Gescheiterte Integration?

„Die Wirtschaft und ihre exportorientierten Interessen, der Sozialstaat und seine Profiteure, die Kirchen und ihre Privilegien, die Islamverbände und ihre Agenda wehren sich gegen ein umfassendes Integrationskonzept.“

Das ist eine These aus dem neuen Buch „Integration“ von Hamed Abdel-Samad, das ich im politischen Gesprächskreis der Rottenburger Stadtbibliothek vorstelle. Der Autor wird nicht nur von Muslimen angegriffen, sondern ärgert auch linksliberale Zeitgenossen, die ihren Traum von der multikulturellen Gesellschaft nicht stören lassen wollen. Ich aber schätze seine der europäischen Aufklärung verpflichteten Position, die er schon in seinen Büchern über Mohammed und den Koran dargelegt hat.

Abdel-Samad ist 1972 in Gizeh bei Kairo als Sohn eines Imams geboren und 1995 nach Deutschland gekommen.  Er hat Islamwissenschaft und Politologie studiert, aber auch über jüdische Geschichte gearbeitet. Mehrere islamische Geistliche haben 2013 zu seiner Ermordung aufgerufen, weil er den Islam mit dem Faschismus verglich. Weil die Sicherheitsbehörden von einer realen Gefahr ausgehen, wird Abdel-Samad seither rund um die Uhr beschützt.

Auf den ersten etwa 230 Seiten breitet der Journalist seine Diagnose aus, die schon der Untertitel zusammenfasst: „Ein Protokoll des Scheiterns“. Er kennt zwar auch Integrationserfolge, aber insbesondere in islamischen Kreisen sieht  er Deutschland bedroht von Integrationsverweigerern.

Der Autor beschreibt seine persönliche Integration, die zu der Erkenntnis  führt: „Das islamische Wertesystem und das westliche Wertesystem passen einfach nicht zusammen.“ In Teilen würden sich beide System sogar ausschließen.

Er listet auf, was wo alles schiefläuft bei der Integration der muslimischen Einwanderer: Bildungsverweigerung, mangelnde Wertevermittlung, Ausgrenzung, Politisierung des Islam, Anspruchsmentalität, „Naivität der Politiker“, Fehlen einer offenen Streitkultur.

So kritisiert er die unzähligen Studien zu Migration und Integration, unter denen sich jeder das Passende aussuchen könne. Der Autor bevorzugt deshalb das unmittelbare Gespräch mit Migranten, um der Wahrheit näherzukommen. Allerdings trifft er vor allem Migranten, die seinen Befund stützen.

„Leider hat sich unter den Muslimen noch kein Gegenkollektiv gebildet, das Freiheit nicht nur toleriert, sondern auch zelebriert. Der freie Muslim ist nach wie vor ein Einzelkämpfer, der nicht nur für seine Freiheit kämpfen, sondern sich dafür bei vielen sogar entschuldigen muss.“

Seine These des Scheiterns stützt er auch durch diverse Reisen. Er erzählt, dass er Migrantenviertel in Paris, Marseille, Brüssel, Amsterdam, Aarhus, Kopenhagen, Malmö, Bonn und Berlin besucht habe: „Nicht überall konnte ich unbeschwert spazieren gehen, in vielen dieser Orte gibt es No-go-Areas, vor denen die Polizei mich gewarnt hat.“

Sein  Appell: „Wenn wir uns genauso vehement für unsere Werte einsetzen würden wie die Intoleranten für ihre, könnten wir die Demokratie noch retten.“ Die „Zivilisation“ sei durch intolerante Muslime gefährdet, die „Zersetzungstendenzen“ seien „weit fortgeschritten“. Und er zieht noch eine Parallele zur dunkelsten Vergangenheit: Damals die schweigende Mehrheit der Deutschen zwischen 1933 und 1945, heute die schweigende Mehrheit der friedlichen Muslime, die nichts zum heutigen Terror sage.

