R. Hans-Dieter Wille am 18.1.2019 in Tübingen in seinem Vortrag „Rechtspopulismus – eine Herausforderung für Kirche und Gemeinde“ ansprach.  Er begann mit einer Erinnerung an die gewaltfreie Revolution in der DDR 1989 mit dem Ruf „Wir sind das Volk“.

 „Schon Ende 89, Anfang 90, also wenige Monate nach dem Mauerfall machte sich in den neuen Bundesländern schnell Ernüchterung breit, zum Teil bittere Enttäuschung, weil das mit den „blühenden Landschaften“ ein vorschnelles, falsche Erwartungen auslösendes Versprechen war. Auch die Vision Willy Brandts „Es muss zusammenwachsen, was zusammengehört“ erwies sich als schwieriger, als es sich viele in der Euphorie der Wende vorgestellt hatte.

Dass aber nun gerade eine rechtspopulistische, zivile und demokratische Umgangsformen verhöhnende Bewegung, wie die in den neuen Bundesländern entstandene Pegida, diese wirklich mutige Losung „Wir sind das Volk“ als Hassparole grölend demokratisch gewählten Vertretern und Vertreterinnen einer Regierung und anderer Institutionen entgegenschreien würde – war im Grunde schamlos. Damit konnte niemand rechnen.

„Wir sind das Volk“. 30 Jahre später klingt dieser aus einem ganz anderen geschichtlichen Zusammenhang herausgerissene und uminterpretierte Ruf aus den Kehlen von Rechtspopulisten ganz anders. Inzwischen war diese Parole nicht nur im Osten, sondern auch im Westen heimisch geworden.

An die Stelle der freien, selbstbewussten, für das Gemeinwohl verantwortlichen Bürger und Bürgerinnen  „als zentrale Figuren der liberalen Demokratie“  (Herfried Münkler) tritt nun im populistischen Denken das ethnisch homogene, politisch geschlossene „Volk“, die Monokultur einer „Volksgemeinschaft“, in der alles Fremde und als fremd Erscheinende ausgeschieden werden muss.

Es gibt die Sehnsucht und das Bedürfnis nach Heimat im Vertrauten, die wir alle bei uns selbst kennen und jedem zugestehen sollten. Dem steht die Bereitschaft, dieses Vertraute immer wieder für Fremdes und Fremde zu öffnen überhaupt nicht entgegen. Was unsere Gesellschaft braucht ist ein gesunder, weltoffener Patriotismus, wie ihn Bundespräsident Steinmeier genannt hat, der durch keinen „völkisch“ vergifteten Nationalismus zu ersetzen ist.

Der sog. Heidenmissionar Paulus, der die Christen verfolgte, weil er durch diese judenchristliche Sekte die Ganzheit des jüdischen Volkes in Gefahr sah, dieser Paulus hat es selbst erlebt, was es bedeutet und es theologisch nachdrücklich und streitbar vertreten, dass die mit ihrer religiösen und kulturellen Herkunft Fremden auf einmal gleichberechtigter Teil der christlichen Gemeinde wurden: „Da macht es keinen Unterschied, ob Jude oder Grieche, ob Sklave oder freier römischer Bürger, der Paulus selbst einer war, ob Mann oder Frau, sondern ihr seid alle gleichberechtigt in einer Gemeinschaft mit Christus Jesus“ (Gal 3, 28).

„Wir sind das Volk“ – kann man dann auch so verstehen: Wir alle, die ganz Unterschiedlichen, die mit ihren Unterschieden auch respektiert werden wollen, gehören zu diesem Gottesvolk.

Schamlos war die Übernahme dieser Losung 1989 durch die rechtspopulistische Bewegung auch deswegen, weil sie diese vier Worte, mit der für Freiheit und demokratische Rechte des Volkes der DDR 1989 – in z.T. lebensgefährlicher Situation – demonstriert wurde, nun dazu benutzen, um damit die demokratischen Strukturen und deren Repräsentanten zu verunglimpfen.“

Die Evangelische Kirche hat lange gebraucht bis sie sich von ihrer antidemokratischen Tradition befreit hat. Um so wichtiger ist, dass diese Befreiung weder theologisch noch politisch zurückgedreht wird. Die anschließende Debatte zeigte, dass noch viel zu tun bleibt. Vor allem müssen solche Diskussionen von den Medien und Netzwerken wieder in den Saal verlegt werden, wo Menschen direkt miteinander sprechen. Die Kirche hat mit ihren Gemeindehäusern dafür gute Lokale. Nun gilt es, solche Gespräche in weiteren Gemeinden zu organisieren. Vielleicht sollte man sie von vornherein dialogischer ansetzen, damit der Referent nicht nur „zum Chor (der OFFENEN KIRCHE)“ predigt.

 

 

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