40 Jahre AK Orthodoxie

Ungewöhnliche Männerstimmen erschallen am Freitag in der Stuttgarter Diakonissenanstalt. Orthodoxe Würdenträger singen einen Lobpreis. Sie sind wie ich Gäste bei einer Feier zum 40. Jubiläum des „Arbeitskreises Orthodoxe Kirchen“ (AKO) der württembergischen Landeskirche. Auf deutsch klingt der Lobgesang etwas seltsam, vor allem die zwölfmalige Wiederholung des „Kyrie eleison“. Die  eigentlich vorgesehene vierzigmalige (!) Wiederholung beim Schlussgebet erlässt uns der Liturg gnädiglich.

Dann folgen etliche Rückblicke der noch lebenden Gründungsmitglieder des AKO. Viele von ihnen haben orthodoxe Theologie studiert oder im Austausch in „orthodoxen Ländern“ gearbeitet.

Von ihnen habe ich während meiner vierzehnjährigen Mitarbeit als Studienleiter für Ökumene viel gelernt. Allerdings haben mich im Sinne der Ausrichtung unserer Evangelischen Akademie Bad Boll vor allem die politischen und sozialen Fragen interessiert. Die meisten orthodoxen Kirchen sind nun einmal politisch konservativ bis reaktionär. Höhepunkt war  sicherlich unsere gemeinsame Studienreise in die Ukraine. Gerade dort aber bekam ich einen Eindruck von den internen harten Auseinandersetzungen der verschiedenen orthodoxen Kirchen. Diese fanden oftmals eine Bestätigung durch Reisen nach Armenien, Georgien, Russland, Serbien, Rumänien, Türkei und Griechenland. Nicht zu vergessen der Nahe Osten. Dennoch habe ich mich in unzähligen Tagungen um „Brückenbau“ bemüht. Wer von orthodoxer Seite daran teilnahm, war meistens dialogisch orientiert. Die durchaus mehrheitlich vorhandenen dogmatischen „Betonköpfe“, die uns Protestanten als Ketzer ablehnen, habe ich nur indirekt kennengelernt. Für jene ist Ökumene ein Schimpfwort.

Grundsätzlich kam ich natürlich an der nun einmal bestehenden Hierarchie nicht vorbei und musste mich oft diplomatisch schier verbiegen. Viel angenehmer war das Gespräch mit einfachen Christen ohne Amt und – für mich überraschend – mit orthodoxen Frauen. (Die bei der Feier des AKO leider keine Stimme hatten.) Was manche Äbtissin in sozialer Hinsicht mit ihrem Kloster leistet, wird viel zu wenig gesehen.

In einem Kloster, dem von  Niederaltaich, das den byzantinischen Ritus pflegt, habe ich meine beste orthodoxe Schulung bekommen. Der leider verstorbene Pater Irenäus nahm den 68iger Protestanten scharf ins Gebet: d. h. die volle  kirchenslavische Litanei jeden Morgen früh auf nüchternem Magen. Ich gestehe: der  Gesang kann einen süchtig machen. Eigentlich wollte ich mein Examen vorbereiten, nahm aber stattdessen ein kleines Sonderstudium auf.

Damals musste man sonst in fremde Länder reisen, um die Orthodoxie kennenzulernen. Mittlerweile leben durch  die Migration orthodoxe Christen neben uns. Das war denn auch ein ständiges Thema unseres  Arbeitskreises. Erst als Gäste, nun als Partner treten sie selbstbewusst auf. Manche haben sich auf die moderne westliche Welt eingelassen und lernen schnell. Man merkte an den Beiträgen von Metropolit Augoustinos oder Pfr. Dr. Sardaryan und diversen Grußworten, dass sie nicht nur die deutsche Sprache beherrschen, sondern auch den deutschen Protestantismus wertschätzen .

Unser Landesbischof July hat recht, wenn er in seinem Beitrag betonte, dass in einer konfliktreichen Welt das kirchliche Modell der „versöhnten Verschiedenheit“ für Europa beispielhaft sein könne. Er vertritt ja die Evangelische Kirche in diversen internationalen Gremien. Ich habe ihn ermuntert, davon doch mehr zu erzählen. Auch durch Twitter und Facebook. Die Leute kriegen sonst ja nichts mehr mit. Die Zeitungen berichten über kirchliche Thesen immer seltener und schlechter. Manche Journalisten können kaum evangelisch und katholisch unterscheiden, geschweige denn dass sie eine Ahnung von der Orthodoxie haben.

Manchmal allerdings ist es gut, wenn keine Journalisten dabei sind. Bei  einer Tauffeier jüngst in Tübingen schickte der orthodoxe Priester brüskierend die Mutter wieder weg, weil sie geschminkt war. Seine Worte vor der schockierten Gemeinde: „Das schickt sich nicht im Heiligtum Gottes.“

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