Kirche als Minderheit

Der Zusammenhalt in Europa ist durch Nationalismen, ökonomische und ökologische Ausbeutung sowie ungeregelte Migration gefährdet. Können die Kirchen in Europa eine Kraft werden, die Frieden nicht nur religiös deklamiert, sondern spürbar fördert? Mit dieser Frage nahm ich am 10. November an einer Tagung des Evangelischen Bundes (EB) im Tübinger Stift teil. Der EB versteht sich als kirchlicher Verein, der das Erbe der Reformation für die Gegenwart fruchtbar machen möchte: www.evangelischer-bund.de.

Im Rahmen der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) ist ein Studienprozess „Theologie der Diaspora“ gelaufen, der von zwei beteiligten Professoren vorgestellt wurde. Mit deutscher akademischer Gründlichkeit haben sie ein „Papier“ erarbeitet.

Vgl. ausführlich http://www.leuenberg.net/de/studienprozess-theologie-der-diaspora.

Die Tatsache, dass viele evangelische Kirchen sogenannte Minderheitskirchen sind, greift der Studientext „Theologie der Diaspora“ auf. Nach einer ausführlichen Diskussion des Diaspora-Begriffs  aus historischer und theologischer Sicht geht das Papier auf Fragen des Verhältnisses von Diaspora, Kirche und Öffentlichkeit und damit Aspekte Öffentlicher Theologie ein.

Meine Erfahrung nach vierzehn Jahren als Ökumenereferent einer Akademie ist, dass Papiere wenig bewirken. Ab 2001 haben wir mit viel Aufwand uns für die „Charta Oecumenica“ engagiert, die immer noch sehr gut ist, aber faktisch keine Rolle mehr spielt. Sogar von einer „Selbstverpflichtung“ war die Rede, in Wahrheit wurde sie kaum bekannt gemacht.   https://www.oekumene-ack.de/themen/charta-oecumenica.

Gelernt habe ich auf dieser Tagung: „Wo reformatorische Kirchen als Minderheitskirchen existieren, hat die reformatorische Einsicht  vom Anspruch des Evangeliums auf das Ganze des Lebens zur Unterscheidung von der gesellschaftlichen Mehrheit geführt. Eine solche Abgrenzung kann dem Zeugnis vom Evangelium zugute kommen und  als Befreiung erfahren werden. Sie führt dann zu einer ‚nonkonformistischen’ Lebensform, die  Zeugnischarakter beansprucht. Freilich ergibt sich dabei oft die Notwendigkeit, diese ‚nonkonformistische’ Zeugnispraxis zu unterscheiden von unreformatorischem Sektierertum, das sich dem konstruktiven Einsatz für das Ganze entziehen kann.“

Das Beste an solchen Tagungen und Studienprozessen sind die Begegnungen der Beteiligten. Von ihnen erwarte ich, dass sie die gewonnenen Einsichten in ihrer weiteren Tätigkeit umsetzen. Deswegen waren mir die Beiträge junger Stipendiaten aus Italien, Frankreich und Rumänien hilfreich. Viele „Graswurzelinitiativen“ sind interessant, manche aufregend. Aber die Kirchen als solche sind schon in sich zu unterschiedlich, um mit einer Stimme zu irgendwelchen Themen zu sprechen. Ich zweifle also, ob sie etwas Bedeutsames für die Einigung Europas beitragen können.

Ansonsten mag ich den Begriff „Diaspora“ für unsere christliche Existenz nicht. Jahrelang habe ich als evangelischer Pfarrer in der katholischen Bischofsstadt Rottenburg am Neckar gegen diese Zuschreibung gesprochen. Mit über 6000 Mitgliedern ist unsere evangelische Gemeinde mittlerweile dort keine Minderheit mehr.

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