Er stellt berechtigte Fragen und weist auf Widersprüche im politischen Spektrum hin. Wenn er kritisiert, dass Politik und Teile der Gesellschaft Migranten zwar förderten, aber zu wenig fordern, weil man das für Diskriminierung halte. „Ich nenne das ,Rassismus der gesenkten Erwartungshaltung'“, weil „diese Leute“ Migranten in ihrer „Opferhaltung“ bestätigten. Überhaupt dürfe man den Rassismus nicht vorschnell verantwortlich machen für Defizite auf Seiten von Muslimen. Oft liege etwa eine Jobabsage am fehlerhaften Deutsch der Migranten.

„Millionen von Migranten haben sich durch eigene Kraft und ohne staatliche Maßnahmen in dieses Land integriert. Auch Muslime! Gelungen ist aber nur ihr individuelles Ankommen, gescheitert der Versuch, Muslime als Kollektiv zu integrieren. Konservative Kräfte bestimmen heute das Bild vom Islam. Der Staat, indem er die Islamverbände förderte, hat Integrationsgegner zu Wächtern des Integrationsprozesses gemacht – und so das Glaubenskollektiv gestärkt, nicht den Einzelnen.“

Integration ist keine Einbahnstraße, beide Seiten müssen etwas dafür tun – und beide müssen es wollen. Aufseiten der Migranten setzt Integration Widerstand gegen muslimische Einflüsse voraus. „Wer sich in eine freie Gesellschaft integrieren will, muss sich weigern, Teil von unfreien Strukturen zu bleiben. Dazu braucht er Entscheidungsfreiheit. Eine patriarchale Kultur, die auf Ehre und Gehorsam setzt, räumt dem Einzelnen keine Freiheit ein. Die Mainstream-Theologie des Islams zwingt Muslime, sich entweder als Muslime oder als Europäer zu definieren. Deutschland muss sich endlich gegen diese Theologie und dieses Patriarchat abgrenzen. Zwischen Freiheit und Unfreiheit gibt es keinen Mittelweg.“

Besonders verurteilt er die Islam-Verbände, die vor allem die Gleichstellung mit den Kirchen anstreben und dafür „Kreide fressen“. Diese sieht er durch die üblichen „Dialoge“ als Komplizen, um eigene Privilegien zu verteidigen. Der konfessionell-getrennte Religionsunterricht beispielsweise erschwere die Integration und solle durch einen gemeinsamen Ethik-Unterricht ersetzt werden.

Tatsächlich kann ich aufgrund meiner eigenen Dialog-Tätigkeit bestätigen, dass kritische Beiträge meistens beleidigt abgewiesen wurden und man sich gern in einer gewissen Opferrolle gefiel. Muslimische Vertreter suchten immer Unterstützung für ihre Anliegen, waren aber nicht an einer selbstkritischen Debatte etwa zur Frage der Gewalt interessiert.

Als ehemaliges Mitglied der Islam-Konferenz weiß der Autor, dass auch dort keine kritische Debatte stattfindet, sondern die konservativen Verbände nur das Interesse hätten, an staatliche Gelder und Anerkennung zu kommen. Dabei seien sie noch immer aus dem Ausland gesteuert.

Auf den letzten 30 Seiten skizziert Abdel-Samad einen „Marshallplan“ für gelingende Integration. Mag auch diese historische Parallele falsch sein: Würde der Forderungskatalog (an Staat, Justiz, Polizei, Wirtschaft, Schule Zivilgesellschaft u.a.) umgesetzt, das Land käme schneller ans Ziel eines toleranten und freiheitlichen Miteinanders. Er will alle relevanten Akteure in die Pflicht nehmen, nicht zuletzt auch die Kirchen. Sie sollten der Versuchung widerstehen, sozusagen eine Koalition der Religiösen gegen die Säkularen einzugehen.  Dazu zitiert er zustimmend Nikolai Frederik Severin  Grundtvig, dänischer Pfarrer und Philosoph: „Sei zuerst Mensch, dann Christ.“

Hamed Abdel-Samad: Integration. Ein Protokoll des Scheiterns. Droemer Knaur München 2018, 272 Seiten, 19,99 Euro. E-Book: 17,99 Euro.

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