Menschenkinder

Leere Kirchen? Nicht in Tübingen, jedenfalls nicht zur Weihnachtszeit. Seit die Stiftskirchengemeinde ihre zahlreichen Festgottesdienste mit Kantaten, d.h. Solisten, Chor und Orchester musikalisch-festlich gestaltet, muss man nicht nur Heiligabend sehr früh kommen, um noch einen guten Platz zu kriegen. Trotz der liturgischen Bemühungen der PfarrerInnen mit anspruchsvollen Predigten hat man allerdings oft das Gefühl, an einem Konzert teilzunehmen.

Heute am Erscheinungsfest hielt die Predigt zwischen Monteverdi und Praetorius die neue Hochschulpfarrerin Dr. Inge Kirsner. Sie hatte sich bereits in einem Zeitungsartikel zum Weihnachtsfest als Filmliebhaberin vorgestellt.

So war es wohl nicht verwunderlich, dass sie nicht mit der Lesung  des Matthäusevangeliums von den Weisen aus dem Morgenland begann, sondern mit der Schilderung einiger Szenen aus dem Film „Children of Men“. („Menschenkinder“ nach Psalm 90,3)

Dieser dystopische Science-Fiction-Thriller von Alfonso Cuarón ist  nun alles andere als eine Gute Botschaft. Er passt allerdings zum geplanten Jesuskindsmord des Königs Herodes, den die sternkundigen „magoi“ bekanntlich vereiteln.

Nun ist  es natürlich kein leichtes Unterfangen, von der Kanzel herab einen Film von 2006 zu schildern, den vermutlich keiner der Anwesenden gesehen hat. Ich verstehe, dass es um den Untergang der Menschheit geht. Die Menschen bekommen keine Kinder mehr und sind zum Aussterben verurteilt. Das Böse nimmt überhand. Biblisch werden wir an die schlimme Babel-Zeit vor Noah erinnert. Aber wo ist die Arche? In dieser Situation wird eine illegale Immigrantin schwanger. Ein desillusionierter Regierungsangestellter namens Theo (heißt auf griechisch „Gottesgeschenk“, Achtung Religion!) soll das ungeborene Baby, ein Mädchen,  an einen sicheren Ort bringen. Ist das die Erlösung? Ich weiß es auch nach der Predigt nicht. Das „Lexikon des Internationalen Films“ schreibt: „Das eindrucksvolle pessimistische Zukunftsgemälde entwirft mit vielschichtigen Figuren eine düstere Version der Weihnachtsgeschichte…“ Na denn!           https://www.youtube.com/watch?v=cB1zcJKS0z8.

Die Kollekte des Gottesdienstes ist teilweise für Projekte evangelischer Missionswerke in Nigeria und Sudan bestimmt. Gerade kurz zuvor hatte ich mit zwei Kollegen gesprochen, die die aktuelle Situation in diesen Bürgerkriegsländern gut kennen, weil sie etliche Jahre dort  gearbeitet haben. So sind beispielsweise die berüchtigten Islamisten von „Boko Haram“ wieder auf den Vormarsch. Frauen und Kinder werden barbarisch abgeschlachtet. Die Welt schaut nicht mal zu wie im Jemen, denn es gibt dort keine Journalisten mit Kameras mehr. Die Berichte sind so schrecklich, dass ich eigentlich keine Spielfilme brauche, um mir den fortwährenden bethlehemischen Kindermord vorzustellen. So gesehen hat  die Produktion von Kantaten mit eingestreuter Dystopie etwas Dekadentes. Um so mehr bewundere und unterstütze ich Christen und ihre Kirchen, die in dem kriegerischen Horror die weihnachtliche Friedensbotschaft umsetzen.

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