Bohème geschenkt

„Wir schenken uns nichts mehr“. Jedes Jahr missachten wir diesen Weihnachtswunsch. Aber wenigstens nichts Materielles. Also geht die ganze Familie am 2. Weihnachtstag in die Stuttgarter Oper zu „La Bohème.“

Als Kind hatte mich mal meine Lübecker Tante in diese Oper mitgenommen, weil eine entfernte Verwandte als Statistin mitwirkte. Viel verstanden habe ich  damals nicht. In Erinnerung bleib mir nur der Satz „Wie eiskalt ist dies Händchen.“ (Che gelida manina). Jahrelang konnte man mich mit Opernmusik jagen. Seit aber Regisseure fast jedes Theaterstück verhunzen, zieht es mich zu Aufführungen, deren Musik man wenigstens nicht verändern kann.

Die aktuellen Rezensionen der Stuttgarter Aufführung,  die ich im Internet finde,  sind nicht berauschend. Aber darauf gebe ich nichts. Da schreiben Leute, die ständig im Theater sitzen.

Um die Stuttgarter Inszenierung besser zu verstehen, hören wir uns die Einführung des Dramaturgen an. Er erläutert zunächst den Roman, der dem Libretto vorausgeht.

Dann geht er auf die Biografie Puccinis ein, der Erfahrungen aus seiner eigenen ärmlichen Studienzeit einbringt. Der hat damals sogar einen eigenartigen Männer-Club mit skurrilen Statuten gegründet.

Schließlich betont der Dramaturg die besonderen Interessen der Regisseurin Andrea Moses. Sie versteht die Bohème-Künstler als Selbstdarsteller, die sich den Erfordernissen des Kunstmarkts unterwerfen. Sogar das Sterben der lungenkranken Mimi wird am Ende selbst zum Kunstobjekt.  Sie verlegt  die Oper in die Jetztzeit. Eine Hälfte der Bühne zeigt die unwohnliche Männer-WG mit zeitgemäßen Werkzeugen wie Laptop, Mischpult, Kameras, mit denen sie sich filmen. Die andere Hälfte ist mit übereinander gestapelten Fernsehern vollgestopft, die ständig ihre gefilmten bunten Videos senden.

Der (mir bisher nicht bekannte) Streetart-Künstler Stefan Strumbel bietet ein abwechslungsreiches Bühnenbild, sodass nicht nur die Ohren, sondern auch die Augen gefordert sind. Die Künstler-WG im ersten Bild ist so detailliert ausgebaut, dass man unwillkürlich an eigene Studentenbuden erinnert wird. War ich ein Messi damals? Das Private wird öffentlich.

Im zweiten Bild fasziniert den Zuschauer dann ein weihnachtlicher Konsumtempel, wo sich Käufermassen und Verkäufer durch die Stuttgarter Straßen wälzen. Den Weihnachtsbaum krönt der bekannte Mercedes-Stern. Der Platz am Café Momus: eine Shopping-Mall mit kostümiertem Volk, Schneehasen, Pinguin, Engel, Eisbären, Schnee­königin, Nackttänzerin, Früchten; die Kinder neonfarben kostümiert. Wie in einem Musical. Die leichtlebige Musetta erscheint in blonder Riesenperücke. Die Bohemiens nehmen Mimi vor dem Café Momus in ihren seltsamen Bund auf. Sie engagieren sich außerdem ein bisschen politisch, ziehen zum Fest also mit Guy-Fawkes-Masken los und geraten sogar in einen Polizeieinsatz. Hemmungslos inszeniert die schrille Musetta einen Skandal. Alles versinkt im Chaos.

Im dritten Bild sieht man in öden Stuttgarter Hinterhöfen eine eisige Landschaft. Prostitution im Container. Es schneit. Rodolfo, der Dichter,  ist verzweifelt wegen Mimis tödlicher Krankheit. Paare finden und  trennen sich. Die angebliche Romantik des freien Künstlerlebens kippt.

Im vierten Bild stürzt die sterbende Mimi in das grelle Licht des trügerischen Kunstmarktes. Zahlreiche Bildschirme reflektieren das Geschehen. Sie selbst hat die Videokamera aktiviert; das Bild auf der großen Videoleinwand friert ein – eine große Pause des Orchesters kündigt ­Mimis Tod an. Spot aufs Sofa – das Leinwand­gesicht verliert seine Farbe – ein roter Punkt signalisiert: Das Bild ist verkauft.

Dass sich Künstler inszenieren, gehört zum Geschäft. Man akzeptiert es. Im Fernsehzeitalter treten Journalisten und Politiker in Talkshows auf. Betonung auf Show! Das ist schon problematischer.

Und wir Pfarrer? Da wird es heikel. Einerseits ist ein Gottesdienst eine Art Aufführung. Vikare lernen heute bei Schauspielern, wie man sich bewegen und reden kann. Andererseits soll es eben keine Show sein. Es muss der Botschaft, dem Evangelium dienen. Pfarrherrliche Selbstinszenierungen finde ich darum unerträglich.

Und wie steht es im sonstigen Leben? Prägen wir unsere Rolle – oder ist es umgekehrt?  Ein Medium wie Facebook z.B. verführt ja zur Selbstinszenierung. Man braucht sich nur die eigentlich doch persönlichen Fotos anzuschauen. Manchmal ist die Sprache verräterisch. Mein Großvater, ein Dorfpastor, hatte ein „Studierzimmer“. Meine Generation fand das Wort „Pfarrbüro“ angemessener. Eine jüngere Kollegin spricht von ihrem „Atelier“.

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