Über den Jordan

Wenn jemand „über den Jordan geht“, lebt er nicht mehr lange. http://www.redensarten.net/ueber-den-jordan-gehen/

Diese Redensart verkehrt eine biblische Wahrheit ins Gegenteil. Nach Josua Kapitel 3 jedenfalls ziehen die Israeliten über den Jordan ins Gelobte Land. „Ganz Israel ging auf trockenem Boden hindurch…“ Das war heute Predigttext. Allerdings habe ich wenig über den Bibeltext erfahren, weil der Pfarrer noch den Übergang ins Neue Jahr thematisierte. Ansonsten fand er mit Dietrich Bonhoeffer von 1925, dass uns die Unsichtbarkeit Gottes kaputt mache. Zum Glück hat dieser berühmte Theologe auch positiv von Gott  gesprochen. So sangen wir sein zum Jahreswechsel passendes Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen…“

Ich blieb trotz der vielen schönen Gedanken an einem Bibelvers hängen, der zwar verlesen, aber nicht weiter erklärt wurde.: „… dass ein lebendiger Gott unter euch ist und dass er vor euch vertreiben wird die Kanaaniter, Hetiter, Hiwiter, Perisieter, Girgaschiter, Amoriter und Jebusiter.“ Jos.3,10.

Sollen wir also an einen Gott glauben, der Völker vertreibt? Es gibt jüdische und christliche Fundamentalisten, die exakt das glauben und danach handeln. Heute wären das die Palästinenser. Die Konsequenzen sind mörderisch. Nun wissen wir, dass sich die „Landnahme“ der alten israelitischen Stämme weit weniger gewaltsam vollzogen hat als es das Buch Josua im Alten Testament darstellt. Das ist kein historischer Bericht im modernen Sinne, sondern eine theologische Interpretation aus der exilischen oder nachexilischen Zeit, also viele Jahrhunderte später. Die historische „Landnahme“ war ein längerer Prozess nomadischer Stämme, die meistens friedlich auf dem Weg  des Weidewechsels ihren Platz gefunden haben. Wer das genauer  wissen will, kann sich informieren bei Matthias Ederer, Das Buch Josua (Stuttgart 2017).

Aber nun steht dieser Vers (neben anderen schlimmen Geschichten) in der Bibel, die wir unseren evangelischen  Predigten zugrunde legen. Was sollen wir also davon halten?

Keinesfalls können wir mit dem Evangelium Vertreibungen sanktionieren. Unsere Friedensbemühungen müssen das Ziel haben, dass alle Menschen ihren Platz auf dieser Erde finden. Darum werde ich diesen problematischen Bibelvers historisch-kritisch relativieren, damit er nicht die Botschaft vom Schalom verdeckt. Friedensarbeit fängt beim Umgang mit der Bibel an, hört aber da nicht auf.

Wir sollten von jüdischen Weisen lernen, dass jede Bibelstelle eine Auslegung enthält, für die wir verantwortlich sind. Notfalls muss darüber „wie in der Judenschule“ gestritten werden. Wo eigentlich finden neben den Gottesdiensten solche Gespräche statt?

Zufällig komme ich am Nachmittag in einem Café mit einem Zeitgenossen ins Gespräch, der von institutionalisierter Religion und ihrer Friedensfähigkeit nicht viel hält. „Man sieht es ja überall…“ Seine Religion ist die Musik. Die sei Frieden. An Militärmusik hat er da wohl nicht gedacht. Menschen können nun einmal alles verderben, auch die Religion.

Nur  selbstkritisch kann man wohl mit gutem Gewissen die Botschaft aus Josua 3 positiv, nämlich evangelisch verstehen, dass in unseren Friedensbemühungen Gott mit uns ist. Nicht exklusiv, sondern andere einschließend. „Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ EG 65,7.

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